„Die Frauen fangen an, die Augen aufzumachen“

Mehr als einhunderttausend Rumäninnen unterstützen als 24-Stunden-Betreuerinnen Senioren im Ausland / Sie fordern zunehmend, den teils prekären Bedingungen ein Ende zu bereiten

Noch herrscht Frieden: Maria-Julia Bauer bei der Arbeit Foto: privat

Foto: Sabine van Erp via Pixabay

Sie pendeln vor allem nach Österreich, Deutschland, Italien und Spanien, helfen Senioren dort im Haushalt und bei der Körperpflege. Die rumänischen Betreue-rinnen sind dafür oft nicht ausgebildet, stark von ihren Arbeitgebern abhängig, haben wenig Privatsphäre und beklagen vielfach, dass rechtlich prekäre Bedingungen ihre Ausbeutung begünstigen würden. Mit Hilfsangeboten die Symptome dieses Systems zu lindern, reicht ihnen nicht mehr. Sie fordern Hilfe von der Politik – gleichzeitig versucht ein rumänischer Sozialverband, die Lage der Frauen möglichst schnell zu verbessern.

Maria-Julia Bauer wirkt im Videogespräch sehr aufgebracht, gestikuliert viel und schnell. Man merkt ihr an, dass sie noch verarbeiten muss, was sie gerade erlebt hat. Die Rumänin hat erst einen Tag zuvor die Familie verlassen, für die sie eigentlich arbeiten wollte. Fünf Tage habe es gedauert, dann habe sie es nicht mehr ausgehalten, sagt die Rumänin, die ursprünglich aus Temeswar/Timi-{oara stammt. Wie sie erzählt, wurde sie angeheuert, um im ober-österreichischen Linz eine 100-jährige Frau zu betreuen. Sie habe ihr zum Beispiel beim Ankleiden und Duschen geholfen oder das Essen zubereitet. Die Seniorin sei sehr nett und lieb zu ihr gewesen.

Das Problem seien die Enkelinnen gewesen, sagt Bauer. Beide hätten mit in dem Haus gewohnt und sie als Betreuerin und ihre Art zu arbeiten nicht respektiert. Ständig unter Beobachtung, immer neue Aufgabenstellungen. Zum Beispiel, als Bauer der Seniorin das Essen hinstellte, bei der Einnahme aber nicht die ganze Zeit anwesend sein wollte. Als sie zwi-schendurch mit ihrem Mann zu telefonieren versuchte. Die Enkelinnen hätten nicht mit Widerworten umgehen können, als Maria-Julia Bauer sich auf ihren Arbeitsvertrag berufen habe. Darin stehe: 24 Stunden am Tag Bereitschaft, aber nicht 24 Stunden Arbeit. Außerdem zweieinhalb Stunden Freizeit an normalen Tagen und am Samstag vier Stunden. Bevormundungen und Beleidigungen – drei Tage lang habe sie unter Dauerbeschuss gestanden, „wie auf der Autobahn“. 

Eskalation beim Kaffeetrinken

Bauer schickt ein kurzes Video, das sie selbst gefilmt hat. Zu sehen sind eine der Enkelinnen sowie die Seniorin im Wohnzimmer. Maria-Julia Bauers Stimme ist zu hören, sie fühlt sich provoziert. Was die Enkelin vorher gesagt hat, ist nicht aufgezeichnet. Offenbar ging es um die Kompetenz von Krankenschwestern und Betreuungskräften. Bauers Ton wird schnell lauter und verzweifelter. Immer wieder sagt sie nachdrücklich: „Bitte lass mich in Ruhe, lass mich in Frieden!“ Das Bild beginnt zu wackeln, Bauers Stimme wird brüchig: „Psychisch hast du mich kaputt gemacht! Schau, wie ich anfange zu zittern!“ Die andere Frau klingt gereizt, reagiert mit scharfem Ton. Schließlich verlässt Maria-Julia Bauer das Wohnzimmer.

Die ADZ hat ihre Aussagen nicht überprüft, was sich ohnehin schwierig gestalten dürfte. Hier geht es aber auch nicht um Vorwürfe gegen einzelne Personen. Es geht um strukturelle Phänomene, die Kennerinnen der Branche ähnlich beschreiben. Ganz egal, wer den Streit angefangen hat, ob das überhaupt klar zu benennen ist – die Betreuerinnen sitzen in einer solchen Situation am kürzeren Hebel.

„Du bist in einem fremden Haus, es sind fremde Leute“, wie Maria-Julia Bauer sagt. Sie habe sich wenig später dazu entschieden, den Job abzubrechen und nach Hause zu fahren. Logistisch für sie kein Problem, sie wohnt mit ihrem Mann in einem Haus eine halbe Autostunde von Linz entfernt. Sie sieht sich selbst als privilegiert an. Denn der Normalfall ist anders: Rumänische Frauen werden für einige Wochen angeheuert, oft einen Monat, kriegen den Bus von und nach Österreich bezahlt und wohnen in dieser Zeit in einem Zimmer im Haus ihres Arbeitgebers. Einen Zufluchtsort in der Nähe haben sie in der Regel nicht, das Geld für eine spontane Rückfahrt kann oder will nicht jede aufbringen. Das können 70, aber auch mal 140 Euro sein.

Kapitel 1: Die Betreuerin

Maria-Julia Bauer ist vor ungefähr 15 Jahren nach Österreich gekommen. Sie war damals mit ihren inzwischen 25 und 34 Jahre alten Kindern alleinerziehend, das Geld habe in Rumänien nicht gereicht. Sie ist keine ausgebildete Pflegekraft. Um sich vorzubereiten, habe sie damals viele Bücher über Demenz gelesen und schnell ein wenig Deutsch gelernt. In Österreich fing sie sofort mit der 24- Stunden-Betreuung an. Als sieben Jahre später die Schultern Probleme machten, sei sie in eine Fabrik gewechselt. Dort habe sie den Chef kennengelernt, der jetzt ihr Mann ist.

Die Kehrseite ist das schlechte Gewissen. Viel Zeit, um die Familie in Temeswar zu besuchen, sei damals nicht geblieben. So habe sie ihre Eltern in ihren letzten Lebensjahren selten gesehen. 12 Jahre ist es jetzt her, dass ihr Vater starb, bei der Mutter sind es etwa zehn. Die beiden konnte sie nicht begleiten, weil sie sich stattdessen rund um die Uhr um österreichische Senioren kümmerte.

Nachdem die Schultern inzwischen operiert sind und Bauer die richtigen Spritzen bekommt, will sie jetzt wieder in der Pflege arbeiten. Bei dem gerade fehl geschlagenen Versuch habe sie pro 24-Stunden-Schicht 85 Euro netto erhalten. Ein durchaus üblicher Satz. Schaut man sich in einschlägigen Facebook-Gruppen um, werden dort mal 90, mal 92, mal 100 Euro geboten. Für Maria-Julia Bauer ist dieses Honorar in Ordnung, schließlich habe sie Essen und Unterkunft auf Kosten der Arbeitgeberin bekommen.

Knackpunkt in diesem Fall: Die Familie habe für die fünf Tage Arbeit zum Zeitpunkt des Gesprächs Anfang Juni kein Geld zahlen wollen. Ein paar Wochen später schreibt Bauer, zumindest einen Teil erhalten zu haben. Die Familie habe ihr damals gesagt, dafür müsse sie sich an die Agentur wenden, die ihr den Job vermittelte. Das wollte sie auch versuchen. Nur habe ihr die Firma keine Telefonnummer gegeben. Als das Verhältnis zwischen der Betreuerin und der Familie zunehmend angespannt wurde, habe sich die Agentur nicht bei den Konfliktparteien gemeldet, um zu vermitteln.

Und selbst wenn, sagt Bauer: „Du hast keine Beweise.“ Im Zweifelsfall steht Aussage gegen Aussage, die Betreuerin ist immer allein. „Du hast Probleme mit der Familie, bist beleidigt und kannst mit niemandem darüber reden. Das ist das Schlimmste. Man hat keine Möglichkeit, um mit jemandem über seine Rechte zu reden.“ Die kenne sie nicht ausreichend, habe vor dem Unterschreiben keine Zeit bekommen, um den Vertrag zu lesen. Eine Beratungs-Hotline kenne sie nicht.

Kapitel 2: Die Beraterin

Wobei es zumindest ein sehr ähnliches Angebot gibt. Die „IG24 – Initiative für Gerechtigkeit in der Personenbetreuung in Österreich“ bietet Beratungsgespräche über das Internet an. Der nach eigenen Angaben unabhängige und selbstorganisierte Verband wurde vor sechs Jahren gegründet. Inzwi-schen bieten sechs Beraterinnen aus den jeweiligen Herkunftsländern Unterstützung in den Muttersprachen an: Slowakisch, Kroatisch, Ungarisch, Bulgarisch und Rumänisch. Eine von ihnen ist Roxana R²dulescu, die aus der Nähe von Temeswar stammt. Seit fast 20 Jahren arbeitet sie nun in Österreich als Betreuerin, sagt sie. Seit vier Jahren bezahle sie die IG24, damit sie zehn Stunden pro Woche Kolleginnen berät.

Es brauche aber noch mehr Angebote, die im Internet einfacher und in der Muttersprache der Betreuungskräfte abrufbar sind, findet R²dulescu. Die Frauen aus Rumänien seien oft schon älter und schnell damit überfordert, beispiels-weise verschiedenen Links zu folgen. In diesem Jahr habe sie bis Anfang Juni mehr als 140 Frauen beraten, so Rădulescu. Manche Fälle seien schnell abgearbeitet, an anderen sitze sie zwei oder drei Monate. 

Bürokratie überfordert

Die häufigsten Fragen drehten sich um die Sozialversicherungen. Die Betreuerinnen sind rechtlich gesehen Selbstständige, müssen eigenständig Beiträge an die Krankenkasse abführen. Doch viele wüssten das nicht, da sie ihre Arbeitsverträge nicht verstünden, berichtet die Beraterin. Denn in der Regel erhielten die Frauen die Verträge nicht in ihrer Muttersprache. Viele seien auch damit überfordert, Krankengeld zu beantragen oder ihre Steuererklärungen zu schreiben.
Roxana R²dulescu und ihre Kolleginnen beraten auch Frauen, die ihr Honorar nicht ausgezahlt bekommen. Die Kunden gäben dann an, die Betreuerinnen hätten „nicht richtig gearbeitet oder sprechen nicht genug Deutsch“, sagt Rădulescu. Das Gegenteil zu beweisen, sei schwierig. Entsprechend zögerlich seien die Selbstständigen, sich anwaltliche Unterstützung zu holen. Roxana Rădulescu weiß von einigen Gerichtsverfahren. Davon sei keines für die Betreuerin erfolgreich ausgegangen.

Selbst wenn es keinen Streit um das Honorar gibt, sei die Situation der Frauen prekär. Im Krankheitsfall bestehe Anspruch auf Krankengeld erst ab dem 43. Tag und dann auch nur für 20 Wochen – während weiter Beiträge gezahlt werden müssten, so die Beraterin. Düster sehe es für viele auch im Alter aus: Pro Beitragsjahr steige die erwartete Monatsrente der Betreuerinnen um 12 oder 13 Euro, wovon dann auch Sozialversicherungsbeiträge gezahlt werden müssten.
Selbstständig oder abhängig?

Rădulescu schlägt einen Ausweg aus dieser Lage vor: Ein Ende der „Scheinselbstständigkeit“, wie sie es nennt. Von einer selbstständigen Arbeitsweise könne keine Rede sein, müssten sich die Betreuerinnen doch nach dem Tagesrhythmus der Kunden richten und fast jederzeit auf Abruf sein. Sie fordert, die Menschen stattdessen bei den Wohlfahrtsverbänden beziehungsweise Sozialdiensten anzustellen. Schluss mit den verrufenen Vermittlungsagenturen, die sich „um nichts kümmern“ und nur das Interesse hätten, „Provision von ihren Kunden zu bekommen“.

Das jetzige Arbeitsmodell pauschal als Scheinselbstständigkeit zu bezeichnen, hält die Wirtschaftskammer Österreich für ungerechtfertigt. Bei ihr ist der Fachverband Personenberatung und Personenbetreuung angesiedelt, die gesetzliche Interessenvertretung der Branche. Es gebe „klare gesetzliche Rahmenbedingungen sowie Standes- und Ausübungsregeln. Maßgeblich ist stets die konkrete Ausgestaltung des jeweiligen Vertrags- und Tätigkeitsverhältnisses im Einzelfall.“, schreibt Referentin Kerstin Schwaiger auf ADZ-Anfrage.

Den Zahlen der Kammer zufolge waren in Österreich im vergangenen Jahr etwas mehr als 57.000 Beschäftigte in der selbstständigen Personenbetreuung gemeldet, davon etwa 52.000 Frauen und rund 32.400 Menschen rumänischer Nationalität. Diese Zahlen dürften realistisch sein, so Beraterin Roxana R²dulescu, da Schwarzarbeit in der Branche quasi nicht mehr mehr existiere. 2007 legalisierte der Gesetzgeber das Arbeitszeitmodell der 24-Stunden-Betreuung.

Anders ist die Situation in Italien. Laut einem Bericht der EU sind dort schätzungsweise mehr als die Hälfte der Arbeitskräfte in diesem Sektor unangemeldet beschäftigt. Nach den Zahlen des Reports dürften etwa 64.000 Betreuungskräfte aus Rumänien offiziell gemeldet sein. In Spanien sind es 8320 und in Deutschland 7920, wobei auch hier auf „oft rechtlich unklare Bedingungen“ verwiesen wird. Insbesondere seien es Frauen älter als 50 Jahre, die aus Rumänien stammen und in diesem Bereich arbeiten.

Kapitel 3: Die Vermittlerin

In Österreich sind bei der Wirtschaftskammer im vergangenen Jahr 933 Vermittlungsagenturen für Personenbetreuung gemeldet gewesen. In der Regel rekrutieren sie ihr rumänisches Personal über Facebook-Gruppen. In vielen Fällen haben sie keine Webseite, geben nur eine Handynummer an, manchmal eine E-Mail-Adresse. Viele Profile wirken, als würden Ein-Personen- oder zumindest Kleinst-Unternehmen dahinter stecken. In manchen Fällen sind die Vermittler Österreicher, in vielen Rumänen. 

Manche Firmen betreiben Webseiten, auf denen sie die Kostenstruktur aufschlüsseln. Bei der Agentur Helmut Enzenhofer zahlen Kunden der höchsten Pflegestufe den Frauen ein Honorar von 2464 Euro für vier Wochen durchgehende 24 Stunden-Betreuung. Einmalig werden 360 Euro für die Organisation fällig, außerdem monatlich 120 Euro Agenturkosten. Die Firma Curatio erhebt eine einmalige Vermittlungsgebühr von 390 Euro und dann eine monatliche Betreuungsgebühr von 330 Euro.

Die Wirtschaftskammer weist darauf hin, dass die Betreuerinnen sich nicht zwingend einer Agentur bedienen müssen. Sie können ebenso versuchen, ihre Kunden selbstständig zu finden. Außerdem stehe ihnen „die Auswahl völlig frei“, bei welcher Firma sie sich gut unterstützt fühlen. Wie gut sind also die Alternativen? Die ADZ hat versucht, mit sechs Unternehmen Kontakt aufzunehmen, um ein Interview zu führen. Was umfassen ihre Beratungs- und Vermittlungsangebote? Wie helfen sie im Konfliktfall? Was ist ihr Blick auf die Kritik der Betreuerinnen? Nur in einem Fall ist ein Gespräch zustande gekommen.

Unterstützung so gut es geht

Laura Manciu sagt am Telefon, sie habe vor langer Zeit selbst zwei Jahre als Pflegerin in Österreich und Deutschland gearbeitet. 2012 habe sie dann eine Vermittlungsagentur in Rumänien gegründet, 2020 sei sie mit ihrer Familie nach Österreich gezogen und habe auch dort direkt eine Agentur aufgemacht. Sie arbeite mit zwei österreichischen Kolleginnen zusammen und vermittele Kräfte für 24-Stunden-Schichten in Turnussen von oftmals vier Wochen.

Wie Laura Manciu erzählt, unterstützt sie die rumänischen Frauen so gut es geht. Sie lege ihnen die Verträge auf Deutsch und Rumänisch vor, helfe ihnen beim Beantragen von Kindergeld und gebe ihnen die Telefonnummern von Steuerberatern. Sie und ihre Kolleginnen seien oft in den Haushalten vor Ort, um die Qualität der Arbeit sicherzustellen. Zwischen Arbeitskräften und Kunden gebe es quasi keine Probleme, und wenn doch, versuche man zu schlichten.
Mancius Geschäftsmodell weicht an einer Stelle von den anderen Fällen ab: Sie vermittelt ihren Angaben zufolge keine Betreuungs-, sondern Pflegekräfte. Manche von ihnen hätten ein Diplom, für das sie wohl eine Weiterbildung von einigen hundert Stunden absolviert haben. Andere aber auch nicht. Sie wisse es nicht so genau, und klingt nicht so, als würde sie es näher interessieren.

Dabei ist der Unterschied zwischen Betreuung und Pflege bedeutend, verdeutlicht die Wirtschaftskammer. Die selbstständige Personenbetreuung ist ein freies Gewerbe, es braucht keinerlei Befähigungsnachweis. Dadurch sind ihrem Tätigkeitsbereich enge Grenzen gesetzt: Betreuerinnen helfen im Haushalt, unterstützen die Senioren bei organisatorischen Aufgaben und leisten ihnen Gesellschaft. „Einzelne pflegerische Tätigkeiten dürfen nur in gesetzlich vorgesehenem Rahmen erfolgen“, schreibt Kammer-Referentin Schwaiger, und „medizinische Tätigkeiten sind ausschließlich nach entsprechender Delegation und Einweisung zulässig.“

Kapitel 4: Die Projektkoordinatorin

Dabei ist selbst die Arbeit einer Betreuerin nicht unbedingt trivial, so die Erfahrung von Annalisa Contu. Sie arbeitet für den Sozialhilfe-Verband Assoc mit Sitz in Neustadt/Baia Mare. Er unterstützt unter anderem Senioren, Migranten, Menschen mit Beeinträchtigungen, Bedürftige und eben Betreue-rinnen. Contu und ihre Kollegen haben vor wenigen Monaten etwa 50 rumänische Betreuungs- und Pflegekräfte in Rumänien, Italien und Spanien gefragt, was ihre Herausforderungen im Berufsalltag sind.

Als eines der Problemfelder habe sich die fehlende Ausbildung erwiesen. In Rumänien gebe es kein Angebot dafür; in den Zielländern seien die Arbeitgeber der Betreuerinnen oft nicht willens, eine Weiterbildung zu bezahlen. So mangele es an Wissen etwa darüber, wie mit demenzkranken Menschen umzugehen ist oder welches Essen Diabetiker vertragen. Weitere Problemfelder sind laut der Studie die emotionale Last des Lebens fernab der Heimat in einem fremden Haushalt sowie die prekäre rechtliche Lage. 

Was Annalisa Contu erzählt, wirkt so, als sei die Situation der Betreuerinnen in Spanien und Italien oftmals prekärer als in Österreich. Dort komme es in vielen Fällen gar nicht zum Abschluss einer Vertrags. Entsprechend gebe es keine Kündigungsfristen, die vereinbarte Arbeitszeit werde überschritten oder in Spanien teils kein Mindestlohn gezahlt.

Hilfe online und offline

Seit etwa zehn Jahren versuche der Verband, Betreuerinnen und Pflegerinnen auf Sardinien das Leben zumindest etwas leichter zu machen und das Heimweh zu mildern – beispielsweise mit Tanzveranstaltungen oder einer Party am Nationalfeiertag mit traditionellem Essen, Kleidung und Tänzen aus Rumänien. Nun plant Assoc, in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern auch Angebote in Rom und Venedig sowie den spanischen Regionen um Valencia und Sevilla zu etablieren. Die EU fördere das Projekt mit 250.000 Euro bis Ende kommenden Jahres, so Koordinatorin Contu, die auf eine Verlängerung hofft.

Gemäß den Ergebnissen der Umfrage wollen die Partner mehrere Problemfelder angehen: Direkt am Praxisbeispiel in Pflegeheimen sollen die Frauen lernen, wie sie die Senioren unterstützen. Wer nicht vor Ort teilnehmen kann, soll im Internet Tutorial-Videos finden können. Des Weiteren sollen Psychologen in Workshops Tipps geben, wie mit sozialen und emotionalen Herausforderungen umzugehen ist. Dafür ist ebenfalls eine Online-Variante geplant. Auch ein Dokument mit rechtlichen Hinweisen will Assoc erstellen und verteilen.

Der Verband und seine Projektpartner hätten bereits viele Kontakte zu rumänischen Betreuungs- und Pflegekräften, sagt Annalisa Contu. Darüber hinaus hofft sie, dass weitere Interessierte durch Mund-zu-Mund-Propaganda von dem Angebot erfahren. Das Projekt mit dem Namen „Badantes“ (vom italienischen Wort für Pflegekräfte) soll mindestens 200 Präsenz-Teilnehmer erreichen, gern auch mehr. Die Koordinatorin sagt, Assoc wäre auch an einer Zusammenarbeit mit deutschen Partnern interessiert. Das allein reiche aber nicht, findet Contu. Ihr Verband versuche gleichzeitig, die rumänische Politik stärker dafür zu sensibilisieren, sich um Rumänen im Ausland zu kümmern.

Kapitel 5: Die Kämpferinnen

Auch Betreuerin Maria-Julia Bauer meint, die Politik müsse eingreifen. Es brauche Gesetze in Österreich, die die Rechte der Frauen besser schützen und ihnen helfen, sie auch durchzusetzen. Ihr Eindruck ist, dass sich mehr Betreuerinnen als früher für dieses Thema interessieren. Vielleicht, weil verstärkt Leute so schlechte Erfahrungen wie sie gesammelt hätten, denkt Bauer. Unter den Betreuerinnen herrsche teils Neid und Misstrauen – nun sei es an der Zeit, sich zusammenzutun. „Die Frauen fangen an, die Augen aufzumachen!“

Die IG24 rief Ende Juni zum Protest vor dem Sozialministerium in Wien auf. Die Betreuerinnen forderten unter dem Motto „Wir kümmern uns um alle, wer kümmert sich um uns?“ vor allem, dass die Politik etwas gegen die drohende Altersarmut und mangelnde Absicherung im Krankheitsfall unternimmt. Auf Fernsehbildern des ORF sind einige Dutzend Demonstrantinnen zu erkennen.

Maria-Julia Bauer entschied sich schlussendlich doch dagegen, den 200 Kilometer langen Weg bis nach Wien auf sich zu nehmen. Sie konzentriert sich auf ihren neuen Job, tritt wenige Tage später zur Arbeit bei einer Familie im oberösterreichischen Wels an. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen will sie weiterhin eine Familie finden, bei der sie sich gerecht behandelt fühlt. Denn den Job an sich verrichte sie mit großer Leidenschaft, sagt Bauer. Sie arbeite gerne mit alten Leuten, rede viel mit ihnen, höre sich ihre Geschichten an. Noch immer schwärmt sie davon, wie liebevoll sie damals bei Familien aufgenommen wurde, bevor sie vor acht Jahren in die Fabrik wechselte. Die Alten seien nicht das Problem, die seien froh über die Hilfe. „Ich bin eine Kämpferin“ sagt Maria-Julia Bauer über sich selbst und sucht weiter.