Auch in diesem Jahr fiel die Entscheidung wieder schwer: Wer das 33. FITS besuchte, konnte sich auf ein buntes Programm freuen, brauchte aber auch Mut zur Lücke. Vom 19. bis 28. Juni fanden unter dem Motto „Seele“/„Suflet“ über 800 Veranstaltungen mit 5000 Künstlerinnen und Künstlern aus 83 Ländern statt. Theateraufführungen, Straßenkunst, Konzerte, große Tanz- und Akrobatikaufführungen, Kunstausstellungen, Lesungen und Filme standen auf dem Spielplan. Wer in diese Theater-Lebenswelt eintauchen wollte, hatte zehn Tage lang die Gelegenheit dazu – Zauber und Inspiration garantiert inklusive.
Das Team um Festivalleiter Constantin Chiriac hatte auch in diesem Jahr wieder ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Theaterliebhaber konnten beim Spazierengehen durch das Stadtzentrum wieder allerlei erleben. Auf den Hauptplätzen in der Innenstadt, dem Großen und dem Kleinen Ring, dem Huetplatz und dem Habermann-Platz fanden viele Outdoor-Veranstaltungen statt, die kostenlos besucht werden konnten. Theater, Kinos, die Philharmonie sowie Parks, Cafés und Restaurants und die Gotteshäuser verwandelten sich in eine einzige große Theaterbühne für alle.
Fanny Ardant oder der Ruf der Kassandra
Sichtlich bewegt zeigte sich die französische Schauspielerin Fanny Ardant. Mit ihrer Darbietung „Cassandre“/ „Kassandra“ bestritt sie einen eindrucksvollen Auftritt im Thalia-Saal in der Hermannstädter Philharmonie. Begleitet von Orchestermusik interpretierte sie die Geschichte um die Tochter des trojanischen Königs Priamos und seiner Frau Hekabe: Kassandra, die die Verführungskünste des Gottes Apollon zurückweist, wird von ihm mit einem Fluch belegt. Sie kann die Zukunft vorhersehen – die ihr die anderen aber nicht glauben. Kassandra warnt die Trojaner vor der List der Griechen und deren Pferd.
Die französische Grande Dame der Schauspielkunst war gleich am Tag nach ihrem Auftritt im Thalia-Saal bei Autor Matei Vișniec zu Gast im Spiegelsaal des Hermannstädter Forums: Wie ein schwarzes Loch habe sie die Stille des Hermannstädter Publikums wahrgenommen und den Applaus, die Wärme und die Blumengeschenke als etwas Magisches erlebt. Im Zentrum des Gesprächs: der Werdegang Ardants, der im Jahr 1981 mit dem Streifen „Die Frau von nebenan“ von Regisseur François Truffaut, ihrem späteren Partner, der Durchbruch gelang. Ardant erzählte außerdem die Entstehungsgeschichte des Films „Asche und Blut“, (Originaltitel: „Cendres et sang“), der in Rumänien gedreht wurde und bei dem sie selbst Regie führte. Schon damals seien ihr die Magie der Drehorte und die Wärme der Menschen aufgefallen, so Ardant.
Milo Raus faszinierende Theaterwelt
Im Gepäck hatte der Schweizer Regisseur Milo Rau gleich zwei Inszenierungen: Mit der „Seherin“ war Rau bereits bei der vorigen Ausgabe des Festivals vertreten. Diesmal hatte er die Stücke „Medeas Kinder“ und „Der Brief“ im Gepäck, in denen Mythen und Geschichte mit der Realität vermischt werden. Insbesondere das Stück „Medeas Kinder“ soll Anlass dazu geben, sich über Familiengeschichte, die erste Liebe, die ersten Begegnungen mit dem Tod, über Zukunftswünsche und die apokalyptischen Ängste, die Menschen beherrschen können, auseinanderzusetzen.
Außerdem nahm Milo Rau in diesem Jahr den Stern des Hermannstädter „Walk of Fame“ für die österreichische Schauspielerin Elfriede Jelinek entgegen. Eine weitere Inszenierung von „Medeas Kinder“ in der Regie von Botond Nagy stand ebenfalls auf dem Programm – auch hier geht es um die Auslotung der Grenzen von Liebe und die Darstellung von Gewalt sowie die verschwimmenden Grenzen von Mythos und Realität.
Eine der Erfahrungen, die Rau aus seiner Biografie mit dem Publikum bei der Konferenz im Spiegelsaal teilte: Es habe nicht den einen Wendepunkt in seiner Karriere gegeben, der zum Erfolg geführt habe. Vielmehr sei eine seiner Erfahrungen, dass die Entscheidungen, die man als Individuum treffe, erst im Nachhinein ihre volle Bedeutung und ihren Sinn entfalteten. Vor allem habe er eine Reihe von Rückschlägen erfahren, bevor er seine Talente und seine Theatersprache gefunden habe.
Junge Bühnenstimmen im Fokus
Das FITS hat sich über die Jahre einen Namen durch die Förderung von Nachwuchstalenten gemacht. Aus einem der Förderprogramme entstand am Radu-Stanca-Nationaltheater die Inszenierung „Wörterbuch für Revolutionen“/„Dic]ionar pentru revolu]ii“ von Alin Uberti und Narcis Zamfir. Ausgehend von einem Missbrauch an einer Studienkollegin verbarrikadiert sich eine Gruppe Anthropologie-Studenten in einem Hörsaal. Anhand von Wörterbuchdefinitionen werden alle zeitgenössischen Protest-Themen gesprochen oder gesungen vorgetragen: Umweltschutz und Neo-Faschismus, der große weiße Mann und das Recht auf Bildung, die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Feminismus, Bullying u.v.m. Die Inszenierung spielt auf einer breiten Klaviatur der Theatergattungen: Tragödie, Komödie, Musical und Stand-Up. Als Zuschauer kommt man fast nicht umhin, sich die Frage zu stellen, ob die Welt für die junge Generation wirklich so problematisch ist. Die Antwort liefert das Stück selbst, indem es mit der Frage schließt: „Ist es nicht unsere Aufgabe, die Welt, die ihr uns gegeben habt, zu verbessern?“
Obwohl dem Publikum längst bekannt, darf Elise Wilk noch zu den jungen Theaterschreiberinnen gerechnet werden. In ihrem Stück „Union Place“ verbindet sie gekonnt und auf unerwartete Art und Weise sieben Schicksale jenseits der geografischen Grenzen miteinander. Die (Liebes-)Beziehungen und die damit verbundenen traumatischen Erfahrungen stehen dabei im Mittelpunkt. Regisseur Cristian Ban bringt in seiner Inszenierung am Radu-Stanca-Theater die sieben, teils parallel verlaufenden Schicksale in einem minimalistischen Bühnenbild zur Entfaltung. Die gekonnte Leichtigkeit der Schauspiele- rinnen und Schauspieler lässt die emotionalen Momente – stets als Monolog – umso tiefer auf die Zuschauer wirken.
Mephisto auf dem Walk of Fame
Mancher fragt sich vielleicht, ob die Schauspielerin Ofelia Popii auf den „Walk of Fame“ neben Namen wie Fanny Ardant, Elfriede Jelinek oder neben das Yamamoto Noh Theater gehört. Die Antwort: Ein dezidiertes Ja. Das künstlerische Können der 48-jährigen Schauspielerin ist längst auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene anerkannt. Sie ist die erste nichtbritische Trägerin des Harold-Angel-Awards und wurde zudem zweimal mit dem Uniter-Preis sowie zweimal mit dem Gopo-Preis augezeichnet. In Silviu Purc²retes „Faust“ stand sie als Mephisto während des 33. FITS zum 300. Mal auf der Bühne – das Stück ist seit 2007 konstant ausverkauft.
„Auf der Bühne darf mir nichts zu einfach erscheinen“, erklärte Ofelia Popii im Dialog mit Octavian Saiu. „Ich habe dann den Drang, alles zu verkomplizieren. Ich lebe aus den mir gestellten He-rausforderungen heraus“, so die Schauspielerin. Die Energie für ihre zahlreichen Projekte entnehme sie dem Gefühl, dass die Zeit zu schnell verrinne. Wobei sie inzwischen gelernt habe, auch den Augenblick mehr zu genießen: „Dafür bin ich aber im Alltag eine ziemlich langweilige Person,“ gab sie lächelnd zu.
Flammen im ASTRA-Park und Marionetten mit Seele
Besonders viel Seele lag in diesem Jahr in der Straßen- und Zirkuskunst: Das Festival-Team legte den Schwerpunkt im Programm vor allem auf viele kleine Darbietungen im Freien. So konnte man im ASTRA-Park in den späten Abendstunden den „Garten der Flammen“, eine Feuerflammeninstallation der italienischen Gruppe „Opera Fiammae“, bewundern. Ein riesiger Ratsturm, konstruiert aus Pappkartons zierte mehrere Tage lang den Kleinen Ring. Die filigranen Miniaturmodelle von Theatern und Bühnenbildern des ungarischen Künstlers Levente Bagossy begeisterten ebenfalls das Laufpublikum. Der Künstler Teodor Borisov sorgte auf dem Huetplatz mit drei Vorstellungen à 35 Minuten und seinen „Marionetten mit Seele“ bei Groß und Klein für Begeisterung. Zum Abschluss war wieder die beliebte traditionelle Drohnen-Laser-Show auf dem Theaterplatz zu sehen. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher verfolgten die nächtlichen Lichtspiele – dabei unter anderem ein Motiv eines FITS-Buchs, das sich langsam schloss. Das Festival ist für dieses Jahr vorbei. Dieses Kapitel ist abgeschlossen. Aber viele weitere möchten noch geschrieben werden.












