Am vorletzten Juni-Samstag fand in Köln, im Rahmen des literarischen Salons der Architektin Maria Mocanu, eine Gedenkveranstaltung anlässlich des 100. Geburtstags von Elisabeth Axmann statt. Zugegen waren, neben ihrer Tochter, Freunde der Schriftstellerin sowie der Verleger Dr. Bernhard Albers und Autoren des Aachener Rimbaud-Verlags. Durch den geistig anspruchsvollen Nachmittag mit sieben Referenten zum Leben und Werk der Autorin und mit einem thematisch angelehnten Schauspiel führte die Kunsthistorikerin Dr. Ruth Fabritius.
Elisabeth Axmann (Jg. 1926) wurde in Sereth geboren und studierte zwischen 1947 und 1951 Philosophie, Germanistik und Rumänische Sprache und Literatur an der Universität Klausenburg. 1954 siedelte sie nach Bukarest über und war bis 1970 Kulturredakteurin der deutschsprachigen Tageszeitung „Neuer Weg“. Sie verfasste zahlreiche Artikel und Essays über bildende Kunst, Literatur und Musik und betätigte sich als Übersetzerin. Zwischen 1970 und 1972 arbeitete sie im Bukarester Kriterion Verlag und verhalf, die Bereiche Kunst- und Kulturkritik bei diesem Verlag zu begründen. Von 1972 bis 1977, als sie Rumänien verließ, war sie Redakteurin der monatlich erscheinenden deutschsprachigen Zeitschrift „Neue Literatur“. 1974 erschien im Klausenburger Dacia Verlag ein erster kleiner Gedichtband. Ab 1978 schrieb sie vor allem kunst- und literaturkritische Artikel auf Rumänisch und gelegentlich auch in deutscher Sprache für den Kölner Rundfunksender „Deutsche Welle“. Von 2004 bis 2012 veröffentlichte sie im Aachener Rimbaud Verlag mehrere Bücher: Spiegelufer – Gedichte 1968-2004 (2004), Wege, Städte – Erinnerungen (2005), Fünf Dichter aus der Bukowina (2007), Die Kunststrickerin – Erinnerungssplitter (2010) und Glykon – Gedichte (2012). Posthum erschien 2016, ein Jahr nach ihrem Tod in Köln, die rumänische Übersetzung des ersten Erinnerungsbandes Drumuri, ora{e –Amintiri (Ed. hora, Sibiu 2016). Die Übersetzer waren Kázmér Kovács und Nadia Badrus. Eine rumänische Übersetzung des Prosabändchens von 2010, Lumina z²pezii – Frânturi de amintire, wurde im vergangenen Jahr erstellt und ist im Erscheinen begriffen.
Den Auftakt bei der Kölner Gedenkveranstaltung machte der Lyriker Hartwig Mauritz (*1964 Eckernförde) mit einer Interpretation des Gedichts farbensignale, das Elisabeth Axmann mit Ort und Datum der Entstehung versehen hat: (dresden, 1972). Diese Angaben müssen als „Baustein“ zum Verständnis des Gedichts betrachtet werden, erörterte der Referent. 28 Jahre nach der Bombardierung der Stadt im Februar 1945 liegt die Autorin in einem Hotelzimmer und lauscht im Schlaf den Singvögeln. Die Wände des Hotels sind durchlässig, das Zimmer ist ein „Tor zur Freiheit“. Mit dem Gesang der Vögel, „Symbole der Erneuerung“ und gelegentliche Göttergesandte, werden die physikalischen Grenzen überwunden. Sowie hotelwände / keine grenze (sind) bleibt das Gedicht formal, entsprechend den expressionistischen farbensignalen der Stadt, ohne Metrum.
Den zweiten Beitrag steuerte der Schriftsteller und Kunstredner Frank Schablewski (*1965 Hannover) bei, der in Elisabeth Axmann zwei Personen sah, die in ihrer Literatur hervortreten: die eine künstlerischer Natur, „die das Leben eines Solitärs hätte führen können“ und die zweite, die eine „normale“ Laufbahn durchlebte. Dazu trug er vier Gedichte vor, auf die er öfters in seinen themenbezogenen Reden vor Publikum zurückgreift und in denen unter anderem die Leichtigkeit und andererseits der Zwang des Daseins, so wie die Autorin sie erfahren hat, thematisiert werden: Alter Friedhof im Osten, Unterwegs, immer, hier bin ich geboren hier und der nachbar kam – „das vielleicht rätselhafteste Gedicht“ (Schablewski), das das Bedrohliche aller Normalität unterstreicht, ein „Albtraumgedicht“ (Kiefer). Schablewski stellte das musterhafte Leben von Elisabeth Axmann (Heirat, Kinder, Beruf) der Berufung zur Lyrikerin entgegen.
Im Anschluss erinnerte der aus Siebenbürgen angereiste Architekt und Dr. phil. Kázmér Kovács (*1955 Arad) an die Freundschaft, die ihn mit der Autorin zeitlebens verband. Er trat als Übersetzer der Erinnerungen von Elisabeth Axmann ins Rumänische auf und machte seinen kurzen Abstecher in die Vergangenheit an drei leitenden Sätzen fest, die ihm die Autorin im Laufe der Jahre mit auf den Weg gab: Wir wollten dich kennenlernen, Nun, schreib über etwas, das dir gefällt und Wirst du das machen? K. Kovacs schloss mit einem passenden Zitat aus seiner, 2016 in sITA (studies in History & Theory of Architecture) im analogen und digitalen Format publizierten Rezension zu dem Band Wege, Städte – Erinnerungen (s.a. URL: sita.uauim.ro/article/4-kovacs-elisabeth-axmann-wege-stadte).
Dieser sehr persönlichen Erinnerung an Elisabeth Axmann folgte der historisch-narrative Beitrag des Germanisten Horst Fabritius (*1950 Agnetheln), der mit vielen relevanten Details das intellektuelle Umfeld der Autorin in Bukarest der 1960er und 1970er Jahre rekonstruierte. Die deutsche Minderheit der Hauptstadt lebte damals in einem „Biotop“ (R. Fabritius), der sich aus Deutschem Kindergarten und Schule, Evangelischer Kirche, Germanistik-Abteilung an der Universität, Kulturhaus „Friedrich Schiller“, Deutsch-Jiddisches Theater und deutschen Medien (Tageszeitung „Neuer Weg“, Kriterion Verlag, Zeitschrift „Neue Literatur“ und TV-Sendung in deutscher Sprache) zusammensetzte. Mit viel Insider-Wissen hob Horst Fabritius Facetten in der Geschichte hervor, die die Schriften und die Biografie von Elisabeth Axmann deutlich nuancenreicher erscheinen ließen. Er erinnerte daran, dass die Autorin als Bukowina-Flüchtling der Deportation und Zwangsarbeit entging, indem sie sich in einer Hermannstädter Klosterschule versteckte und so ihre Spuren verwischte. Auch erwähnte er – was in den meisten biografischen Abrissen untergeht – die Lehrtätigkeit der Literatin an der Germanistikfakultät der Bukarester Universität zwischen 1970 und 1972, als sie ein Seminar für Textinterpretation leitete. Wichtig war dem Referenten, auch das gängige Wissen über die Lyrikerin mit viel Liebe zum Detail zu ergänzen. So wies er darauf hin, dass der Debütband von 1974 im Klausenburger Dacia Verlag in einer Auflage von 300 Exemplaren erschien und 26 Gedichte enthielt. Horst Fabritius beschränkte sich bei seinem Vortrag auf die einleitende Passage seines umfangreichen Aufsatzes über die literarische Laufbahn von Elisabeth Axmann. Dabei schilderte er eine Begebenheit von 1977, als die Redakteurin von einer Dienstreise in den Westen nicht mehr zurückkam. Zufällig traf der damals junge Germanist eine Kollegin auf der Straße, die gerade einen Gedichtband patriotischer Gedichte für Schüler unter dem Titel „Hier bin ich geboren“ herausgebracht hatte. Die Zeile war einem frühen Gedicht von Axmann entnommen und ihre Flucht aus Rumänien machte nun die Anthologie im sozialistischen Land unbrauchbar. Elisabeth Pfeifer, die Kollegin, hatte Angst, sah ihren Gedichtband dem Reißwolf geweiht und machte ihrem Unmut wortreich Luft, während sich Freunde der Dichterin um sie sorgten und sie von nun an gelegentlich komplizenhaft und liebevoll „Feldmaus“ nannten.
Es folgte ein weiterer Beitrag der Kunsthistorikerin Ioana Herbert (*1969 Bukarest). Die persönlichen Erinnerungen der Familienfreundin an die Schriftstellerin tragen den Titel „Edelstein“ – Erinnerung an Elisabeth Axmann und wurden im Frühjahr 2022 verfasst. Ausgehend von einer gemeinsam erlebten Gartenszene im schweizerischen Wallis berichtete Ioana Herbert von noch früheren Treffen in Köln in den 90er Jahren, von Museumsbesuchen und der gemeinsamen Liebe zur Kunst. Sie hob die schwierigen Lebensumstände von Elisabeth Axmann hervor, aber auch ihren Humor und ihren Optimismus.
Danach lieferte die Tochter der Autorin, die Gastgeberin der Veranstaltung, Maria Mocanu (*1956 Bukarest), mit konkreten Informationen zur Person Elisabeth Axmann, das Gerüst zum Gedenken an die Autorin. Dieser, vor der Pause, letzte Beitrag gliederte sich in vier Teile – Familie, Freundschaften und Kollegen, Journalistische Arbeit sowie Interessen und Präferenzen – und brachte rückwirkend Struktur in den Nachmittag. Er umriss die Komplexität des Themas und machte aus den vorangegangenen Wortmeldungen plausible Mosaiksteine eines ideellen Porträts von Elisabeth Axmann. In der Familie wurde die Autorin, die einem großbürgerlich-intellektuellem Milieu entsprang, von den Großeltern mütterlicherseits geprägt. Später erfuhr sie Schicksalsschläge – der Bruder nahm sich auf der Flucht das Leben, der Vater kam in einem kommunistischen Gefängnis um –, die sie zeitlebens begleiteten. Schließlich war das Verhältnis zum Philosophieprofessor Titus Mocanu, der ihr Ehegatte wurde, schwierig und in den letzten Jahren, anders als zu Beginn, „eher eine Belastung als eine Freude“. Tiefe Freundschaften begleiteten sie im Leben, sie hatte grenzen- und generationsübergreifende Freundinnen und Freunde und aus jedem Abschnitt ihrer beruflichen Laufbahn blieben persönliche Bindungen: so wie vom „Neuen Weg“, dem Kriterion Verlag oder der „Neuen Literatur“ in Rumänien hatte sie in der Bundesrepublik Freunde von der „Deutschen Welle“ und zuletzt vom Rimbaud Verlag, „der für sie ein Stück Heimat wurde“. In der journalistischen Tätigkeit gab es wiederkehrende Themen wie die Altmeister Albrecht Dürer (1471-1528) und Lukas Cranach (1472-1553), die Dichter des Sturm und Drangs sowie die Künstler des Expressionismus, Hans Mattis-Teutsch (1884-1960), der siebenbürgisch-sächsische Künstler und Kunsttheoretiker, dann Lucian Blaga (1895-1961), der rumänische Dichter und Philosoph, der auch ihr Professor während des Studiums in Klausenburg war, schließlich der Dichter Paul Celan (1920-1970). Sie übersetzte oft Lyrik wechselweise ins Deutsche und Rumänische, sowie französische Dichtung ins Deutsche. Auch theoretische Schriften wie Werner Hofmanns (1928-2013) „Grundlagen der modernen Kunst“ (Erstveröffentlichung 1966) und Max Benses (1910-1990) „Aesthetica“ (Erstveröffentlichung 1954) übertrug sie ins Rumänische und „Die Geschichte der rumänischen Literatur“ (Ed. Minerva, Bukarest 1991) von Ion Negoi]escu (1921-1993) – ins Deutsche. Ihr stetiges Interesse galt dem Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) sowie Robert Musil (1880-1942), dessen „Mann ohne Eigenschaften“ (1930) „so etwas wie ein Lebensbuch“ war. Zu ihren Lieblingskünstlern zählte, neben den Malern des deutschen Expressionismus und der italienischen sowie der deutschen Renaissance, allen voran Paul Klee (1879-1940). „Seine Aussage ´Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sie macht sichtbar´ war einer ihrer Leitsätze“, sagte gegen Ende des Vortrags Maria Mocanu.
Nach einer kurzen Pause ging der feierliche Nachmittag mit einer Würdigung der Schriftstellerin durch ihren Verleger weiter. In wenigen Sätzen hob Dr. Bernhard Albers die Schlüsselposition von Elisabeth Axmann für den Rimbaud Verlag als Autorin und engagierte Mitarbeiterin hervor. Er nahm die Gelegenheit auch wahr, eine jüngst erschienene kleine Geschichte der letzten zehn Jahre des Verlags vorzustellen, der verkleinert, aber immer noch mit internationaler Ausrichtung weiter bestehen wird. Das schmale Bändchen, das entweder beim Verlag bestellt werden kann oder auch kostenlos im Netz einsehbar ist (URL: www.rimbaud.de/books/rimbaud-kleine-verlagsgeschichte-2015-2025/), wurde am Ende der Veranstaltung an mehrere Teilnehmer ausgehändigt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang sowohl die Einleitung als auch das darin abgedruckte, 2011 mit dem Musiker und Radiomoderator Michael Struck-Schloen geführte Gespräch mit dem Verleger Bernhard Albers. Darin wird der seit 1981 trotz einiger Opfer ungebrochene Vorsatz deutlich zur Sprache gebracht, „Bücher für eine Leser-Elite“ (Peter Suhrkamp) herauszugeben. Anfang der 2000er Jahre traf Dr. Bernhard Albers nach einigen Irrwegen dank eines Hinweises von Alfred Kittner (1906-1991) auf Elisabeth Axmann und veröffentlichte ihre Texte im Rimbaud Verlag.
Die Gedenkveranstaltung in Köln endete mit einem literarischen Schauspiel, bei dem Reinhard Kiefer (*1956 Nordbögge) aus einem eigenen Text und der Dramaturg Hans-Peter Speicher aus Botho Strauß (*1944 Naumburg) zwei parallel laufende Monologe vortrugen. Zwei in Agadir gestrandete Existenzen sinnierten über enttäuschte Erwartungen und unrealistische Ziele im Leben. Der vielversprechende Ruf der (exotischen) Ferne erweist sich als trügerisch und versinkt in einem weniger aussichtsreichen Alltag der unerfüllten Träume und gebrochenen Beziehungen. Mit feinsinnigem Humor schilderten die beiden Autoren die zwei Frauengestalten, die zum Abschluss des feierlichen Nachmittags die improvisierte Bühne belebten. Wie eine späte Antwort auf die, von Elisabeth Axmann einst gestellte Frage – was aber sind grenzen? – muteten die Monologe der beiden Frauen an, die mehrere Landesgrenzen überwanden, um nach Marokko zu gelangen, aber in ihren Wert- und Weltvorstellungen ein Leben lang gefangen geblieben waren. Lächelnd verabschiedeten sich die Teilnehmer in den Abend und äußerten in den anschließenden Diskussionen den Wunsch nach einem begleitenden Gedenkband zur Kölner Veranstaltung, der bei Bedarf und für weiterführende Recherchen u.a. die Beiträge des Nachmittags zum Nachlesen enthalten sollte.
Köln und Augsburg, Juli 2026





