Mit dem Donaudelta verbindet man heutzutage Bootsfahrten durch pittoreske Schilflandschaften, ornithologische Streifzüge, Angeltouren oder Wildpferdbeobachtungen, garniert mit kulinarischen Erlebnissen und anderen touristischen Highlights, abendliches Verwöhnprogramm in Sterne-Gästehäusern nicht ausgeschlossen. Das Donaudelta hingegen, das Dan Ivan in „Meile 23“ beschreibt, ist noch ganz anders: Nicht nur, dass die Geschichten im finstersten Kommunismus spielen, wo es weder Wasser aus der Leitung noch Kanalisation gab. Dafür aber jede Menge skurrile, warmherzige, hilfsbereite Menschen und einen für die archaischen Zustände überlebensnotwendigen unschlagbaren Humor.
Von monatelanger Isolation im Winter und dringend zu hospitalisierenden Patienten, die auf Schlitten stundenlang durch die Kälte gefahren werden müssen, um dann vom verspäteten Eisbrecher und der betrunkenen Besatzung am Ufer vergessen zu werden, erzählt der junge Bukarester Arzt, den das Repatriierungsprogramm des „Großen Steuermanns“ Ceau{escu zuerst nach Tulcea und dann ins kleine Mila 23, das Dorf, dem Ruderchampion Ivan Patzaichin entstammte, verschlägt. Von Strom für nur vier Stunden am Tag und einem Elektrizitätswerk in Cri{an, das manchmal auch früher abschaltete, dann blieb das ohnehin völlig stumpfe OP-Besteckset eben unsteril. Von dem Unfall in Tschernobyl 1986, über das die Behörden kein Wort verloren, „weder die sowjetischen noch jene in Bukarest“, damit das „monolithische Vertrauen in die weisen Führer der Nation“ nicht verloren ginge. Bis die „Große Wissenschaftlerin von Weltruhm – Elena Ceau{escu“ – gebeten wurde, die Leitung des Krisenstabs zu übernehmen und die Krise, die zuvor gar keine war, erfolgreich beendete. Vom seltsamen Schwund des medizinischen Alkohols, zuerst hatte er die Krankenschwester und Bootsfrau Aksinia verdächtigt, sie zweige die beliebte Flüssigkeit vielleicht für einen Fischer ab, bis er eines Tages den Alkohol mit der Jodtinktur mischte, „was eine sehr gute Kombination zum Desinfizieren war“ – nur Aksinia tags darauf sterbenskrank… Von Unterkünften mit Ratten und Schlangen und einem aus Oltenien stammenden Mathelehrer, den es auf ebenso seltsame Art ins Delta verschlagen hatte, und dieser „Nelu wohnte nicht weit von der Krankenstation entfernt bei Tanti Liuba, die sich so sehr darüber freute, einen Intellektuellen mit festem Einkommen erwischt zu haben, dass sie ihm das Zimmer und Bett ihrer Tochter Vera zur Verfügung stellte. Ohne diese daraus zu entfernen.“ Es kam, wie es kommen musste: Verocica, erst siebzehn, war kurz darauf schwanger, doch der Heiratsantrag ließ auf sich warten. Und Nelu verdünnisierte sich: „Hopp, weg war ich im großen Rumänien“, wurde er von den Fischern zitiert.
Mit Witz und Ironie reflektiert der Ich-Erzähler die damaligen Zustände – etwa, als eines stromfreien Abends ein Arbeiter mit abgerissenem Finger auftauchte, zu operieren mit dem obengenannten Skalpell, mit dem man nichtmal reifen Käse hätte schneiden können, ohne Licht. „Doch der Kapitän des Bootes, auf dem der Arbeiter gebracht wurde, drehte das Schiff an der Anlegestelle so vor die Krankenstation, dass er mit dem Mastlicht durchs Fenster des Behandlungsraums leuchtete.“
Die Härte des Regimes ertrug man „mit Trotz, mit Hass, mit Hinterlist. Mit Humor. Doch ohne jeden Heldenmut“, reflektiert der Autor selbstkritisch. Versucht zu erklären: „Es gab nur wenige Momente der Besinnung. Ein ständiger Kampf des Anpassens an ein extremes Klima, an ein Leben voller Entbehrungen, dogmatischer Zwänge…“. „Der Mangel an Kontemplation könnte unsere allgemeine Entschuldigung dafür sein, dass wir uns nicht gewehrt haben.“
So wird die Cholera-Epidemie überstanden, die offiziell keine ist, genausowenig wie Tschernobyl eine Krise war… So wird ein Schiff mit 5000 Fässern hochgiftigem Dioxin im Hafen von Sulina „vergessen“, bis ein Fass nach dem andern von der „guten Farbe“ gestohlen, Häuser und Zäune damit gestrichen werden... So entgeht der Hauptheld nur knapp einer Hochzeit, weil man ihn rechtzeitig davor gewarnt hatte, dass das Füßewaschen des Gastes durch ein Mädchen vor seinen Eltern bei den Ukrainern einer unauflösbaren Verlobung gleichkommt...
So manches, das bis heute Nachwirkungen hat, erfährt man aus dem Donaudelta, etwa den Grund für die vielen freilebenden, halbverwilderten Tiere: „Die Menschen züchteten kein Vieh neben ihrem Hof, um den Veterinär- oder Polizeibehörden keine Rechenschaft ablegen zu müssen. Wie im ganzen Land gehörte nichts mehr dem Einzelnen, sondern alles dem Volk. Die Dorfbewohner trieben ihr Vieh auf Weiden und ließen es halbwild leben.“
Und ein gescheiterterKorruptionsversuch: „Haben Sie Papiere für diesen Fisch“, wird der Arzt, der im Zug nach Bukarest einen riesigen Sack mitführt, aus dem verdächtigerweise Blut tropft, vom Schaffner gefragt. „Was brauchen Sie denn, eine Sterbeurkunde?“ kontert dieser launisch, wohl wissend, dass der Beamte gleich seinen Obulus abzweigen will. „Tut mir leid“, versucht er sich etwas versöhnlicher zu entschuldigen, aber „ich habe aber nur zwei Fische“. „Komm schon, Mann, willst du mich verarschen?“, bellt der Schaffner. „In dieser riesigen Tasche?“ Worauf der Sack geöffnet wird: Darin lagen, fest eingerollt, ein neun Kilo schwerer Karpfen und ein etwa 30 Kilogramm schwerer Wels. Wenn heutzutage manche meinen, unter Ceau{escu sei alles besser gewesen: Auf den Donaudelta-Fisch trifft dies bestimmt zu. Und der Humor! Für alle anderen Fälle sei diese Lektüre wärmstens empfohlen.





