Maissau – das Königreich der Kristallschädel

Weltgrößte Sonderausstellung einzigartiger Artefakte im Waldviertel

Einheimische beschäftigen sich mit der Bearbeitung eines Kristallschädels.

Bergkristallschädel Flying Tibet aus Tibet

Calcedonschädel aus Madagaskar

Bänderamethystschädel aus Deutschland

Bronzeschädel aus Indonesien

Anna Mitchel-Hedges mit ihrem Kristallschädelfund Fotos: Mag. Ignazius Schmid

Die Amethystwelt Maissau, am Fuße des Manhartsberges in Niederösterreich gelegen, mit dem größten freigelegten Amethystbänderstollen der Welt, lädt das ganze Jahr über in ihr Schaubergwerk, auf die Schürffelder, in das Edelsteinhaus und in ihr Museum ein.

Jetzt hat die Amethystwelt Maissau mit einer besonderen Attraktion aufzuwarten: mit der größten Kristallschädelausstellung der Welt, mit über zwanzig geheimnisumwobenen Exponaten aus verschiedenen Kulturen. Zu sehen sind einzigartige Artefakte aus Nepal, Tibet, Indien, Madagaskar, von den Philippinen, aus Mittelamerika, Mexiko, von den Maya und aus Norddeutschland. 

Warum Schädel? 

Schon seit der frühen Menschheitsgeschichte übt der Kopf eine besondere Faszination auf die Menschen aus. Der Totenkopf als Symbol für die Unvergänglichkeit ist naheliegend. Aber auch als Symbol dafür, dass im Tod alle gleich sind, lässt sich der Totenschädel interpretieren. Ein lebender menschlicher Kopf zeigt mit Haut und Muskeln einen individuellen Ausdruck. An den Schädelknochen jedoch lässt sich keine Individualität mehr ablesen, sie sind  anonym und gleichen einander weitgehend. Was bleibt, ist der Schädel – als nahezu unvergänglicher Sitz des Wissens, Empfindens und Erkennens. Welcher Teil des menschlichen Körpers würde sich besser als Vermittler dieser Botschaft eignen? Mit keinem anderen Körperteil lässt sich die Unvergänglichkeit des Geistes besser darstellen. Schädel bedeutender Personen wurden als Bindeglied zu den Ahnen verehrt und als Tor in eine andere Welt angesehen. Diese Wertschätzung zeigt sich letztlich wohl auch in den verzierten und beschrifteten Schädelreihen im Karner im oberösterreichischen Hallstatt oder in den gestapelten Schädeln in der Krypta der Stiftskirche St. Florian, hinter dem Sarkophag von Anton Bruckner – um nur zwei österreichische Beispiele zu nennen. 

Wieso tausende Kilometer voneinander entfernte Kulturen schon vor hunderten Jahren unabhängig voneinander Kristallschädel schufen und wofür sie gedacht waren, bleibt rätselhaft. Der Ursprung dieser kunstvoll gefertigten Objekte ist bis heute ungelöst. Die geheimnisvolle Kristallschädellegende erzählt von Maya-Priestern, die dreizehn Kristallschädel hüteten, jeder mit beweglichem Unterkiefer, erfüllt von uraltem Wissen über Ursprung und Bestimmung der Menschheit. Einst über die Erde verstreut, sollen sich die von einer geheimen Zivilisation hinterlassenen Schädel am Ende eines großen Zeitzyklus wieder vereinen, um verborgenes Wissen zu offenbaren, vor Umbrüchen zu warnen und eine neue Epoche einzuleiten. Diese Erzählung klingt an die Mythen im heiligen Buch der Maya an („Popol Vuh“ – auch „Poopol Wuuj“, oft übersetzt als „Buch des Rates“ oder „Heilige Schrift der Quiché-Maya“ – enthält die Schöpfungsgeschichte, mythologische Erzählungen und die Geschichte des Quiché-Volkes von Guatemala). Zwei dieser besonderen, sprechenden Schädel sind jetzt unter anderem in Maissau zu sehen, die anderen sind verschollen und irgendwo auf der Erde unbekannten Ortes verborgen. 

Die Mischung aus Mythos, Esoterik und moderner Archäologie macht die Vorstellung der dreizehn Kristallschädel so faszinierend. Die Popkultur des 20. Jahrhunderts hat die Geschichte begeistert aufgenommen, etwa in verschiedenen Comic- und Science-Fiction-Reihen. Filme wie „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ machten die uralten Maya-Artefakte mit übernatürlichen Kräften weltweit populär. Der Abenteuerfilm unter der Regie von Steven Spielberg aus dem Jahr 2008 ist der vierte Teil der Indiana-Jones-Filmreihe mit Harrison Ford in der Hauptrolle und hat zur Verbreitung der geheimnisvollen Geschichte das Seine beigetragen. Obwohl die Handlung reichlich verworren und abstrus ist, hat der Film sowohl euphorische wie vernichtende Kritiken geerntet, was aber der spannenden Unterhaltung keinen Abbruch tat.

Kunstvolle Artefakte

Aus kolonialzeitlichen Schilderungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert wurde berichtet, dass Quarz und Bergkristalle schon Jahrhunderte früher in Wahrsagekontexten eingesetzt worden sein sollen (etwa durch den heute noch sprichwörtlichen „Blick in die Kristallkugel“). Die ersten Kristallschädel wurden schon im 18. Jahrhundert gefunden. Zu weltweiter Berühmtheit gelangte der Fund von Frederick Albert Mitchell-Hedges, der mit seiner 17-jährigen Adoptivtochter Anna Mitchel-Hedges 1924 in Lubaantun im damaligen British Honduras (heute Belize) im Tempel einer im Dschungel versunkenen Ruinenstadt der Maya einen Kristallschädel entdeckte. Der lebensgroße Mitchell-Hedges-Schädel ist 5,3 Kilo schwer und der detailreichste Schädel, mit abnehmbarem Unterkiefer. Das Thema gewann mit diesem Fund ungemein an Bedeutung, und im Laufe der Forschungen wurde ein weiterer Kristallschädel entdeckt: der Londoner Kristallschädel, der im British Museum ausgestellt ist. Er ist dem Mitchell-Hedges-Schädel sehr ähnlich, jedoch ohne abnehmbaren Unterkiefer. Gefunden wurde er in Mexiko. Der Pariser Kristallschädel ist mit 11 Zentimetern deutlich kleiner als der Mitchell-Hedges-Schädel. Er ist aus Quarz, und angeblich stammt er aus einem Grab in Mittelamerika. Er hat oben ein Loch in der Schädeldecke – die Azteken bohrten Schädellöcher jedoch quer, nicht senkrecht durch den Kopf. Der Pariser Kristallschädel wurde vom umstrittenen Antiquitätenhändler Eugen Boban an den Forscher und Entdecker Alphonse Louis Pinart verkauft, der ihn dann dem Museum für Völkerkunde spendete. Im Musée du quai Branly – Jacques Chirac ist er nun ausgestellt. 

Eine Botschaft, verschiedene Stile

In der Amethystwelt Maissau sind weitere einmalige Exemplare zu sehen: der Denisova II – nach der Menschenform Denisova, einer Schwestergruppe der Neandertaler, benannt –, ein riesiger Quarzschädel aus Tibet, der innen hohl ist und bei rituellen Handlungen schamanistischer Priester über den eigenen Kopf gestülpt wurde; der Kapalaschädel aus Nepal; der Bergkristallschädel Milarepa, benannt nach einem berühmten tibetischen Jogi aus dem 11. Jahrhundert, der heute noch hoch verehrt wird; daneben Milarepa-Sohn, ein etwas kleinerer, dazugehörender Schädel; Bergkristall-Exemplare aus China und Mexiko. Es wurden außer Kristallen aber auch verschiedene andere Steine verwendet, etwa beim Jadekopf aus Madagaskar, weitere Schädel aus Achat, Calcedon, Calcit-Jaspis und Tigerauge, ebenfalls aus Madagaskar. Verschieden getönter Quarz, etwa grüner Bergkristall, wurde in Myanmar, roter Quarz in Madagaskar, gelber Quarz in Tibet verwendet. Ein Kultkopf aus vier Millionen Jahre altem versteinerten Holz fand sich in Indonesien, einer aus Bänderamethyst in Norddeutschland, Miniformate aus Hirschknochen, die besonders fein ausgeführt wurden und zur Verzierung größerer Schädel dienten. Ein Ensemble aus drei verschieden großen Bronzeschädeln kommt aus Indonesien und erweitert das Spektrum der Materialien. Gelegentlich wurden Kristallschädel auch mit kostbaren Steinen, Rubinen, Türkisen, Smaragden und eingravierten Linien verziert. Die Schädel aus Madagaskar sind weltweit einmalig: Sie zeigen als einzige auf der Kopfoberseite eine markante Erhebung, die für Fruchtbarkeit und Erneuerung steht. Die Tolai in Papua-Neuguinea modellierten kunstvolle Schädel aus Ton und benutzten sie als Masken für Schutzrituale. Vereinzelt wurden menschliche Schädelknochen aus Tibet reich verziert. Sie zeigen Garuda, den indisch-mythischen Schutzvogel, und Mahakala, einen zornvollen buddhistischen Schutzgott.

Echt oder nicht echt, das ist hier die Frage… 

Erstaunlich ist auch, dass das kristallharte Material der Artefakte mit unbekannten Werkzeugen, vollkommen symmetrisch, glatt und ohne Werkzeugspuren zu hinterlassen hergestellt wurde. Wie vor tausenden Jahren die Maya ohne moderne Werkzeuge derart glatte Kristallskulpturen herstellen konnten, bleibt nach wie vor ungeklärt. In letzter Zeit wurden allerdings winzige Eisenspuren entdeckt – auf manchen Schädeln, die aus einer Zeit stammen sollen, wo Eisen noch gar nicht erfunden war. Alle diese Geheimnisse wecken natürlich vielfache Spekulationen und rufen auch zahlreiche Zweifler auf den Plan. Esoterische Theorien tauchten auf und wurden wieder verworfen. Zur Klärung, inwieweit Kristallschädel echt oder gefälscht sind, tragen sie nicht allzu viel bei. Wahrscheinlich werden noch für längere Zeit mystische Legenden für die Menschen interessanter und faszinierender sein, die sie lieber glauben als historische Tatsachen … Aber allenfalls gefälschte Objekte sind kein Beweis dafür, dass es nicht auch authentische Artefakte geben könnte. 

So bleiben die Fragen um „Kristallschädel – durch wen, warum und woher?“ nach wie vor ungelöst. 

Für einige Monate aber wurde nun aus dem „Königreich DES Kristallschädels“ im brasilianischen Urwald ein „Königreich DER Kristallschädel“ in Maissau im Waldviertel …