Zugebissen: Qualität vs. Glanz


Wie in jedem Jahr entzündete sich die Kerze in der Grabeskirche am orthodoxen Karsamstag. Traditionsgemäß bleibt dieses Wunder an den katholisch-evangelischen Terminen aus, denn es folgt ausschließlich der östlichen Kalenderzählung. Und wie in jedem Jahr wurde das Patriarchat des Landes an der Donaumündung zum Logistikdienstleister, der das Licht per Privatjet in die Heimat brachte. Man möchte sich die Piloten vorstellen, wie sie mit verkrampften Fingern am Steuerknüppel sitzen und hoffen, dass niemand im hinteren Teil des Jets niesen muss. Ein falscher Luftzug, und die ganze spirituelle Operation verwandelt sich in einen ungeplanten Rückflug Richtung Jerusalem. „Technische Gründe“, würde es dann heißen. 

Gelandet wird auf dem wahrscheinlich unmodernsten Hauptstadtflughafen der EU. Hier wird das Licht in einer Prozession aus glänzenden Limousinen weitergereicht. Mercedes, BMW, Tesla – die Heilige Dreifaltigkeit der automobilen Selbstvergewisserung. Die Botschaft ist klar: Wenn schon Wunder, dann bitte mit Komfortpaket und Sitzheizung. 

Währenddessen scheiterten in einer südasiatischen Hauptstadt die von einem stellvertretenden Unterhändler eines Großreichs geleiteten Verhandlungen mit einem nahöstlichen Staat. Wahrscheinlich staunte der Gesandte bass, dass ihm gegenüber keine Politiker standen, die ihn mit der Stirn am Boden und ergebenem Handkuss erwarteten. Hatte nicht sein oberster Mentor verkündet, der totale Sieg des stärksten Heeres der Weltgeschichte sei längst in trockenen Tüchern? Wo blieb die dem Sieger gebührende Ehrerbietung, wo die Huldigungsopfer in Form von Erdöl und angereichertem Uran? Wo die dem neuen Messias zugedachte Anbetung? Hatte nicht derselbe Mentor gerade erst den größten Kirchenfürsten der Welt in die Schranken gewiesen und auf seinem sozialen Netzwerk ein künstlich generiertes Bildnis als bombenumgebener Wundertäter verbreitet? 

Und die Welt dreht sich weiter. Während der selbsternannte Völkerapostel der Diplomatie noch nach seiner Aura sucht, setzt ein kleines, eigensinniges Volk irgendwo zwischen Steppe und Donau zum nächsten politischen Hieb an. Hatte nicht der Unterhändler persönlich erklärt, wohin die Reise führen müsse? Hatte nicht sein Mentor selbst zum Telefon gegriffen und bestätigt, dass seine Worte ernst zu nehmen seien? Ein befreundeter Machthaber im Osten hatte sogar alles getan, damit alles so bleibt, wie es ist. Und am Abend tanzt dann dieser Magyar auf der Bühne zu „We are the champions“.

Ob Péter, der als Junge der Legende nach  seinem Orban-Poster frönte, wirklich das hält, was er verspricht, muss sich noch zeigen. Klar ist, dass er zumindest trotz seines inzwischen entthronten Meisters eine wahrscheinlich EU-nähere Politik führen wird. Zum Heilsbringer sollte man ihn aber noch nicht hochstilisieren.
Und bei all dem Getöse, all den Heilsbringern, die im Wochentakt aus dem Boden schießen wie Pilze nach einem warmen Regen, gibt es manchmal eine Stimme, die leiser ist – und gerade deshalb lauter wirkt. „Es ist gut, dass die Kirche sich bemüht, jedes Jahr den Glaubenden den Zugang zum Licht aus Jerusalem zu ermöglichen. Aber qualitativ gibt es keinen Unterschied zwischen dem Licht aus der Grabeskirche und dem Licht, das in einem kleinen Gebirgsdorf im Altar in der Osternacht angezündet wird“, erklärt Vasile B˛nescu, ehemaliger Pressesprecher der Patriarchie in einem Interview. Ein Satz wie ein Hammerschlag der Normalität, der die Welt entzaubert und gleichzeitig rettet. Vielleicht ist genau das das Problem unserer Zeit: Wir verwechseln Spektakel mit Bedeutung, Inszenierung mit Wahrheit. Vielleicht bräuchte die Welt weniger Heilsbringer und mehr Menschen, die wissen, dass ein Funke auch dann leuchtet, wenn kein Jet ihn transportiert. Vielleicht bräuchte sie wieder ein Gefühl für Qualität – nicht für Glanz.