Wer die Zukunft düster sieht, wappnet sich für das Schlimmste. Bloß keine unnötigen Ausgaben, bloß nichts Größeres kaufen, nichts investieren, kein finanzielles Rikiso eingehen, lieber warten und Tee trinken. Finanzexperten sagen, die sichere Erwartung einer Inflation wirke wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Und mit einer solchen rechnen laut jüngster Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts IRSOP immerhin ganze 78 Prozent der Bevölkerung Rumäniens. Spürbare Inflation aber destabilisiert die Gesellschaft, schafft ein Gefühl der Ungleichheit vor „denen mit den großen Gehältern, die geschützt und protegiert werden“, und kann, wenn sie länger anhält, für ein Leben traumatisieren, so die Experten in der Zusammenfassung der Umfrageergebnisse.
Von 500 Befragten als repräsentive Zahl für die erwachsene Bevölkerung des Landes gaben über zwei Drittel (61 Prozent) an, im Vergleich zum Vorjahr finanziell schlechter dazustehen. Nur ein Drittel sieht sich auf der gleichen Stufe und zehn Prozent geht es wirtschaftlich schlechter. Damit übereinstimmend ergibt die Frage nach den Ausgabegewohnheiten für alltägliche Konsumgüter: zwei Drittel schnallen den Gürtel jetzt enger und sparen am täglichen Konsum. Nur ein Drittel zeigt keine Veränderung im Konsumverhalten und zehn Prozent geben etwas mehr aus als im Vorjahr.
Doch nicht nur der eigene Wohlstand wird kritisch betrachtet: Beim Blick über den eigenen Tellerrand hinweg meinen sogar 82 Prozent der Befragten, der allgemeine Lebensstandard der Bevölkerung in Rumänien habe sich innerhalb eines Jahres verschlechtert. Nur 11 Prozent finden, er sei gleich geblieben, 7 Prozent meinen, er sei gestiegen.
Finanzlage der Privathaushalte eher prekär
Auf die Frage der Erwartung der eigenen finanziellen Lage in einem Jahr meinen über die Hälfte der Befragten (54 Prozent), es werde ihnen dann wohl schlechter gehen. Zwei Drittel erwarten sogar eine allgemeine Verschlechterung des Lebensstandards in Rumänien. 25 Prozent immerhin hoffen auf eine Besserung der eigenen Finanzlage, 19 Prozent erwarten eine Besserung des allgemeinen Lebensstandards. 21 Prozent rechnen nicht mit einer Veränderung ihrer eigenen Finanzlage und für 14 Prozent gilt dies auch für den allgemeinen Lebensstandard.
Etwas länger in die Zukunft projiziert, macht sich ein klein wenig Hoffnung spürbar: Nach fünf Jahren werde der allgemeine Lebensstandard steigen, meinen 41 Prozent – allerdings sind genausoviele der gegenteiligen Ansicht. Acht Prozent glauben, nach fünf Jahren bleibt alles gleich und zehn Prozent äußern sich mit „weiß nicht“.
Pessimistische Haltung zum Wirtschaftswachstum
Rund ein Drittel der Befragten (33 Prozent) zeigen sich zuversichtlich bezüglich eines kurzfristigen Wirtschaftswachstums von einem Jahr, 45 Prozent sind zuversichtlich, dass die Wirtschaft langfristig, also innerhalb fünf Jahren, wachsen wird.
Optimismus bedeutet in diesem Fall: die Hälfte der Befragten, die keine Veränderung sehen, plus die Befragten, die eine positive Veränderung sehen, muss über 50 Prozent liegen. Ein Index unter 50 gilt als Pessimismus. In beiden Fällen ist das Gesamturteil daher pessimistisch.
Den dominierenden Pessismus bestätigen auch die Fragen zur Inflation: 78 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die Preise in den nächsten 12 Monaten steigen werden. Nur 12 Prozent glauben, sie werden gleichbleiben und zehn Prozent rechnen mit einer Abnahme. Die durchschnittliche Schätzung jener Befragten, die eine Preissteigerung erwarten, wieviel man in einem Jahr für beliebige Waren, deren Wert sich derzeit auf 100 Lei beläuft, bezahlen werden muss, lautet: 150 Lei.
Knapp die Hälfte der Befragten (48 Prozent) glauben, dass ihr Einkommen in den nächsten 12 Monaten gleich bleiben wird. Mit einer Abnahme rechnen 20 Prozent, mit einer Zunahme 32 Prozent.
Arbeitsplatz sicher, Arbeitssuche schwer
Dass ihr Arbeitsplatz sicher ist, damit rechnen derzeit 75 Prozent der Befragten, die sich in einem festen Anstellungsverhältnis befinden. 25 Prozent davon halten ihren Arbeitsplatz für gefährdet.
Dass ein neuer Job leicht zu finden wäre, glaubt nur ein Viertel der Befragten, die ihren Arbeitsplatz für gefährdet halten. Dreiviertel von diesen halten eine erfolgreiche Jobsuche für „ziemlich schwer“.
Wert des Geldes im Sinkflug
Über zwei Drittel aller Befragten (64 Prozent) meinen, dass die rumänische Währung in den nächsten 12 Monaten an Wert verlieren werde. 18 Prozent meinen, dass der Wert des Leu gleich bleibt und 15 Prozent sogar, dass er steigt. Drei Prozent antworten mit „weiß nicht“.
In Übereinstimmung damit rechnen deutlich mehr als zwei Drittel (67 Prozent) mit steigenden Zinsen in den nächsten 12 Monaten. 17 glauben an gleichbleibende und 7 Prozent an fallende Zinsen (Rest antwortet mit „weiß nicht“).
Prioritäten für Ausgaben und Nichtausgaben
Wofür würden die Rumänen in den nächsten 12 Monaten Geld ausgeben? Und wofür eher nicht?
An erster Stelle der Ausgabenliste steht: unvorhergesehene Ereignisse. Fast die Hälfte der Befragten (48 Prozent) würde prioritär Geld für unvorhergesehene Ereignisse auf die hohe Kante legen. An zweiter Stelle steht die Ausbildung der Kinder: 39 Prozent würden in die Ausbildung ihrer Kinder investieren. An dritter Stelle steht der Urlaub im Ausland: 32 Prozent würden auch dafür Geld ausgeben. Für den Kauf eines Autos oder die Investition in die eigene Firma sprechen sich 12 Prozent aus, 11 Prozent würden eine Wohnung kaufen, 10 Prozent ein Geschäft eröffnen, 8 Prozent Staatstitel oder Börsenaktien erwerben und 7 Prozent Grund kaufen.
In der Reihenfolge der Dinge, für die man in den nächsten 12 Monaten kein Geld ausgeben würde, steht für den Löwenanteil der Befragten Grundkauf an erster Stelle (93 Prozent), gefolgt von Staatstiteln oder Börsenaktien (92 Prozent), Geschäftseröffnung (90 Prozent), Wohnungskauf (89 Prozent), Investition in die eigene Firma oder Autokauf (88 Prozent), Auslandsurlaub (68 Prozent), Ausbildung des Nachwuchses (61 Prozent) und Sparen für Notfälle (52 Prozent).
Interessant: Auch wenn Sparen für Unvorhergesehenes vor anderen Ausgaben höchste Priorität hat (48 Prozent), ist die Anzahl derjenigen, dies anders bewerten (51 Prozent), größer.
Signale und Tendenzen
Die IRSOP-Experten analysieren die Umfrageergebnisse wie folgt:
1. Die Wirtschaft wird schwächer. Der Wirtschaftspessimismus hat einen „extrem hohen“ Grad in der Bevölkerung erreicht. Auf einer Skala von 1 bis 100 liegt der Vertrauensindex in kurzfristiges Wirtschaftswachstum und materiellen Wohlstand (1 Jahr) bei 33, in langfristiges ( 5 Jahre) bei 45, also gleich zweimal unter den 50 Punkten, ab denen Optimismus beginnt. In Zeiten der Unsicherheit aber drehen die Menschen jeden auszugebenden Leu zweimal um. Investitionen nehmen ab, man kauft nur das Nötigste und vermeidet größere Ausgaben. Zwei Drittel der Haushalte gibt derzeit für tägliche Einkäufe weniger aus als im Vorjahr. Die zehn Prozent, die mehr kaufen, können das entstandene Loch nicht kompensieren. Damit besteht das Risiko einer Untergrabung des Konsums als Motor des Wirtschaftswachstums.
2. Inflation wird erwartet: 78 Prozent rechnen mit Preissteigerungen. Laut Wirtschaftsexperten ist die Erwartung einer Inflation eine selbsterfüllende Prophezeiung. Inflation aber destabilisiert die Gesellschaft, weil sie das Gefühl von Ungerechtigkeit vor den Bessergestellten akzentuiert. Wenn Menschen länger Zeiten der Inflation durchleben, sei auch mit psychologischen Traumata zu rechnen.
3. Der Arbeitsmarkt zeigt Turbulenzen, wenn ein Viertel der Menschen damit rechnen, ihren Job zu verlieren! Angst vor Arbeitslosigkeit geht in den meisten Fällen mit mangelnder Zuversicht, einen neuen Job zu finden, einher. Unter den Schwächsten auf dem Arbeitsmarkt herrscht die Überzeugung vor, es sei schwer, einen neuen Arbeitsplatz am eigenen Wohnort zu finden (75 Prozent). Wenn die Arbeitslosigkeit steigt, geben auch Angestellte weniger Geld aus, die Nachfrage sinkt.
Die Umfrage wurde zwischen dem 9 und 13. Februar an 500 zufällig ausgewählten erwachsenen Personen durchgeführt.





