„Nun habe ich, Vater, im ganzen niemals an Deiner Güte mir gegenüber gezweifelt, aber“

Franz Kafkas Brief an den Vater in einer multimedialen Inszenierung mit Mircea Dragoman

Der Schauspieler Mircea Dragoman vor dem Publikum im Multikulturellen Zentrum der Transilvania-Universität | Foto: Andrei Burcea

Am 12. Juni gastierte das Jüdische Staatstheater Bukarest mit der Inszenierung von Franz Kafkas Brief an den Vater im Multikulturellen Zentrum in Kronstadt. Das vom Deutschen Kulturzentrum Kronstadt organisierte Gastspiel präsentierte sich als vielschichtige Performance, die biografische, literarische und mediale Ebenen miteinander verwob und zentrale Fragen nach Identität, Anerkennung und familiären Beziehungen in den Mittelpunkt rückte.

Die Performance ist anlässlich des 100. Todestages Franz Kafkas am Jüdischen Staatstheater Bukarest entstanden und wurde durch die Finanzierung des Deutschen Kulturzentrum Jassy und UNITER ermöglicht. Die Bühnenfassung besorgte Edith Negulici, Regie führte Cătălin Bocîrnea, während die Inszenierung sowohl deutsche Originaltexte als auch die rumänische Übersetzung von Mircea Ivănescu einbezog. Die Inszenierung konzentrierte sich auf die psychologische Dimension des Briefes und machte daraus einen intensiven Dialog mit einem abwesenden Vater. Durch die Auswahl zentraler Textstellen wurde deutlich, dass das komplizierte Verhältnis zwischen Franz Kafka und seinem Vater zu den bestimmenden Erfahrungen seines Lebens und Schreibens gehörte.

Die Hauptrolle übernahm der aus Kronstadt stammende Schauspieler Mircea Dragoman, der den Text als Ein-Personen-Stück interpretierte. Der berühmte Brief an den Vater wurde nicht nur als literarisches Werk, sondern vor allem als autobiografisches Dokument gelesen, das Einblicke in die Entwicklung eines sensiblen Kindes zu einem von seinem Vater entfremdeten Erwachsenen gewährte. Dragoman vermittelte mit großer Intensität zwischen verschiedenen Stimmen und Perspektiven und verkörperte abwechselnd Kafka, dessen Vater und Reflexionen von Kafkas Freund Max Brod.

Besonders überzeugend war die Kontextualisierung des Textes, die dessen Entstehungs- und Wirkungsgeschichte sichtbar machte. Auf mehreren Bildschirmen liefen fortwährend Aufnahmen aus Prag, die eine biografische Einstimmung ermöglichten und zugleich symbolische Bezüge eröffneten. Wiederkehrende Bilder von Brücken fungierten als verbindendes Motiv: Sie verwiesen auf Kafkas Lebenswelt, könnten aber auch als Brücke zum Publikum gedeutet werden. Zugleich erinnerten sie an ähnliche Stadtlandschaften des ehemaligen Habsburgerraums, wie sie auch in Arad, Großwardein oder anderen Städten der Region anzutreffen sind, und stellten so eine unmittelbare Verbindung zu den Erfahrungswelten des Publikums her.

Eine weitere Ebene entstand durch eingespielte Sequenzen aus einem 1968 geführten Interview mit Max Brod, mit dessen Aussagen der Hauptdarsteller unmittelbar in Dialog trat. Die Äußerungen von Kafkas Freund und Nachlassverwalter lenkten den Blick auf Fragen der Ethik in der Nachlassverwaltung sowie auf die Rezeption Kafkas. Dadurch wurde das Publikum angeregt, die von Brod maßgeblich geprägten Vorstellungen von Kafka kritisch zu hinterfragen und seine Rolle bei der Entstehung des heutigen Kafka-Bildes neu zu bewerten.

Ergänzt wurden diese Perspektiven durch die Einblendung von Kafkas Skizzen und Zeichnungen. Gemeinsam mit den Video- und Tonaufnahmen traten sie in einen direkten Dialog mit Mircea Dragoman auf der Bühne. Die unterschiedlichen medialen Ebenen standen dabei nicht isoliert nebeneinander, sondern griffen ineinander und verdichteten sich zu einem vielschichtigen Geflecht aus Stimmen, Bildern, Erinnerungen und Reflexionen. So entstand eine komplexe theatrale Struktur mit einem Mise-en-abyme-Effekt.

Beeindruckend war vor allem Dragomans schauspielerische Leistung. Er stellte überzeugend die innere Zerrissenheit Kafkas und die Dominanz der Vaterfigur dar, indem der Schauspieler den unterschiedlichen Stimmen jeweils eine eigene Ausdrucksform verlieh. Neben der rumänischen Übersetzung wurden wiederholt Passagen des deutschen Originals eingebunden. Das Zusammenspiel von Rumänisch und Deutsch sowie Video- und Toneinspielungen erzeugte einen Verfremdungseffekt, der die dramatische Spannung steigerte. Dragoman setzte insbesondere die deutschen Passagen wirkungsvoll in Szene.

Zur Intensität der Aufführung trug auch der Spielort bei. Die räumlichen Gegebenheiten im Multikulturellen Zentrum verstärkten den Eindruck eines beinahe klaustrophobischen Bühnenraums und ließen die psychischen Spannungen des Textes unmittelbar erfahrbar werden. Ferner bezog eine auf den Schauspieler und zugleich auf das Publikum gerichtete Kamera die Zuschauer aktiv in das Geschehen ein und ließ die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum zeit-weise verschwimmen – so wurden alle Anwesenden Teil der Performance.

Als besonders gelungen erwies sich die Regie von Cătălin Bocîrnea, die die multimedialen Elemente innovativ, aber stimmig einsetzte. Die Aufführung eröffnete biografische, rezeptionsgeschichtliche, psychologische sowie existenzielle Perspektiven auf Kafka und thematisierte Fragen der Nachlassverwaltung wie Vater-Sohn-Konflikte, Schuld, Selbstanklage, Identitätssuche und das Bedürfnis nach Anerkennung. Zugleich offenbarte sie die zentrale Bedeutung des Schreibens für Kafka. Dank ihrer verfremdenden Momente und der mitunter unbequemen Auseinandersetzung mit den genannten Themen eröffnete die Inszenierung dem Kronstädter Publikum einen speziellen Zugang zum Schriftsteller Franz Kafka und seinem Werk. Die Performance machte deutlich, dass Kafkas Texte bis heute nichts von ihrer Aktualität einbüßt haben und weiterhin Fragen aufwerfen, die auch die Gegenwart beschäftigen.

Weitere Partner im Projekt waren das Goethe-Institut Bukarest, das Österreichische Kulturforum Bukarest und die Jüdische Gemeinde Kronstadt.