Die Literatur der Republik Moldau zählt im deutschsprachigen Raum noch immer zu den weniger bekannten Stimmen der europäischen Gegenwartsliteratur. Umso bemerkenswerter ist die Veröffentlichung von Iulian Ciocans Roman „Die Königin der Kelche“ in deutscher Übersetzung von Julia Richter bei der Berliner Edition Noack & Block. Der 2018 auf Rumänisch im Verlag Polirom unter dem Titel „Dama de cupă“ erschienene Roman zeichnet ein ebenso groteskes wie verstörendes Bild der einstigen Sowjetrepublik. Mit schwarzem Humor, satirischer Schärfe und einer ausgeprägten Neigung zum Fantastischen entwirft Ciocan ein literarisches Universum, in dem sich gesellschaftliche Realität und absurde Visionen auf eindrucksvolle Weise überlagern.
Im Zentrum der Handlung steht ein Ereignis, das zunächst absurd erscheint: Mitten in Chișinău öffnet sich eine gewaltige Grube, die sich unaufhaltsam ausdehnt und nach und nach Straßen, Häuser und ganze Stadtviertel verschlingt. Rasch wird jedoch deutlich, dass es sich dabei nicht lediglich um eine fantastische Erfindung handelt. Die Grube wird zum Sinnbild einer tieferliegenden gesellschaftlichen Erosion. Sie steht für Korruption, politische Verantwortungslosigkeit und den schleichenden Zerfall staatlicher Strukturen.
Während die Katastrophe immer bedrohlichere Ausmaße annimmt, reagieren Politik und Verwaltung mit einer Mischung aus Hilflosigkeit, Opportunismus und Selbsttäuschung, die Leser aus vielen postsozialistischen Gesellschaften nur allzu gut kennen dürften. Die einen suchen nach Schuldigen, die anderen nach Vorteilen. Wieder andere hoffen, das Unheil werde an ihnen vorübergehen. Gerade in dieser Darstellung kollektiver Verdrängung entfaltet der Roman seine größte Überzeugungskraft.
Die zentrale Figur, Nistor Polobok, ist ein Mann, der von den Mechanismen eines korrupten Systems profitiert hat. Als sich Hinweise verdichten, dass sein eigenes Schicksal auf geheimnisvolle Weise mit dem Wachstum der Grube verbunden sein könnte, gerät sein Leben aus den Fugen. Die Suche nach der rätselhaften „Königin der Kelche“, deren Vergebung mögli-cherweise die Stadt retten könnte, verleiht der Handlung eine märchenhafte und zugleich symbolische Dimension. Der Roman bewegt sich dabei souverän zwischen Realismus, Fantastik und moralischer Parabel.
Zugleich bedient sich Ciocan klassischer Elemente der Dystopie. Er schildert keine ferne Zukunft, sondern überzeichnet die Gegenwart, um deren Gefahren sichtbar zu machen. Die langsam versinkende Hauptstadt wird zum warnenden Bild eines Gemeinwesens, das durch Korruption, politische Kurzsichtigkeit und gesellschaftliche Gleichgültigkeit bedroht ist. Gerade weil die geschilderte Welt der Wirklichkeit so nahe bleibt, entfaltet die dystopische Vision ihre besondere Wirkung. Dabei steht die allegorische Aussagekraft des Romans mitunter stärker im Vordergrund als die individuelle Entwicklung einzelner Figuren. Dies entspricht jedoch der konsequent satirischen und parabelhaften Anlage des Werkes.
Zu den großen Stärken des Buches gehört sein feiner, oft bitterer Humor. Obwohl die geschilderte Situation existenzielle Züge trägt, verfällt Ciocan nie ins Pathos. Mit scharfem Blick und viel Ironie zeichnet er eine Welt, in der politische Akteure ebenso lächerlich wie gefährlich erscheinen. Die staatlichen Institutionen funktionieren nach den Gesetzen des Absurden, während die Bürger zwischen Resignation und Hoffnung schwanken. Das Ergebnis ist eine Satire, die zum Lachen reizt und zugleich Unbehagen hervorruft.
Iulian Ciocan gehört seit Jahren zu den profiliertesten Stimmen der Literatur aus der Republik Moldau. Seine Romane und journalistischen Texte setzen sich immer wieder mit den Widersprüchen der postsowjetischen Gesellschaft auseinander. Auch „Die Königin der Kelche“ lässt sich als literarische Bestandsaufnahme eines Landes lesen, das sich seit Jahrzehnten in einem Zustand permanenter Transformation befindet. Die Grube, die Chișinău verschlingt, erscheint dabei als zugespitztes Bild für ungelöste Probleme, die über Jahre hinweg verdrängt wurden und nun mit voller Wucht an die Oberfläche treten. In ihrer Verbindung von Satire, Fantastik und politischer Allegorie erinnert Ciocans Erzählweise stellenweise an die großen Traditionen der osteuropäischen Groteske, ohne dabei ihre unverwechselbar moldauische Perspektive zu verlieren.
Bemerkenswert ist zu-dem die erzählerische Ökonomie des Romans. Auf vergleichsweise wenigen Seiten entwickelt Ciocan ein dichtes Pa-norama unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus. Kurze Kapitel, lebendige Dialoge und rasche Perspektivwechsel verleihen der Handlung Dynamik und Spannung. Zugleich gelingt es dem Autor, zahlreiche Figuren so präzise zu charakterisieren, dass aus ihren individuellen Geschichten das Bild einer ganzen Gesellschaft entsteht.
Obwohl der Roman tief in der Wirklichkeit der Republik Moldau verwurzelt ist, reicht seine Aussage weit über nationale Grenzen hinaus. Fragen nach politischer Verantwortung, gesellschaftlicher Gleichgültigkeit und dem Umgang mit drohenden Krisen beschäftigen gegenwärtig viele europäische Gesellschaften. Gerade deshalb besitzt Ciocans Roman auch für deutschsprachige Leser eine bemerkenswerte Aktualität.
Am Ende bleibt das Bild einer Stadt, die langsam im Boden versinkt. Es ist ein Bild von großer symbolischer Kraft, das weit über die Grenzen der Republik Moldau hinausweist. Denn die Grube, die Chi{in˛u verschlingt, steht nicht nur für die Krisen eines kleinen post-sowjetischen Staates, sondern für die Gefahren jeder Gesellschaft, die politische Verantwortung verdrängt und moralische Erosion hinnimmt. Mit seiner Verbindung aus Satire, Dystopie und Allegorie ist „Die Königin der Kelche“ ein ebenso unterhaltsamer wie hintergründiger Roman – und ein weiterer Beleg dafür, dass die Literatur der Republik Moldau zu den spannendsten Entdeckungen der europäischen Gegenwartsliteratur zählt.





