Wort zum Sonntag: Zwischen Freiheit und Versuchung



Mit dem Aschermittwoch verstummt das laute Getöse des Karnevals, und leise beginnt die Fastenzeit mit der Einladung: innehalten, verzichten und den Blick neu ausrichten. Viele Menschen nehmen sich in diesen Wochen vor, auf etwas zu verzichten – auf Fleisch, Süßigkeiten, Alkohol oder schlechte Gewohnheiten. Doch Fasten kann mehr sein als Selbstdisziplin. Es kann helfen, den Blick dafür zu schärfen, was unser Leben bestimmt.

Der erste Sonntag der Passionszeit trägt den Namen Invokavit – „Er ruft mich an“. Der Name geht auf ein Wort aus Psalm 91 zurück: „Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not; ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.“ In diesem Vers liegt eine große Verheißung: Der Mensch ist in seiner Not nicht allein. Gott, der Herr, hört.
Gleichzeitig lenkt dieser Sonntag den Blick auf die Versuchung. Dazu stellt unsere evangelische Perikopenreihe die alte Geschichte vom Sündenfall aus dem 1. Buch Mose vor Augen (Genesis 3, 1-19). Sie erzählt von der Schlange, vom verbotenen Baum und von der Entscheidung des Menschen. Diese Erzählung will keine naturwissenschaftlichen Anfänge erklären. Sie ist nämlich ein ätiologischer (d.h. erklärender) Mythos – eine Ursprungsgeschichte, die deutet, warum die Welt so ist, wie wir sie erleben.

Mythos bedeutet dabei nicht Unwahrheit. Im Gegenteil: Ein Mythos ist eine erzählte Erfahrung. Man könnte sagen: Er ist eine Art Märchen – und das Märchen gehört zu den tiefsten Ausdrucksformen menschlicher Erfahrungen. Solche Geschichten fragen nicht zuerst: „Ist es genau so geschehen?“, sondern: „Was sagt uns das über unser Leben?“

Die biblische Urgeschichte versucht zu erklären, warum der Mensch Angst kennt, warum Arbeit mühsam ist und warum Geburt mit Schmerzen verbunden ist. Vor allem aber deutet sie eine Grunderfahrung: die Gottesferne – dass Gott nicht sichtbar neben uns steht und nicht unmittelbar mit uns spricht.

Zugleich erzählt sie von einem großen Geschenk. Der Mensch hat die Fähigkeit erhalten, Gut und Böse zu unterscheiden. Damit ist er frei geworden. Doch diese Freiheit schließt auch die Möglichkeit ein, das Falsche zu wählen und Schaden anzurichten – an sich selbst, an anderen und an der Schöpfung.

Die Versuchungen unserer Zeit kommen selten dramatisch daher. Sie sind leise und alltäglich: der Wunsch, immer mehr zu besitzen; die Versuchung, einfachen Antworten und Verschwörungstheorien zu glauben; die Gewohnheit, vorschnell zu urteilen; die Angst, zu kurz zu kommen. Was harmlos beginnt, kann uns Schritt für Schritt von dem entfernen, was unserem Leben Tiefe und Halt gibt.

Und doch steht über allem die Zusage des Psalms: „Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören.“ Wo Menschen sich in ihrer Not an Gott wenden, bleibt er nicht fern. Glaube bedeutet, darauf zu vertrauen, dass unser Leben getragen ist – auch dort, wo wir die Zusammenhänge nicht verstehen.

Vielleicht ist die Fastenzeit gerade deshalb eine heilsame Unterbrechung. Sie lädt dazu ein, still zu werden und sich zu fragen: Was dient dem Leben – meinem eigenen und dem der anderen? Und wo wäre es an der Zeit, neu zu vertrauen?

Invokavit erinnert daran: Wir leben zwischen Freiheit und Versuchung. Aber wir sind nicht allein. Gott hört, wenn wir rufen.