Mit „Lebendiges Gewebe. 10 × 10“ ist nun ein zentraler Prosatext des moldauischen Lyrikers, Essayisten und Schriftstellers Emilian Galaicu-P²un auf Deutsch zugänglich. Die deutsche Ausgabe erschien 2025 im Pop Verlag in Ludwigsburg. Das rumänische Original wurde bereits 2011 unter dem Titel „Țesut viu. 10 × 10“ im Verlag Cartier in Chi{in²u veröffentlicht. Der Roman verbindet autobiografische Elemente, Familiengeschichte und historische Erfahrungen zu einer vielschichtigen Erzählung über Herkunft, Zugehörigkeit und die Umbrüche des 20. Jahrhunderts.
Der Titel verweist auf die leitende Metapher des Romans. Das Leben erscheint als Geflecht aus Erfahrungen, Geschichten, Bildern und Worten, die sich überlagern, miteinander verbinden und neue Bedeutungen hervorbringen. Auch die Komposition folgt diesem Prinzip: Die einzelnen Erzählstränge entfalten ihre Wirkung nicht isoliert, sondern erst im Zusammenwirken, sodass sich das Gesamtbild nach und nach erschließt.
Ausgangspunkt sind Kindheits- und Jugenderlebnisse des Erzählers in der sowjetischen Moldau. Familiengeschichten, Dorfalltag und prägende Begegnungen zeichnen das Bild eines Aufwachsens in einem politischen System, das tief in das Leben seiner Bürger eingriff. Nostalgische Verklärung vermeidet Galaicu-Păun dabei konsequent. Stattdessen entsteht das Bild einer vergangenen Welt, deren Spuren bis in die Gegenwart reichen.
Immer wieder verbindet der Roman individuelle Lebenswege mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen der Region. Die sowjetische Herrschaft, das Nebeneinander rumänischer und russischer Kultur, der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Neu-orientierung der Republik Moldau bestimmen den Erfahrungshorizont der Figuren. Geschichte bleibt dabei nie bloßer Hintergrund, sondern wirkt unmittelbar in Biografien und Familiengeschichten fort.
Hier zeigt sich die eigentümliche literarische Stärke des Romans. Galaicu-P²un eröffnet einen vielschichtigen Blick auf einen Raum, der über Jahrzehnte von politischen Grenzverschiebungen und kulturellen Überlagerungen geprägt wurde. Ohne historische Entwicklungen eigens zu kommentieren, macht er ihre Auswirkungen auf das Leben der Menschen erfahrbar und zeichnet das Bild einer Region zwischen unterschiedlichen kulturellen Traditionen und gesellschaftlichen Orientierungen.
Auch formal überzeugt das Werk durch seine konsequente Konstruktion. Der Titelzusatz „10 × 10“ verweist auf den Aufbau aus zehn Kapiteln mit jeweils zehn Abschnitten. Dennoch entwickelt sich die Handlung nicht linear. Rückblenden, Reflexionen und Beobachtungen folgen eher den Bewegungen des Gedächtnisses als einer chronologischen Ordnung. Motive kehren wieder, Perspektiven verschieben sich, Zusammenhänge werden häufig erst im Rückblick sichtbar.
Diese Erzählweise verlangt viel Aufmerksamkeit und Geduld. Wer einen klassisch aufgebauten Roman erwartet, dürfte zunächst irritiert sein. Die Lektüre setzt die Bereitschaft voraus, sich auf Brüche, Abschweifungen und assoziative Verbindungen einzulassen. Nicht jede Passage erschließt ihre Bedeutung unmittelbar; manches bleibt bewusst offen oder mehrdeutig. Diese Offenheit gehört zu den prägenden Merkmalen des Romans.
Entscheidend für die Wirkung ist die Sprache. Galaicu-P²un, der vor allem als Lyriker bekannt wurde, schreibt eine bildreiche, bisweilen stark verdichtete Prosa. Metaphern, Wortspiele und literarische Anspielungen verleihen dem Text eine eigentümliche Intensität. Immer wieder reflektiert der Roman die Möglichkeiten und Grenzen des Erzählens. Schreiben erscheint als Versuch, Vergangenes festzuhalten und dem Vergessen entgegenzutreten.
Die deutsche Ausgabe profitiert von der sorgfältigen Übersetzung Georg Aeschts. Sie bewahrt die sprachliche Eigenart des Originals und macht dessen poetische Struktur auch für deutschsprachige Leser überzeugend zugänglich.
„Lebendiges Gewebe. 10 × 10“ ist kein Roman für die schnelle Lektüre. Wer sich auf seine poetische Sprache und seine vielschichtige Komposition einlässt, entdeckt ein eindrucksvolles literarisches Panorama Bessarabiens, in dem persönliche Erfahrungen und regionale Geschichte auf eindringliche Weise miteinander verschmelzen. Gerade in der Verbindung von individueller Lebensgeschichte und historischer Erfahrung liegt die bleibende Stärke dieses Romans.
Emilian Galaicu-Păun: „Lebendiges Gewebe. 10 × 10“. Roman. Aus dem Rumänischen übertragen von Georg Aescht. Pop Verlag, Ludwigsburg 2025. 475 Seiten, 33,00 Euro. ISBN 978-3-86356-440-7





