Unter den (bisher etwa) 23 Buchveröffentlichungen in Verlagen, sowie ihren zahlreichen Buch-Kunstwerken (Unikate oder Mikro-Auflagen in Eigenregie, was heißt, dass sie von der Herstellung des Papiers und bis ans Binden – was sie Fachleuten überließ – alles als Manu-Faktur anging), die sie als Produkte zur Selbsterkenntnis und zur Freundesfreude auffasst und handhabt, ragt die jüngste, testamentarisch anmutende Buchveröffentlichung „Legst du dich in Schrift. Ilse Hehn. Zeit der Ebbe. Eine Text und Bild-Auswahl von 1965 – 2025“ heraus.
Erschienen ist das Buch im Pop-Verlag Ludwigsburg (ISBN 978-3-86356-425-4, Reihe Lesezeichen, Band 5). Auch, weil ich Fragmente des vorverlegerischen Ringens und Geplänkels zwischen der selbst- und zielbewussten Autorin und dem verdienstvollen Verleger Traian Pop Traian betreffs dieses 624 Seiten starken Buches mitbekommen habe, aber eigentlich erst, nachdem ich mich durch den massiven Band voller authentischer Lyrik, Prosa und Malerei, Reisephilosophie und kritisch unterlegtem Kulturerlebnis (nicht ohne verschmitzt-pädagogische Hintergedanken – die Autorin war ein Leben lang, neben Vollblutschriftstellerin und vieldirektional Grenzen auslotender Malerin auch Lehrerin und Kunsterzieherin) und nachdem ich einige Rezensionen zu diesem Ausnahmeband gelesen hatte, entschied ich mich, selbst etwas zu diesem Buch der seit ihrem Debüt in den 1970er Jahren mit zahlreichen Preisen Geehrten – zuletzt, 2023, der „Andreas Gryphius“-Preis – zu schreiben.
Mich irritierte vor allem, dass Ilse Hehn in einer der Rezensionen der Stempel einer „Banater Autorin“ verpasst wurde. Auch deswegen betitelte ich eine jüngst verlesene Laudatio auf die Schöpferin von Literatur und Kunst und auf ihr jüngstes Druck-Werk: „Das Wort, der/ein Schlüssel zu Ilse Hehn`s Werk und Sendung“.
Denn: Johannes 1,1 in der Einheitsübersetzung lautet: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ Im griechischen Original klingt das etwas mehrdeutiger, philosophisch tiefer: „En arche en ho logos, kai ho logos en pros ton theon, kai theos en ho logos“ – wobei das dreimalig wiederholte „ho logos“ sowohl als „das WORT“, als auch als „der LOGOS“ übersetzt wird.
Der Eröffnungssatz der Bibel, obiger Vers aus Johannes 1,1, betont drei zentrale Punkte: die Prä-Existenz des Logos, die Beziehung des Logos zu Gott, die Göttlichkeit des Logos.
Wer darüber etwas gründlicher nachdenkt, findet hier rasch eine nicht nur philosophische Dreifaltigkeit/Dreieinigkeit. Als Philologe geziemt mir jedoch der Versuch, dem „Logos“ in dieser Dreieinigkeit und seinen Bedeutungen auf den Grund zu gehen und gleichzeitig zu versuchen, im Rahmen dieses Vorgehens mich der heute und hier aus dieser Perspektive vorgestellten Ilse Hehn zu nähern. Denn ich hörte beim Zählen der Nennung des „WORTes“ und seiner WORTfamilie in ihren Gedichten und in ihrer so eigenartigen Prosa, die sie im erwähnten Band zusammenfasste, bei 100 auf mit dem Zählen. Mir war klar: das WORT ist für Ilse Hehn nicht nur ein Schlüsselwerkzeug der Literatur – das ist es für hunderttausende weltweit gleichermaßen, ihr ist das WORT auch wichtig in ihrem Gesamtschaffen und in dem, was sie zu vermitteln sucht, und das, der Literatur gleichWERTig, in und mit der Malerei, wie sie von Ilse Hehn verstanden wird, auch tut.
Klingt erst mal bisschen paradox, ist es aber letztendlich nicht. Was hier nachzuweisen ist.
(Der) LOGOS bedeutet als Kommunikationssignal mindestens fünferlei. Und jede Deutung kommt mit mehreren Unterdeutungen:
1. LOGOS bedeutet aufs Verstehen angelegte Rede, Sprache – also Kommunikation. Schreiben ist Kommunikation und arbeitet mit dem Logos. Mit dem Wort. Und mit allen seinen Implikationen, wie philologisch oder sprachwissenschaftlich Geschulte sagen: Mit dem Wort und dem Gesamtinhalt und der holistischen Aussage seiner semantischen Sphäre, seiner Aura. Oder mit dem Strahlenkranz eines WORTes, bestehend aus den von jedem Wort suggerierten Gedanken- und Inhaltskombinationen. Den vom WORT suggerierten Denkanstößen jenseits und hinter der eigentlichen Aussage. Diese sind, in ihrer Gesamtheit, die Grundlage jedwelchen Gedichts, das heute geschrieben wird. Oder sollten das sein... Gilt aber unbedingt für Ilse Hehn.
2. LOGOS bedeutet menschliche oder göttliche Vernunft, allumfassender Sinn, so gesehen ist Logos die Weltvernunft – denken wir das ruhig mal weiter: wer schreibt, wer die aufs Verstehen angelegte Rede, das WORT als Mittel der auch künstlerisch verbrämten, aber gerade dadurch allgemeingültigeren Kommunikation, nutzt, den LOGOS, also das WORT oder das (erstmal akustische, aber auch ganz allgemeine) Zeichen oder ... Signal – implizite die Malkunst! – vermittelt Weltvernunft. Schreiben und Malen vermitteln eine allumfassende Sinngebung – für jeden Verstehenden oder ums Verstehen Bemühten. Letztendlich vermittelt Schreiben mit literarischen Valenzen Mosaiksteine der Weltvernunft.
Und zwar zum Zweck des unumkehrbaren Weiterdenkens durch alle Empfänger des Signals, des Kommunikationsinhalts, ganz im Sinne von Dürrenmatt: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Weitergedacht werden kann es aber – und wird es, fataler- und glücklicherweise – sehr wohl. Soll es sogar.
In diesem Sinn ist das Werk Ilse Hehns als Anlass zum Weiterdenken zu verstehen. Man darf also Ilse Hehn als mehr als eine Schriftstellerin, als mehr als eine Malerin bezeichnen: sie ist, als Künstlerin, ein kreativer Mensch, eine Schaffende, aber als solche auch eine Vor-Denkerin. Und als solcherart Schöpferin sehe ich sie auch in ihren Über-Malungen und in ihren Über-Schreibungen. Sie kreiert Botschaften und Tipps zum Anders- und Weiterdenken von Bestehendem. Anregungen zum selbst-schöpferisch Tätig-Werden. Ilse Hehn ist, so gesehen, eine Impulsgeberin.
3. LOGOS bedeutet logisches Urteil; Begriff – Das Schreiben von Ilse Hehn hat sich von Intuition und gezügelter Emotion weiterentwickelt. Auf ihrem „Weg“ nach „Ninive“ hat sich Ilse Hehn weiter entwickelt als Schriftstellerin, indem sie sich zunehmend in Richtung Ratio, Vernunft, zur Logik hinwandte. Die das WORT vor-, um-, rück- und nachsichtiger, also zunehmend be-dacht-er einsetzte.
(Wohlgemerkt: „Ninive“ gehört zu den biblischen Orten! Die Hauptstadt des Reiches der Assyrer spielt eine zentrale Rolle in den Bibeltexten von Jona und Nahum und gilt gemeinhin als Symbol für Reue und Buße. Der „Weg“ dorthin ist „weit“.)
Logik ist aber auch die Grundlage zur Ironie. Und zu systematischem Wissen. Ich kenne wenige Bücher, die wie Ilse Hehns 23. Verlagsbuch mit dem Titel „Legst du dich in Schrift. Zeit der Ebbe“, so logisch aufgebaut sind, irgendwie an ein Testament, an etwas Definitives anlehnen.
LOGIK hat aber fatal mit LOGOS zu tun!!! Und „Logos“, das „WORT“, suggeriert schon bei Johannes in der Bibel Begriff und Begrifflichkeit(en). Damit kommen wir zurück auf die bereits suggerierte „Dreifaltigkeit“/„Dreieinigkeit“ des ersten Satzes/Verses der Bibel mit den drei angesprochenen Zentralpunkten, der Prä-Existenz des Logos, des WORTes, das allem vorangeht – denn erst mit Worten kommt der Mensch überhaupt ans Denken, also implizite zum Bewusstsein seiner selbst, das sich ausschließlich durch Denken äußert. Zur Identifizierung von WORT und Gott – Gott spricht, als Schöpfer, wie jeder schaffende, also kreative Mensch. Und drittens liegt in dieser Dreifaltigkeit/Dreieinigkeit die Göttlichkeit des Wortes, die über allem steht, alles schafft und beherrscht, aber zur gleichen Zeit und implizite der Ursprung dieses Alles ist. Das WORT also auch als Symbol ewiger Wiederkehr zu den Ursprüngen. Damit, durchs Schreiben und Malen, durch göttliches Schaffen, lies: Kreativität, rückt der Mensch nicht nur in die Nähe von Gott, sondern er wird sich, durch Vernunft, also WORT und LOGOS, auch seiner eigenen Göttlichkeit bewusst. Und seiner Sendung auf Erden. Als Schöpfer. Dem nichts Grenzen setzen kann. Vor allem in den Über-Malungen und Über-Schreibungen sowie in ihren Reise- Impressionen beweist Ilse Hehn, dass Grenzen zum Überschreiten da sind. Wozu sie uns, Leser und Mit-Schöpfer, auch ermutigt, indem sie das beharrlich suggeriert.
4. LOGOS bedeutet auch Gott, Vernunft Gottes als Weltschöpfungskraft – „Logos“ hat im griechischen Urtext der Bibel, auch so wie sie uns überliefert wurde durch die gängigen Einheitsübersetzungen, angefangen mit Martin Luther, implizite die Bedeutung von „Gott“. „Gott ist das Wort“ oder, wie wir es in der Messe hören: „Wort Gottes“, oder, aus dem päpstlichen Rom: „Dei gratia“, womit festzuhalten ist, dass der schreibende Gott-Mensch, im Fort-Denken der bisher demonstrierten Logik also: der Schriftsteller – ein Schöpfer ist. Der dem vernunftgesegneten Herrn der Weltschöpfungskraft gleichgestellt werden kann. Muss.
Die Vernunft Gottes, verkörpert im körperlosen Wort, das erst durch Niederschrift etwas Körperliches, Greifbares wird, ist Schöpfungskraft für Welten – jeder SCHRIFT-Steller schafft Welten, die ihrerseits bloß ideell, also nur im Geiste greifbar sind. Dem Leser fällt die Aufgabe zu, diese ideellen Welten zu entziffern, mit Leben zu füllen, auch ihren Schöpfern zu danken. Und durch Weiterdenken des in der Schrift, also mit dem WORT, Vermittelten, selber schöpferisch aktiv zu werden. Eigene Welten zu schaffen.
5. LOGOS bedeutet Offenbarung, Wille Gottes und Mensch gewordenes Wort Gottes in der Person Jesu – Geht man weiter in der Auslotung des von Ilse Hehn immer wieder zele-brierten und immer wieder invozierten „WORTes“, kommt man auch auf die letzten der Bedeutungen von „LOGOS“ und „WORT“.
Erstens bedeutet es Offenbarung.
Mit diesem Wort, „Offenbarung“, wurde und wird viel Schindluder getrieben. Da gibt es heute Mitmenschen, die ganze Bücher mit ihren ach-so-bedeutsamen Aussagen veröffentlichen, die sie als „Offenbarungen“ bezeichnen. Der bald 100-Jährige Ignaz Bernhardt Fischer, Vorsitzender des Vereins der ehemaligen Russlandverschleppten aus Rumänien, sagte einmal halblaut, bei der Vorstellung eines dieser „Offenbarungs“-Bücher: „Und ich dachte immer, Offenbarungen kommen nur von Gott!“ Dazu gibt es neuerdings einen altersgezeichneten Staatschef in Übersee, der die ganze Welt mit seinen Offenbarungen regelrecht terrorisiert. Aber der wähnt sich eh bereits gottgleich.
Wahre, reelle Offenbarungen sind selten. Man findet sie in einzelnen Zeilen von Ausnahmegedichten, in Reisewahrnehmungen wie Geistesblitzen – bitte nicht vergessen: auch Geistesblitze bestehen aus WORTen und WORTfügungen, also aus LOGOS! –, in Gemälden der großen Meister, aber auch in magischen Höhlenzeichnungen oder in manchen Über-Schreibungen (MALEREI und WORT-Kunst in Einem) und/oder Über-Malungen, in handwerklich gemachten Sonder-Büchern, in seltenen Hommage-Schöpfungen.
Zweitens zwingt der Schreibende, der Schöpfer, seinen Willen seinen Gestalten, Ideen und Schöpfungen, der von ihm durchs WORT er- und geschaffenen Welt auf, wie Gott seinerzeit seiner/unserer Welt.
Drittens und letztens wird das Wort Fleisch, werden durch Worte Realitäten geschaffen. Ob auch Erlösung, das steht auf einem anderen Blatt, vor allem, wenn es um Schriftsteller und auch Maler geht. Aber von der Ehrlichkeit dieser WORTe, von deren Aura, Überzeugungskraft und von der Empfänglichkeit derer, die sie hören, verstehen und zu verarbeiten bereit sind, hängt letztendlich die Erträglichkeit – und wohl auch die Schönheit und Erlösungsfähigkeit – der durch LOGOS ge- und er-schaffenen Welt ab.
Oder, um den Chor der Engel in Goethes Faust II zu bemühen: „Wer immer strebend sich bemüht,/ den können wir erlösen!“
Mit Ilse Hehn hat alldas
Nichts und ALLES
zu tun.
Die Absicht des Rezensenten war und ist es, mit obigen WORTen abzulenken von der in Lowrin, im Banat, am 15. Mai 1943 geborenen Person der Ilse Hehn, der drittgeborenen Tochter des Ehepaars Hans und Elisabeth (geb. Vive) Hehn und hinzuweisen auf alles, was sie uns geschenkt hat und noch schenken wird.
Von diesem Individuum namens Ilse Hehn war hier die ganze Zeit (direkt und indirekt) die Rede.
An dieser Stelle sei betont, dass das WORT „Indivíduum“ „der/die Unteilbare“ bedeutet, was eine Übersetzung aus dem griechischen „atomos“ (!) ins Lateinische ist. „Individuum“ bedeutet heute „der/die Einzigartige“ und „der/die Unteilbare“ und hat nichts mit dem Schwäbischen „Tu Individuum!“ zu tun, das meine Huhn-Oma immer verwendete, wenn ich in meiner Kindheit etwas in ihren Augen besonders Verurteilenswertes getan hatte...
Zudem weiß ich aber auch, dass Ilse Hehn jeder Hochlobgesang im Grunde wurscht ist, genauso wie die Zufallsdaten, an welchem Ort und zu welcher Zeit man zur Welt kommt, ein Prozess, wegen dem noch nie jemand auf dieser Welt und in der ganzen Menschheitsgeschichte gefragt wurde, ob er auch damit einverstanden ist. Vor ein paar Wochen schrieb mir Ilse Hehn, nachdem ich sie (wie immer nachträglich) zum Geburtstag beglückwünscht hatte: „Lieber Freund, danke zu deiner Geburtstagsgratulation, doch hänge ich wenig an dem Tag der Geburt, ist doch alles, was darauf folgte, wichtiger als er. Aber hinnehmen, Augen zu und durch den Tag & die Feier, ist meine Devise!“
Also, liebe Ilse, nimm auch diesen Rezensionsversuch als Hommage hin, schließ die Augen, lass sie über Dich ergehen, und schenk uns gelegentlich einen deiner rational-nüchtern-ironischen literarischen Denkanstöße – in WORT und BILD – darüber!







