Ungarische Investitionen in Rumänien, fokussiert insbesondere auf das Szeklerland und Siebenbürgen, sorgen immer öfter für Schlagzeilen, zumal sie von Bukarest aus als politische Einflussnahme der Budapester Regierung durch Förderung eines regionalen, auf die ungarische Minderheit fokussierten Separatismus und in weiterer Folge einer Einmischung in die Innenangelegenheiten Rumäniens und einer (wenigstens symbolischen) Wiederherstellung des geopolitischen Einflusses des ehemaligen Ungarischen Reiches über Rumänien gesehen werden. Im Gegenzug pochen Budapester Behörden auf wirtschaftliche Impulse, neue Arbeitsplätze und regionale Entwicklung sowie auf den Erhalt der ungarischen Identität außerhalb des Mutterlandes, wie sich Ministerpräsident Victor Orban mehrmals ausgedrückt hat.
Ungarn ist seit der Wende einer der beständigen Investoren in Rumänien, auch wenn es das Land niemals unter die Top 10 geschafft hat. Nach dem EU-Beitritt Rumäniens haben sich die Investitionen noch auf Landwirtschaft, Tourismus oder Lebensmittelindustrie, insbesondere im Szeklerland, als Entwicklungsunterstützung von Agrarbetrieben und Gaststätten konzentriert. Gleichzeitig haben sich aber auch Großkonzerne wie der Treibstoff- und Mineralölliferant MOL oder die OTP Bank Gruppe, der Pharmakonzern Gideon Richter oder Immobilieninvestoren wie TriGranit landesweit breit gemacht, entweder durch Eröffnung von Tochtergesellschaften oder durch Übernahme lokaler Unternehmen.
Mit ungarischen Investitionen wurden im Szeklerland mehrere Eishockey-Hallen, Fußballplätze oder Trainingsakademien für die jüngere Generation gebaut, wobei deren Gesamtwert fast 200 Millionen Euro beträgt. Bestes Beispiel dafür sei der erst 2011 gegründete Fußballklub Sepsi OSK der, aufgrund der entsprechenden Mittel und Trainingsmöglichkeiten, mittlerweile mehrfacher Rumänienchampion ist.
Bereits seit 2018 haben ungarische Geschäftsleute zahlreiche historische Gebäude in Siebenbürgen gekauft – darunter zählen beispielsweise das ehemalige Dacia-Hotel in Sathmar/Satu Mare, ein historisches Gebäude aus der Zeit der Alt-Monarchie, das denkmalgeschützte Barockgebäude des Park-Hotels in Großwardein/Oradea, das imposante Korona Hotel in Marmaroschsiget/Sighetu Marmației oder das „Alte Post“-Gebäude in Schäßburg/Sighișoara, das Hirschl-Theater in Arad, das Onix-Hotel in Tușnad, das Casino-Hotel in Borsec, das Hotel Ferdinand in Hațeg und neuerlich das Continental-Hotel in Klausenburg/Cluj-Napoca. Ebenso im ungarischem Besitz sind das Teleki-Haus in Neustadt/Baia Mare, aber auch das Wesselényi-Schloss in Jibou, das Mocsonyi-Schloss in Arad, der Sonnenfeld-Palast in Großwardein/Oradea oder das Bánffy Schloss in Bonțida. Laut Economedia.ro soll der ungarische Staat über 80 Millionen Euro in derartige Geschäfte investiert haben.
Tatsächlich zielen zahlreiche Investitionen auch auf den Erhalt des ungarischen Erbes und der Kultur in Siebenbürgen ab, zumal hunderte katholische Kirchen in Siebenbürgen mit Budapester Finanzierung saniert wurden. Auch die erst vor knapp 15 Jahren gegründete Sapien]ia-Universität in Sankt Georgen/Sfântu Gheorghe hat sich über eine Förderung von rund 70 Millionen Euro aus ungarischen Quellen erfreut.
Mehrfach kontroverse Investitionen
In den letzten Monaten hat insbesondere die Übernahme eines der größten Milchproduktproduzenten in Rumänien, Napolact, für zahlreiche Schlagzeilen gesorgt, zumal das übernehmende Unternehmen, Bonafarm Group, Sándor Csányi, einem Vertrauten des ungarischen Ministerpräsidenten gehört und der ehemalige rumänische Energieminister Sebastian Burduja (als Berater von Premierminister Bolojan) eine derartige Übernahme als Gefährdung der nationalen Sicherheit betrachtete. „Das Profil von Sándor Csányi übersteigt die Qualität eines einfachen Privatinvestors“, heißt es dazu auf G4Media, sie sei ein „zentraler Pfeiler“ des Staatskapitalismus, wie ihn die Regierung von Viktor Orbán betreibe. Seine „bestätigten engen Verbindungen“ zu diesem verweise auf ein wirtschaftliches Modell, in dem „große Konglomerate nicht unabhängig von der politischen Agenda der Regierung“ agierten, sondern als „Instrumente für die Projektion wirtschaftlicher und politischer Macht des ungarischen Staats in der Region“.
Ebenso kontrovers diskutiert wurde der Versuch der ungarischen MVM-Gruppe, den Gas- und Energielieferanten E.ON zu übernehmen, wobei diesmal sogar der Oberste Verteidigungsrat (CSAT) involviert wurde, zumal es Bedenken über Verbindungen der MVM mit russischen Unternehmen gab. Nicht erstaunlich, dass der Deal derzeit auf Eis liegt.
Pro-Argumente: Entwicklung, Vernetzung
Aus wirtschaftlicher Sicht sind auf einen ersten Blick derartige Investitionen zu befürworten. Ungarische Unterstützung deckt oftmals ein Finanzierungsbedürfnis, welches vom rumänischen Staat nicht erfüllt werden kann. Gleichzeitig können sich rumänische Nutznießer an der etwas breiteren ungarischen Erfahrung und Vernetzung am EU-Binnenmarkt erfreuen, zumal sie EU-rechtlich erlaubt sind. Positiv muss auch die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Modernisierung bestehender Betriebsstätten und deren Effizienzsteigerung gesehen werden sowie deren Integration in länderübergreifende Wertschöpfungsketten.
Gleichzeitig betonte auch Orbán des öfteren die Vorteile beider Länder bei einer einer regionalen Zusammenarbeit in Süd-Ost-Europa.
Knackpunkt 1: Woher kommt das Geld?
Investitionen allein sollten prinzipiell kein Problem sein, wenn nicht die Finanzierungsquellen in den Händen eines anderen Staates liegen würden, wie es die rumänischen Behörden beklagen. Die Investitionen stammen nämlich hauptsächlich aus dem ungarischen Staatsbudget, das über spezielle Fonds wie den Bethlen Gábor Alap (Bethlen Gábor Fund) verwaltet wird. Dieser Fonds, eine staatliche Stiftung, verteilt jährlich Hunderte Millionen Euro an ungarische Minderheiten im Ausland, wobei fast die Hälfte davon in transsilvanische Projekte fließt – etwa 500 Millionen Euro allein in 2020–2021. Das Programm Wirtschaftsförderung Partium/Szeklerland hat bis im Jahr 2024 Finanzierungsanträge im Wert von über 194 Millionen Euro genehmigt, fokussiert auf Landwirtschaft, Tourismus, Kleinindustrie oder Infrastruktur.
„Pro Economica“ ist die größte unter den Stiftungen, die von der ungarischen Regierung im Jahr 2016 zwecks Umsetzung der wirtschaftlichen Entwicklungsprogramme in Siebenbürgen gegründet wurden, und sorgt deswegen auch für Bedenken in den obersten Reihen der rumänischen Politik. Fehlende bilaterale Abkommen sowie mangelnde Transparenz in der Nutzung der Fördergelder ließ die rumänischen Behörden darauf schließen, dass die vom ungarischen Staat finanzierten Programme ethnisch fokussiert sind und somit die Souveranität Rumäniens antasten können.
Auch weitere Investoren scheinen irgendwie mit der ungarischen Regierung oder sogar mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zusammenzuhängen. Der Immobilieninvestor Manevi Pro Transilvania, welcher zahlreiche Immobilien und Hotels in Siebenbürgen übernommen hat, ist Teil des staatlichen ungarischen Unternehmens Manevi ZRT, laut economica.net. Auch die Bonafarm Gruppe, welche Napolact übernommen hat, ist im Besitz von Sándor Csányi, Vorsitzender der ungarischen OTP-Bank und ein enger Vertrauter Orbans. Das Kronstädter Straßenbauunternehmen Euro Strada wurde vom ungarischen Unternehmen Duna Aszfalt gekauft, deren Eigentümer, László Szijj, seinen Privatjet des öfteren für unterschiedliche Besuche Orbáns oder anderer hochrangiger Politiker aus Orbáns Partei Fidesz zur Verfügung gestellt hat.
Neulich hat ein unter der Kontrolle von Orbáns Schwiegersohn, Istvan Tiborcz, stehender Investitionsfond ein Geschäftsgebäude in Bukarest für 52 Millionen Euro erworben. Derselbe Tiborcz besitzt auch die Mehrheitsbeteiligung bei der in Rumänien aktiven Garanti-Bank.
Und das vom ungarischen Staat unterstützte Bauunternehmen KÉSZ hat erst im März 2025 eine Produktionsstätte in der Nähe von Turda eröffnet. Ebenfalls dieses Jahr hat das ungarische Unternehmen AutoWallis Nyrt zusätzlich zu dessen KFZ-Vertrieb der Marke SsangYong auch den Vertrieb für Nissan übernommen.
Knackpunkt 2: Politische Aussagen
Wenn auch die Aussagen des ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orbán zu seinem Projekt „Nation ohne Grenzen“, das auf die Unterstützung der ungarischen Minderheit in der Diaspora zählt, nicht direkt für Aufsehen sorgen, so erheben „Ausrutscher“ wie das wiederholte Aufzeigen von Landkarten des Ungarischen Reiches (sowohl auf sozialen Medien wie auch neuerlich beim Ungarnkongress in Bad Tușnad), welches sich bis nach Siebenbürgen und auch in die Slowakei ausstreckte, sicherlich Fragezeichen, was den Zweck der Investitionen angeht und ob diese nicht als stille Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates und Wiederherstellung dessen Einflussgebietes gesehen werden können.
Hinzu kommen noch historische Knackpunkte zwischen der ungarischen Minderheit (vertreten durch den UDMR) und der rumänischen Mehrheit (sprich: insbesondere die Autonomie des Szeklerlandes), wobei jedoch der UDMR fremde staatliche Einflüsse offiziell kritisiert und die Einhaltung rechtlicher Rahmenbedingungen unterstützt, jedoch die gezielte Unterstützung der ungarischen Minderheit in Rumänien mit Budapester Geldern befürwortet, ohne öffentlich deren Herkunft zu hinterfragen.
Rumänische Politiker schätzen den Einfluss eines anderen Landes, insbeson-dere auf strategische Wirtschaftsbereiche wie Energielieferung, auch deswegen als problematisch ein, weil der Einfluss nicht unter bilateralen Abkommen stattfindet, sondern eher unter privatwirtschlaflicher Tarnung, und somit nicht den üblichen zwischenstaatlichen Beziehungen entspricht, was in weiterer Folge ein Problem für die Souveränität Rumäniens darstellen könnte, wie Ex-Energieminister Sebastian Burduja bemerkte.





