Die dunkle Gravitationskraft menschlicher Ordnungen

Ana Blandianas Anatomie der Manipulation zwischen Diktatur, Freiheit und medialer Moderne

Georg Aescht, geboren 1953 in Zeiden/Codlea (Siebenbürgen/Rumänien), ist als Literatur- und Kunstkritiker , aber vor allem als Übersetzer tätig. Georg Aescht hat mehrere philosophische und kulturgeschichtliche Sachbücher aus dem Rumänischen sowie zahlreiche literarische Texte von Oscar Wilde, Ion Agârbiceanu, Gellu Naum, Norman Manea, Gabriela Adame{teanu und anderen übersetzt. Als Herausgeber hat er „Siebenbürgen erlesen“ (in der Reihe „Europa erlesen“), Horst Peter Depners „Auch ohne Zukunft ging es weiter. Erinnerungen eines politischen Häftlings“ sowie die Buchreihe „Zeidner Denkwürdigkeiten“ betreut. Foto: Traian Pop

Ana Blandiana (Pseudonym von Otilia Valeria Coman) wurde 1942 in Timisoara / Temeswar (Rumänien) geboren. Sie hat zahlreiche Lyrik-, Prosa- und Essaybände, mehrere Kinderbücher sowie einen Roman veröffentlicht. Blandianas Werk, das in etliche Sprachen übersetzt und für das sie mit vielen nationalen und internationalen Preisen geehrt wurde, besticht durch die hypersensible Wahrnehmung von Welt und deren unverwechselbarer Gestaltung. Die Autorin flirtet nicht mit modischen Trends, nein, sie setzt sich – vor dem Abgrund, in den die Menschheit seit bald einem Jahrhundert immer wieder ratlos starrt – besorgt, kritisch, leidenschaftlich mit dem Verlust von Freiheit auseinander. Der Platz, den sie im literarischen Leben Rumäniens einnimmt, ist vergleichbar mit dem von Anna Achmatowa in Russland oder Václav Havel in der Tschechischen Republik. Foto: Miguel Ruiz Duran

Mit diesem Band setzt der POP Verlag in Ludwigsburg eine jener stillen verlegerischen Großtaten fort, ohne die der deutsche Sprachraum um wesentliche Stimmen ost- und südosteuropäischer Literatur ärmer wäre. Gerade für die rumänische Literatur ist dieser Transfer von unschätzbarem Wert: Er macht nicht nur Texte zugänglich, sondern Erfahrungsräume, historische Tiefenschichten und moralische Konstellationen, die westlichen Lesern oft fern geblieben sind. Ana Blandianas „Der Wille des Menschen ist antastbar. Von der Allgegenwart der Manipulation“, 2024 bei Pop in Ludwigsburg erschienen und aus dem Rumänischen von Georg Aescht übersetzt, gehört in diese Reihe nicht nur als bedeutendes Buch, sondern als ein Werk, das exemplarisch zeigt, wie Literatur aus einer konkreten historischen Bedrängnis zu einer allgemeinen Aussage über Macht, Freiheit und die Verletzbarkeit des Menschen gelangen kann.

Georg Aescht, der Übersetzer, rahmt das Buch in seinem Geleitwort sehr präzise. Für ihn ist es ein Text über ein Land, das „vielen, nicht zuletzt Rumänen selbst, ein Rätsel geblieben“ ist (S. 5). Zugleich sieht er in Blandiana eine Autorin, die schon vor Ceau{escus Sturz von 1989 gegen jedes „ideologische Diktat“ moralische und literarische Autorität gewann (S. 5). Den eigentlichen Kern trifft er aber dort, wo er schreibt, die Menschen in diesen Erinnerungen seien „gleich der Autorin selbst Opfer von Manipulation“ und würden doch „notgedrungen zu deren (Mit-)Tätern“ (S. 7). Damit ist der Horizont gesetzt: Dieses Buch ist nicht bloß rumänische Zeitgeschichte, sondern eine Studie über Verstrickung. Aescht nennt es folgerichtig ein „grandioses Buch der herb enttäuschten und gerade deshalb unbeirrt, ja inständig gehegten Hoffnung“ (S. 7). Das ist nicht zu hoch gegriffen.

Denn Ana Blandiana schreibt keine Memoiren im üblichen Sinn. Sie sagt es gleich zu Beginn selbst: „Dies ist kein Buch der Erinnerungen“ (S. 11). Wenige Seiten später präzisiert sie, es sei nur insofern ein solches, als „die Erinnerungen zu Argumenten werden können“ (S. 14); ihr Ziel sei nicht, ihr Leben zu erzählen, sondern „es zu verstehen“ (S. 11). Genau darin liegt die Form dieses Buches: Es folgt keiner Chronologie, sondern einer Obsession, keiner Lebenslinie, sondern einer bohrenden Leitfrage. Und diese Leitfrage heißt nicht Erinnerung, auch nicht Gedächtnis, sondern: Manipulation. Blandiana will wissen, „wie viel“ ihres Lebens Ergebnis des eigenen Willens war und wie viel auf „Einflüsse, Zwänge und Manipulationen“ zurückging (S. 11). Noch bedrängender als der äußere Zwang erscheint ihr die „schwerer wiegende Tatsache“, „dass ich manchmal zum Handeln überzeugt worden bin“ (S. 11). Damit ist der Nerv des Buches benannt. Manipulation ist bei ihr nicht bloß Propaganda oder Zensur, sondern jene Form der Macht, die das Fremde als Eigenes erscheinen lässt.

Von hier aus gewinnt auch Blandianas große Metapher ihre ganze Wucht. Im Mittelpunkt aller Kräfte, Dinge, Tatsachen und Personen steht, „gleich einer schwarzen Sonne“, „der Wunsch zu manipulieren“ (S. 13). Dieser Satz verleiht den Aussagen dieses Buches ihre düstere Gravitationskraft. Er zeigt, dass Blandiana Manipulation nicht als Sonderfall des Kommunismus versteht, sondern als Grundphänomen menschlicher Ordnungen. Schon in der Programmpassage nennt sie als Instanzen möglicher Manipulation nicht nur Menschen und Institutionen, sondern auch „Bücher, Glaubensrichtungen, Ideen“ (S. 11–12). Und sie fügt hinzu, dies sei „keine Neuerung der jüngsten Geschichte“ (S. 13). Der Kommunismus ist also für sie nicht die Erfindung, sondern die Zuspitzung eines allgemeinen Problems. Gerade deshalb ist dieses Buch so viel größer als ein politischer Erfahrungsbericht: Es ist eine moralische Anthropologie von Lenkung und Gelenktsein.

Zunächst jedoch wurzelt diese Anthropologie tief in der rumänischen Geschichte. Das Ursprungsbild des Buches, das Kapitel „Die erste Manipulation“, führt in die stalinistische Frühphase des Regimes zurück. Blandiana war „fünf oder sechs Jahre alt“, es war „1948 oder 1949“, und die Szene ist „meine erste politische Erinnerung“ (S. 20). Bei der Hausdurchsuchung wird ein Revolver in ihre Spielzeugschublade gelegt; der Vater wird wegen „illegalen Waffenbesitzes“ verhaftet. Das eigentlich Verheerende liegt aber nicht in der staatlichen Gewalt als solcher, sondern in ihrer seelischen Technik. Erst als das Kind „den Mechanismus der auf meine Schuld gründenden Katastrophe“ zu begreifen meint, bricht es zusammen (S. 25). Gewalt genügt dem System nicht; es pflanzt Schuld in das Opfer ein. Präziser kann man die Logik totalitärer Manipulation kaum beschreiben. Am Ende bleibt nicht ein Bericht, sondern ein Bildkern: „In meiner Erinnerung steht am Ende der Begebenheit das Bild von Mutter“ (S. 25). Schon hier zeigt sich Blandianas Poetik: Erinnerung hält die Wunde fest, Denken deckt den Mechanismus auf.

Für die Ceaușescu-Zeit des rumänischen Nationalkommunismus im engeren Sinn sind dann die Passagen über Zensur, Scheinfreiheit und kulturelle Dressur entscheidend. Blandiana beschreibt, wie selbst die Aufhebung eines Publikationsverbots sich als „Form der Manipulation“ erwies (S. 15). Der Name auf dem Buchumschlag ist für sie nicht „ein Zeichen des Sieges“, sondern „der Köder“, mit dem man „in eine Dressurfalle gelockt wird“ (S. 15). Später steigert sie diese Diagnose noch: In den achtziger Jahren wurde jeder geglückte Veröffentlichungsversuch „zum Argument für eine inexistente Freiheit umgedeutet“ (S. 16). Hier trifft sie den Nationalkommunismus unter Ceau{escu in seinem raffiniertesten Punkt. Dieses Regime herrscht nicht nur durch Verbot, sondern durch die propagandistische Inszenierung von Freiräumen; es unterdrückt nicht nur, es manipuliert die Bedeutung des Erlaubten. Der Satz des Erasmus, der jahrelang über ihrem Schreibtisch hing — „Lass dich von niemandem gebrauchen“ (S. 15) — wird so zur Gegenformel eines ganzen Systems.

Doch das Buch bleibt nicht in der Diktatur stehen. Seine vielleicht bitterste Einsicht lautet, dass Manipulation nach 1989 nicht endet, sondern ihre Gestalt verändert. „Unter den Umständen der Freiheit“ verschwinden Schwarz und Weiß, und es entstehen „unendlich viele verwirrende Graustufen“ (S. 17). Die Gefahr geht nun nicht mehr nur von Feinden aus, sondern von Nähe, Kooperation, vermeintlicher Verbundenheit. Blandiana spricht ausdrücklich von ihrem „Glauben an vermeintliche Verbundenheit“ als einer ersten Form der Manipulation (S. 17). Daraus wächst eine fast schon schmerzhafte Anthropologie: „Eigentlich“, schreibt sie, ließen sich „alle zwischenmenschlichen Konflikte“ aus demselben Bedürfnis erklären, nämlich aus dem „Wunsch zu manipulieren“ (S. 17). Und noch radikaler: „Im Grunde ist selbst die Liebe eine Form gegenseitiger Manipulation“ (S. 18). Man mag vor dieser Zuspitzung zurückschrecken; man wird ihr aber die gedankliche Konsequenz nicht absprechen können. Blandiana interessiert sich eben nicht nur für politische Systeme, sondern für die menschliche Bereitschaft, andere zu lenken und sich lenken zu lassen.

Erinnerung und Gedächtnis erhalten in diesem Gefüge ihren genauen Platz. Das Buch lebt nicht primär von ihnen, sondern von der Frage, wie Manipulation überhaupt erkannt werden kann. Erinnerung ist bei Blandiana das Erlebte, wie es sich eingebrannt hat: bildhaft, schockhaft, lückenhaft, wiederkehrend. Gedächtnis ist die Arbeit, die diese Splitter ordnet und auf Wahrheit hin befragt. Sie selbst nennt ihr persönliches Gedächtnis „eher ungefähres und äußerst launisches persönliches Gedächtnis“ (S. 137); sie vergesse vieles, wenn es sie nicht erschüttert habe, und behalte Nebensächliches, wenn es ein Schock gewesen sei (S. 137). Gerade darum sind die starken Szenen dieses Buches keine Anekdoten, sondern seelische Brennpunkte. Ihre höhere Form gewinnt diese Bewegung dort, wo Blandiana über das kollektive Gedächtnis spricht: „Der einzige Aspekt des Gedächtnisses, der mich interessiert, ist die Wahrheitsfindung“ (S. 341). Das ist einer der zentralen Sätze des Bandes. Erinnerung hält die Szene fest; Gedächtnis macht sie lesbar; aber das, was lesbar werden soll, ist immer der Mechanismus der Manipulation.

Wie intensiv eine solche Erinnerung sein kann, zeigt die Pariser Begegnung mit Emil Cioran beispielhaft. Blandiana schildert sie nicht reportagehaft, sondern als inneres Ereignis. Den rumänischen Exilierten sinkt man „geschwisterlich in die Arme“, „den Tränen nahe“, „nicht wie bei einer ersten Begegnung, sondern wie nach einer langen Trennung“ (S. 557). Schon darin liegt ein ganzes Drama des Exils. Die Begegnung sprengt den Rahmen des Literarischen und wird zu einer Szene aufgeladener Zugehörigkeit. Dass sie später in dieser Passage sogar ins Visionäre kippt, ist deshalb kein Stilornament, sondern Ausdruck einer erschütterten Wahrheitserfahrung. Erinnerung ist hier nicht Protokoll, sondern Nachbeben. Sie konserviert nicht Information, sondern Intensität. Eben darin liegt Blandianas besondere Stärke: politische Nüchternheit und poetische Erregung treten bei ihr nicht auseinander.

Von hier aus lässt sich auch verstehen, warum Blandiana nie im Ressentiment steckenbleibt. Wenn sie in die Vergangenheit blickt, sieht sie sich „keineswegs einem Inferno mit Dämonen und Monstern entrinnen“, sondern „einer gemeinen, von Demütigung, Elend, Schmerz und Verschwörung besudelten Welt“ (S. 28). Selbst dort, wo sie Täter beschreibt, versucht sie, den „Mechanismus“ zu sehen, dem auch sie zum Opfer gefallen sind (S. 27). Und doch unterscheidet sie sehr genau zwischen altem und neuem Bösem. Das heutige Böse ist nicht mehr „das blutrünstige Raubtier des Terrors“, sondern „eine widerliche Mischung aus Laster und Indifferenz, Schläue und Dummheit, Böswilligkeit und Perversion“ (S. 29). Man könnte sagen: Der offene Schrecken der Diktatur verwandelt sich in der Nachgeschichte in eine klebrige Moralverwesung. Gerade darin liegt Blandianas historische Schärfe. Sie sieht nicht nur den Terror, sondern auch die Korruption der Freiheit.

Hier berührt das Buch seine westliche und spätmoderne Dimension. Im Kapitel „Unterschwellig“ notiert Blandiana, die Massenmedien würden zur „einzig wirklichen“ vereinheitlichenden Macht (S. 544), und was „als Erfolg der Demokratie erscheint“, sei zugleich „einer der Manipulation“. Über alles herrsche „eine beinahe okkulte Macht durch unterschwellige psychologische Mechanismen“ (S. 544). Das ist nicht mehr das Rumänien vor 1989. Das ist eine Diagnose der demokratischen Mediengesellschaft, in der Macht diffuser, psychologischer und schwerer zu greifen wird. So reicht dieses Buch von der stalinistischen Gewalt über die Dressurtechniken des Nationalkommunismus bis zur weichen Lenkung der Gegenwart. Gerade dadurch wird es aus rumänischer Erfahrung heraus zu einem europäischen Buch.

Über allem aber steht Ana Blandianas „Abscheu vor der Macht“. Von Macht bleibt für sie nichts Erhabenes zurück, sondern eine „widerliche und empörende, vulgäre und profitsüchtige, hässliche und giftige“ Wirklichkeit (S. 31). Dieser Satz ist kein Temperamentsausbruch, sondern ein Schlüssel zum Ganzen. Blandiana interessiert sich nicht für die Eroberung von Macht, sondern für ihre moralische Entlarvung. Vielleicht erklärt gerade das die besondere Autorität dieses Buches: Es spricht aus der Nähe der Geschichte, ohne sich von ihrer Gewalt faszinieren zu lassen; aus der Erfahrung politischer Kämpfe, ohne nach Herrschaft zu verlangen. „Der Wille des Menschen ist antastbar“ ist darum weit mehr als ein Erinnerungsband: Es ist eine rumänische, europäische und allgemeinmenschliche Anatomie der historischen Mechanismen, der anthropologischen Horizonte und der modernen Verfeinerungen des gesamten Manipulationskorpus, der – schier unentrinnbar – den Willen des Menschen unterwandert. 

Und in Georg Aeschts sehr gelungener Übersetzung gewinnt diese Verbindung aus begrifflicher Strenge, moralischer Nüchternheit und leiser poetischer Erregung eine bemerkenswert klare und tragfähige Sprache. Gerade diese Klarheit aber macht umso deutlicher, wie fremd, widerständig und schwer vermittelbar der Erfahrungsraum bleibt, aus dem diese Literatur kommt: Der Abstand, ja die Kluft zwischen der dortigen und der westlichen Lebens- und Lesewelt ist größer, als dass sie mit bloßer Verständnisbereitschaft zu überwinden wäre. Auf den Stoff und die Thematik, ebenso auf die eigenwillige rumänische Herangehens- und Gestaltungsweise muss man sich nicht nur einlassen – man muss ihnen mit offenen Augen und wachen Synapsen entgegengehen. Die deutsche Sprache ist trefflich gefügt, der Übersetzer bewegt sich mit festem Schritt, ohne abzustürzen. Denn die Tektonik jenes „fernen Kontinents“ befindet sich in derart konvulsivischer Bewegung, dass die in der vermeintlich stabilen abendländischen Realität und Kultur leidlich Bewanderten normalerweise ein Schwindel überkommen muss.