Die kommerziellen Spannungen zwischen EU-Europa und Russland, ausgelöst durch den von Moskau befohlenen Überfall auf die Ukraine und die Solidarisierung der (meisten) EU-Staaten mit der bedrängten Ukraine – manifestiert hauptsächlich durch bereits fast zwei Dutzend Sanktionspakete gegen das Reich Putins – können auch als Generalprobe für die Rolle EU-Europas als globale geopolitische und geoökonomische Macht gesehen werden. Denn sie offenbaren Stärken und Schwächen beider Seiten, vor allem aber des (nicht immer zu seinen Gunsten) zutiefst humanistisch geprägten Europa.
Einerseits haben sie offengelegt, wie sehr die Abwendung von einem Großlieferanten billigen Öls und Flüssiggases die Abhängigkeit von einer beschränkten Zahl anderer Lieferanten (zum Teil sind es „Zulieferer auf Umwegen“) die Bezieher in EU-Europa zum Preis der Prinzipienfestigkeit teuer zu stehen kommen kann (US-amerikanisches Fracking-Flüssiggas – LNG – ist gut doppelt so teuer wie russisches Flüssiggas, 1,06 EUR/kbm gegenüber 0,51 EUR/kbm, und auch russisches Erdöl ist um mindestens 15 Prozent billiger als das Brent-Benchmark-Öl). Verfolgt man die sukzessiven Daten des EU-Statistikamts Eurostat, sieht man, dass ab Februar 2021 und bis Dezember 2025 die Erdölimporte aus Russland in die EU von 28,7 Prozent des Gesamt-Importvolumens auf 1,1 Prozent sanken. Naturgasimporte sanken in derselben Zeitspanne von 48 Prozent der Gesamtimporte auf 17,9 Prozent. Die Flüssiggasimporte reduzierten sich von 22,2 Prozent aller LNG-Importe in die EU auf 15,2 Prozent. Der unterschiedliche Rückgang zeigt (auch), wie sehr die Umsetzung der in Brüssel beschlossenen Maßnahmen und die entsprechenden Ersatzmaßnahmen länderspezifisch, politisch und vor allem logistisch bedingt sind. Eindeutig: die EU-Sanktionen hatten praktisch Wirkung. Die EU-Exporte nach Russland verringerten sich um 61 Prozent, die Importe aus Russland um 90 Prozent.
Es blieben aber Bereiche relativ intakt, wo es beim Import/Export EU/Russland kaum Ersatz gibt, u.a. Düngemittel auf Erdölbasis, pharmazeutische Produkte (diese großteils aus humanitären Gründen – ein Bereich, der den Eigennutz-Oberdealer aus dem Weißen Haus einen Dreck schert) u.a. Immerhin haben die bislang vier Jahre Aggressionskrieg Russlands gegen die Ukraine und die Standhaftigkeit des Großteils EU-Europas an Seiten der Ukraine gezeigt, dass es Bereiche gibt, wo ein Lossagen von der Russlandbindung funktioniert: Kohle, das größte Volumen an Erdöl und ein Teil der Exporte von Industriewaren, inklusive Autos (ein Jammerbereich ...).
Das Kapitel Autoexporte nach Russland hat am auffälligsten gezeigt, dass manche der Sanktionen leicht zu umgehen waren, vermittels kleiner „Kompromisse“. Etwa, indem die Exporte nicht mehr direkt nach Russland, sondern in die Ex-Sowjetstaaten – Weißrussland, Armenien, Kirgisistan, Georgien, teilweise auch Aserbaidschan – gelenkt wurden, wo es solide Zollverträge und Zollerleichterungen mit Russland gibt. Deswegen sprechen viele Beobachter von „offiziellen Beschränkungen im Kommerz“ und von „Umwegen des Kommerz“ mit Russland. Der Handel der EU mit Russland ging zwischen 2021 und 2025 „offiziell“ um rund 75 Prozent zurück, der Handel durch die Grauzonen und „Umwege“ brachte aber „Ausnahmen“, die man in Brüssel angeblich als „unvermeidbar“ (oder sogar „geduldet“) zu ignorieren bereit sein scheint. Strikt tabu bleiben nur Knowhow- und Technologie-Exporte – sofern das möglich und überhaupt kontrollierbar ist. Die „offiziellen“ Anlagenexporte gingen von 19,5 Milliarden Euro auf 2,2 Milliarden 2025 zurück, die Auto-Exporte von 8,9 Milliarden Euro auf 153 Millionen. Parallel blüht der „Schattenhandel“.
Großgewinner der EU-Sanktionen bleiben die Putin-freundlichen USA (Flüssiggas), Indien (Erdöl, Kerosin) und China (im Maschinen-, Anlagen- und Technologiebereich).





