„Wenn man eine Vision, ein Ziel hat und ein Weg nicht funktioniert, kann ein anderer funktionieren. Diese Flexibilität zeichnete Konrad Adenauer aus.“ Dies erklärte Dr. Stephan Werhahn, Enkel des ersten deutschen Bundeskanzlers, der am vergangenen Dienstagabend Gast der West-Universität gewesen ist, wo er einen Vortrag zum Thema „Für eine bessere Zukunft namens Europa“ gehalten hat. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Deutschen Kulturzentrum Temeswar in Partnerschaft mit dem Goethe-Institut, der Konrad-Adenauer-Stiftung, dem DFDB, dem Konsulat der BRD in Temeswar, der West-Universität Temeswar und dem Deutschsprachigen Wirtschaftsclub.
Als im September 1949 der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde, erhielt einerseits Deutschland den Impetus zum Neuanfang, andererseits hat Europa einen Visionär gewonnen, der in der Reihe der Gründerväter, der Erschaffer von Frieden in Europa steht, denken wir nur an die historische Versöhnung mit Frankreich und die Erschaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG. Am 5. Januar jährte sich Konrad Adenauers Geburtstag zum 150. Mal, seine Vision von Europa muss heute weitergetragen werden, wenn Frieden und Wohlhaben herrschen sollen.
Stephan Werhahn hat Jura in Göttingen, Außenpolitik an der Georgetown Universität in Washington, D.C. studiert, seine zweite juristische Staatsprüfung in Hamburg abgelegt, einen Ph. D.-Titel in internationaler Politik erworben und an der Business-School IESE in Barcelona das Advanced Management Programm absolviert. Er hat unter anderem für internationale Großunternehmen und Banken gearbeitet und ist derzeit als Unternehmer, Investor und Berater tätig. Er ist Gründer und Vorstandsvorsitzender des Instituts Europa der Marktwirtschaften e.V. der Steinbeis-University sowie Mitglied des Bundesvorstandes des Bundes Katholischer Unternehmer.
Sein jüngstes Buch „Europas Resilienz für Frieden, Freiheit und Wohlstand. Strategien und Lösungen über Generationen hinweg“, das 2025 im Lau-Verlag in Reinbek erschienen ist, stellt nicht nur einen Katalog der Probleme und Krisen auf, mit denen sich Europa heute konfrontiert, sondern bietet Lösungen dafür. Der Vortrag an der West-Universität fußte auf dem Buch und verband Konrad Adenauers Erbe mit der heutigen Zukunftsvision von Europa.
Als ein gutes Beispiel für die eingangs genannte Geschicklichkeit Adenauers, neue Wege zu finden, nannte der Gast „das Jahr 1954, als der Vertrag zur europäischen Verteidigung ausgehandelt, aber damals nicht vom französischen Parlament verabschiedet wurde. Plötzlich stand Europa also wieder ohne jegliche Sicherheitsstruktur da. Adenauers Lösung lautete: ‚Wenn wir keine europäische Verteidigungsgemeinschaft haben können, dann will ich einen europäischen Vertrag und Mitglied der NATO werden.‘ Das war damals Deutschlands Sicherheitsgarantie.“
Das aber wiederum brachte den Redner in die Gegenwart: „Vergleichen kann man das mit unserer heutigen Diskussion über die Ukraine. Deutschland sagte damals: ‚Wenn ich der Union mit den anderen Europäern und insbesondere auch mit den Amerikanern beitrete, dann haben wir die Sicherheit, die wir brauchen.‘“
Bahnbrechend neu war Konrad Adenauers Idee von einem vereinten Europa; aber an dieser Idee müssen wir heute weiterarbeiten: „Was er aber schon damals voraussah, war, dass es nicht genügte, die im Krieg zerstörten Dinge wiederaufzubauen, sondern dass etwas Neues geschaffen werden musste. Und neu war die Idee, so viele europäische Partner zu haben und eine Art Vereinigte Staaten von Europa zu gründen – zumindest eine Struktur, in der wir dauerhaft zusammenarbeiten können. 2005 gab es den letzten Versuch, eine europäische Verfassung zu verabschieden, der aber ebenfalls scheiterte.“
Doch gerade eine europäische Verfassung bedeutet ein stärkeres Europa: „Daraufhin wurde der Vertrag von Lissabon geschlossen, und einige Elemente wurden darin umgesetzt. Aber wir haben noch immer keine Verfassung. Ich bin ein starker Verfechter des Subsidiaritätsprinzips und glaube, dass wir kein klares Bild haben, solange wir keine Verfassung haben, die genau definiert, auf welcher Ebene die Verantwortung liegt und welche Ebene politischer Entscheidungsfindung für die Lösung bestimmter Probleme am besten geeignet ist.“
Dr. Stephan Werhahn hob hervor, dass „wir offensichtlich noch nicht am Ziel sind.“ Er drückte aber auch seine Hoffnung aus, „dass sich das ändert, dass wir pragmatischer werden, in die Länder der anderen reisen, miteinander sprechen und uns über praktische Lösungen austauschen, um schließlich die institutionellen Grundlagen für eine operative Zusammenarbeit zu schaffen, so etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa.“ Eine besondere Rolle, Europa voranzubringen, kämen dabei zum Beispiel auch den Grassroot-Akteuren sowie den Stadtverwaltungen zu, die Partnerschaften eingehen.
Der Vortrag wurde von mehreren Reden umrahmt. Anja Zougouari, die Konsulin Deutschlands in Temeswar erklärte: „Konrad Adenauer gehörte einer Generation an, die Katastrophen erlebt hat: Kriege, Diktatur, Hass zwischen den Nationen. Und trotzdem glaubte er an etwas Außerordentliches, dass Europa eine Gemeinschaft des Friedens, der Zusammenarbeit und der gemeinsamen Verantwortung bekommen könne.“
Univ.-Lekt. Dr. Alexandru Jădăneanţ, der Dekan der Fakultät für Governance und Kommunikationswissenschaften, überbrachte das Grußwort des Rektors der Universität Univ.-Prof. Dr. Marilen Pirtea: „Als akademische Gemeinde glauben wir fest daran, dass der Dialog über Europa nicht nur notwendig, sondern essenziell für die Entwicklung der jungen Generationen ist, die das europäische Projekt weiterbilden und verteidigen werden.“
Dr. Stefan Hofmann, der der Leiter des Auslandsbüros Rumänien der Konrad-Adenauer-Stiftung: „Heute ist wieder Resilienz gefragt, denn die alten Systeme können sich nicht so schnell anpassen, wie es das Tempo des Wandels erfordert. Und eine unserer wichtigsten Herausforderungen ist, uns neu zu definieren, was die Sicherheitspolitik betrifft, es geht um Entscheidungsprozesse, die oft zu langsam sind in Europa und das wahre Potenzial unserer Gemeinschaft bremsen. Nationaler Egoismus, selbst innerhalb Europas, hemmt die wahre Stärke unserer Staatengemeinschaft. Gleichzeitig spüren wir, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet, die Unsicherheit unter den Menschen zunimmt, und dieses Gefühl wird durch Desinformation, Fake News und den Einfluss ausländischer Akteure verstärkt. Daher ist heute wieder Zeit für eine Vision.“
Dejan Popov, Vizepräfekt des Kreises Temesch: „Heute, 150 Jahre nach der Geburt Adenauers, steht Europa wieder vor großen Herausforderungen, geopolitischen Spannungen, Sicherheitskrisen und rapiden Veränderungen in Wirtschaft und Technologie. Ausgerechnet in solchen Momenten wird Adenauers Erbe noch relevanter.“
Mona Petzek, die Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Temeswar: „‚Europa ist machbar‘ – das behauptet Stephan Werhahn kräftig, das ist der optimistische Ton, mit dem er sein Publikum anspricht.“
Univ.-Prof. Dr. Silviu Rogobete, der die Gespräche nach dem Vortrag moderiert hat, unterstrich „die Bedeutung der Stärkung der Union gerade jetzt noch einmal, denn wir alle wissen, dass wir uns global an einem Scheideweg befinden. Es gibt ein Wiederaufleben globaler Machtkämpfe, einen Wettstreit der Supermächte, und die Schwachen werden sich den Starken unterordnen müssen. Vor 30 Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass wir wieder einmal in die Logik des Supermachtwettbewerbs zurückfallen werden.“
Während des mehrtägigen Aufenthalts in Temeswar haben Dr. Stephan Werhahn und Dr. Stefan Hofmann am Mittwoch einen Besuch im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus abgestattet, wo ein Gespräch mit Benjamin Neurohr, dem Vorsitzenden des DFDB und ein Treffen mit Schülern des Nikolaus-Lenau-Lyzeums und des Banater Kollegs stattgefunden haben.
Lesen Sie demnächst ein Interview mit Dr. Stephan Werhahn in der Banater Zeitung!






