Wort zum Sonntag: Fastenzeit: Endlich Ballast abwerfen


„Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5,8).

Wir befinden uns in der Passionszeit. Es ist eine stille Zeit im Kirchenjahr, in der wir Jesu Christi auf dem Weg zum Kreuz begleiten. Oft begegnen uns in diesen Wochen Worte wie „Sünde“ und „Buße“. Für viele von uns klingen sie fremd oder nach einer strengen Moral aus alten Zeiten. Doch was bedeuten sie eigentlich heute, für uns evangelische Christen in Rumänien?

Um das zu verstehen, hilft ein Blick in die Sprachen der Bibel. Im Hebräischen, der Sprache des Alten Testaments, heißt Sünde „Chata“. Das ist eigentlich ein praktisches Wort aus dem Sport: Es bedeutet „das Ziel verfehlen“. Stellen Sie sich einen Bogenschützen vor, der fest entschlossen ist, die Mitte der Scheibe zu treffen. Er spannt den Bogen, lässt den Pfeil fliegen – doch der Pfeil geht weit am Ziel vorbei. Er hat sein Ziel verfehlt.

Genau das ist Sünde in Gottes Augen. Es geht nicht nur um eine Liste von (kleinen) Fehlern. Es ist vielmehr ein Zustand: Wir leben an unserem eigentlichen Ziel vorbei. Gott hat uns erschaffen, damit wir in Liebe mit ihm, mit unseren Mitmenschen und mit der Natur verbunden sind. Das ist die Mitte der Zielscheibe. Wenn wir aber nur noch um uns selbst kreisen oder den Nächsten übersehen, dann verlieren wir die Richtung. Wir verfehlen das Leben, für das wir eigentlich gemacht sind.

In unserer evangelischen Tradition beschrieb Martin Luther den Sünder als einen Menschen, der „in sich selbst verkrümmt“ ist. Wie jemand, der nur auf seine eigenen Füße starrt und den weiten Himmel über sich gar nicht mehr wahrnimmt.

Die Passionszeit lädt uns nun zur „Buße“ ein. Im Griechischen, der Sprache des Neuen Testaments, heißt dieses Wort „Metanoia“. Das klingt kompliziert, bedeutet aber etwas sehr Befreiendes: „Umdenken“ oder „Sinnesänderung“. Buße ist kein trauriges Kriechen am Boden. Es ist der mutige Moment, in dem der Bogenschütze merkt: Ich ziele in die falsche Richtung. Es ist das Innehalten und das Neuausrichten des ganzen Lebens auf Gott hin.

Jesus Christus ist seinen Weg zum Kreuz gegangen, um uns genau dabei zu helfen. Er trägt die Last unserer Zielverfehlungen. Er zeigt uns: Gott lässt uns nicht fallen, wenn wir danebenschießen. Er lädt uns ein, den Bogen neu zu spannen.

Für uns evangelische Christen bedeutet Fasten in dieser Zeit deshalb: Ballast abwerfen, der uns den Blick auf das Ziel verstellt. Vielleicht verzichten wir im Fasten auf den Groll gegen den Nachbarn und die tägliche Hektik, die uns blind macht für das Schöne – und schaffen so Raum, um das Ziel wieder neu zu treffen: die Liebe zu Gott und zu unserem Nächsten.

„Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“ Epheser 4,31–32.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Passionszeit, in der Sie die Freiheit finden, neu Maß zu nehmen.