Als stolzer Sohn Klausenburgs kann ich es bezeugen: selbst in den Jahren des post-stalinistischen Totalitarismus (während welcher ich meine Kindheit lebte) spürte man unter den Intellektuellen dieser Stadt einen offen manifestierten Respekt für Hochkultur in deutscher Sprache. Vielleicht kam das daher, dass diese Haltung potenziert wurde vom instinktiv präsenten Bewusstsein, dass diese Hochkultur möglicherweise ein letzter gangbarer Steg (zugegeben: ein sehr bruchgefährdeter Steg) war, der uns noch einen Zugang zum Abendland verheißen hat.
Erschüttert und geschwächt wurde die deutsche Gemeinschaft in Siebenbürgen und im Banat durch die aufeinanderfolgenden Deportationen in der Folgezeit des Zweiten Weltkriegs. Trotzdem übte diese Gemeinschaft weiterhin einen aktiven und stimulierenden Einfluss auf „die Lateiner des Orients” aus, die die Mehrheitsbevölkerung in unseren Gefilden bildeten. Die Kulturzitadelle Siebenbürgens, Klausenburg/Cluj-Napoca, beherbergte in jenen Jahren nur noch ganz wenige Deutschsprechende. Aber in den Familien rumänischer Intellektueller aus Klausenburg hatte sich ein wahrer Brauch durchgesetzt, ihre Sprösslinge zumindest in Grundschulklassen mit Unterrichtssprache Deutsch einzuschreiben. Das war damals auf alle Fälle weniger eine Sache des Prestiges als vielmehr der Versuch, in einem aufgezwungenen primitiv-totalitären sozialpolitischen Klima dem europäischen Bewusstsein – auch der kommenden Generationen – eine Überlebenschance zu bieten.
Ich kann, zurückdenkend nicht umhin, an dieser Stelle ein Hochlob auf eine Klausenburger Lehrerin auszusprechen, die in jener Zeit und in jenem Klima hinsichtlich der Bildung der sukzessiven jungen Generationen die Rolle und Bürde der Vorsehung auf sich genommen hatte. Ich meine (auch meine) Lehrerin Katharina Cloos.
Ich behaupte, an dieser Stelle, aus vollster Überzeugung, dass unzählige Intellektuelle ihren würdevollen Lebensweg den strahlenden Impulsen verdanken, die ihnen diese „Magierin der Pädagogik” auf den Weg gab. Am 15. September 2018 hatte ihre allererste Schülerklasse – zu der auch ich zähle – das 60. Jubiläum ihres ersten Schultags gefeiert. Mit ihr. Denn, um die Exultanz des Augenblicks noch zu potenzieren, hatte sich unsere Lehrerin Katharina Cloos uns zur Seite gestellt. Genauso lebenssprudelnd, genauso klarblickend, unverändert charmant wie im Herbst des Jahres 1958.
Eine weitere Chance der Vorsehung bot sich mir 1970, nachdem ich die Hürde der Aufnahmeprüfung an der Fakultät für Sprachen der Klausenburger Universität genommen hatte. Die erste Hochschul-Vortragsstunde des frischgebackenen Universitätsassistenten Peter Motzan fiel zusammen mit meiner ersten universitären Lehrstunde als Student. Die Freundschaft, die sich zwischen uns im Laufe der Jahre entwickelt hatte und die mich bis heute in Verbundenheit an diesen Germanisten von Weltformat kettet, war für mich die Markierung einer Wegscheide betreffs meines künftigen Werdegangs. Es kam von ihm die nötige Klärung auf dem Weg durch die Turbulenzen der Wässer der Kultur, in welche ich mich voll jugendlichem Überschwang geworfen hatte.
Während meiner gesamten Studienzeit, aber auch danach, war Peter Motzan mir ein Mentor, der konstant standfeste Leuchtturm des literarischen guten Geschmacks, der literarischen Anständigkeit, der Weise diskreter Anleitungen beim Vordringen durchs konzeptionelle Dickicht und durch die üppigen Verzweigungen der Literatur, die in jener Sprache geschrieben ist, für deren Erlernen, laut Mark Twain, der Herrgott die Ewigkeit erschaffen hat.
Unter den schneidigen Reflexen des Denkens von Peter bekam alles Sinn, was vorher chaotisch schien, unentzifferbar, alles koagulierte sich dank ihm, ordnete sich in dank- und denkbare intellektuelle Konstrukte. Er entpuppte sich bereits in jenem, kaum der Jugend entwachsenen Alter (am 7. Juli 1970 wurde er erst 24 Jahre alt) als ein Architekt verführerischer ideatischer Konstruktionen, als eine Art Einsiedler-Aristokrat im Innern einer Papierfestung, die Illusion, der zerstäubte Rauch und das Parfum seiner eigenen literarischen Festung.
Seine Seminare stützten sich hauptsächlich auf die neuere deutsche und Gegenwartslyrik. Sie waren derart fesselnd, dass die Studiengruppe für Englisch und Deutsch, der ich angehörte, ihn aufforderte, sie zu verlängern. Fortsetzung heischte. Darauf drängte. Um eine Zeit, als der Zufall (?) Peters Seminare auf Samstag von 12 bis 14 Uhr angesetzt hatte, profitierten wir davon, dass nach uns niemand den Saal beanspruchte, so dass wir nach Herzenslust und „übers Programm hinweg” die spannenden Interpretationsseminare fortsetzten, Sinn und Hintergrund der Gedichte von Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Bertolt Brecht, Paul Celan, Gottfried Benn, Trakl, Else Lasker-Schüler, Ingeborg Bachmann usw. ergründeten.
Unser Vorgehen irritierte in erster Linie die Pförtner der Institution, die nervös wurden, weil einer der Säle immer länger besetzt blieb.
Sicher ist inzwischen, dass in dem Maße, wie Peter universitäre und publizistische Erfolge feierte, sich auch seine Rolle als Literaturtheoretiker konsolidierte, bis hin zur höchsten Hypostase der kritischen Autorität des deutschsprachigen Schrifttums in diesem Teil der Welt. Als einer der Privilegierten einer derartigen intellektuellen Bindung eröffneten sich auch mir Kommunikationswege mit den Literaten, die nicht zu unrecht den Namen „rumäniendeutsche Schriftsteller” bekamen. Sie formten damals eine Bewegung zur Revitalisierung der rumäniendeutschen Literatur.
Es gibt wohl keinen ernstzunehmenden Literaturhistoriker, der die Bedeutung der Klausenburger Studentenzeitschrift „Echinox” (auch) in obiger Hinsicht ignorieren könnte. Gegründet wurde sie 1968 als kulturelle Publikation der Klausenburger Universität. Sie war immer stolz auf ihre Dreisprachigkeit: rumänisch – ungarisch – deutsch. Unsere Zusammenarbeit – ich meine, die der Redakteure des rumänischsprachigen Teils – mit den ungarischen und deutschen Kollegen hatte einen wahrlich exemplarischen Charakter – und ich schreibe das, nachdem ich 13 Jahre lang als Redakteur von „Echinox” gearbeitet habe.
Das war auch eine Möglichkeit – vordergründig diskret, aber mit raumübergreifenden Folgen in der Zeit – uns gemeinsam den Auswüchsen des Totalitarismus zu widersetzen, die von Monat zu Monat mit größerer Aggressivität manifest wurden. Peter Motzan war der Redakteur der deutschsprachigen Seiten im ersten „Echinox”-Team. Im Augenblick, als ich kooptiert wurde zum prestigereichen Redaktionsteam, hatte er bereits den Staffelstab abgegeben an meinen Generationskollegen Werner Söllner.
Es geschah, dass in den Jahren, als ich bei und für „Echinox” tätig war (1971 – 1983), ich die meiste Zeit der einzige rumänische „Echinox”-Redakteur war, der das Deutsche beherrschte. Folglich konnte ich, bei Bedarf, gewisse „Adjustierungen” an den „alemannischen” Seiten vornehmen, zumal ich ohnehin für die gesamte grafische Gestaltung der Publikation verantwortete. So übernahm ich eben oft die maschinengeschriebenen Manuskripte für die deutschsprachigen Seiten und gestaltete diese damit selbstständig – implizite (das brachte diese Arbeit einfach mit sich) war ich ständig auf dem Laufenden betreffs der Themen, Beschäftigungen, Debatten, Fragen und Auseinandersetzungen meiner deutschen Kollegen. Ich war natürlich auch in ständiger Verbindung mit Peters aus Hermannstadt stammendem Freund, dem Lyriker Franz Hodjak, der damals die deutsche Abteilung des Klausenburger „Dacia”-Verlags leitete.
Jene Jahre hatten auch eine andere Folge, und zwar auf verlegerischer Ebene. Ich hatte dazu viel beigetragen, obwohl das vor lauter Im-plizierung leider auch dazu geführt hatte, dass mein Name in der technischen Kassette der Erstauflage des Buchs irgendwie vergessen wurde. Nach langwierigen „Komplottierungen” – die mir keineswegs fremd waren – erschien 1982 im Bu-karester „Kriterion”-Verlag die epochemachende Lyrikauswahl „Vânt potrivit pân˛ la tare”, realisiert von Peter Motzan, eine Lyrikanthologie der jungen rumäniendeutschen Literatur in der Rumänisch-Übersetzung von Ioan Mu{lea, mit einem Vorwort von M. Iorgulescu. Lektor des Buches war Gabriel Gafi]a (der spätere Botschafter Rumäniens in Portugal, der in jenen Jahren, als ich zum Direktor des Rumänischen Kulturinstituts in Lissabon ernannt worden war, gleichzeitig als Kulturattaché dieser Botschaft in Portugal arbeitete.
Erst nach dem Erscheinen jener Anthologie, für die Peter Motzan verantwortlich zeichnete, wurde sich die Mehrheit der Schriftsteller der rumänischen ikonoklastrischen „Generation 1980” der Existenz von Geistesbrüdern bewusst, die auf demselben Perimeter desselben klaustrierten Staates bereits Jahre vor ihnen den lyrischen Geschmack der Zeit erfasst, verarbeitet und zelebriert hatten.
Nach seiner Auswanderung und der Übersiedlung nach Augsburg (der Geburtsstadt von Bertolt Brecht) hat Peter Motzan weiterhin seinen Status als eminenter Experte im Bereich der rumäniendeutschen Literatur konsolidiert. Er tat das vorwiegend im Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, in München, beim IKGS. 2003 verlieh ihm die Klausenburger „Babe{-Bólyai”-Universität (UBB) den Titel eines Doctor honoris causa.
Egal welche geografische Entfernung zwischen uns lag und liegt, wir pflegen weiterhin eine brüderliche Freundschaft. Sie hat die Zeit(en) überdauert. Zu seinem 80. Geburtstag vermittle ich ihm, auch auf diesem Wege, dieselben Gedanken für‘s physische, psychische und intellektuelle Wohlergehen – genauso, wie ich es seit jenem sonnigen Sommer des Jahres 1970 getan habe, egal wo er sich am Tag seines Geburtstags befand, als uns unsere gute gemeinsame Freundin Monica [urtea (der Herrgott schütze ihre Seele!), einer spontanen Eingebung folgend, uns im Zentrum von Klausenburg, dem Nabel unserer kulturellen Welt, einander vorgestellt hatte.
(bearbeitet für die ADZ von Werner Kremm)





