Werkgegenwart Franz Hodjak – Fortleben im Sonderheft

Ein Sonderheft der Zeitschrift MATRIX baut keine Gedenkpose, sondern eine Dramaturgie des Lesens: Gedichte, Nachlass, Resonanzen – und dazwischen Bilder, die nicht illustrieren, sondern mitschwingen

MATRIX – Zeitschrift für Literatur und Kunst, Nr. 3/2025(81). ISSN: 1861-8006, 202 S., 15,00 Euro MATRIX ist eine überregionale deutsche Literaturzeitschrift, die seit 2005 viermal im Jahr in der Edition MATRIX, einer Veröffentlichung des Ludwigsburger POP-Verlags, erscheint. Abbildung U1: Franz Hodjak bei einer Lesung aus Anlass der Verleihung des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreises 2013 in Dinkelsbühl Foto: Konrad Klein

Franz Hodjak, verstorben am 6. Juli 2025: Man merkt einem Sonderheft sofort an, ob es einen Tod verwaltet oder ob es – gegen den Tod – noch einmal Werkgegenwart herstellt. Dieses MATRIX-Heft wählt die zweite, seltenere Form: Es beginnt nicht mit der Legende, nicht mit dem Denkmal, nicht mit dem Nachruf als Endpunkt. Es beginnt, hartnäckig und richtig, mit Gedichten. Und erst wenn diese singuläre Stimme im Raum steht, treten die Kommentare hinzu. Und immer wieder, wie kleine Unterbrechungen des Sprechens, die Bilder der Malerin Astrid Hodjak, der Tochter.

Die Gedichte: Erdenschwere ohne Schwermut, Witz ohne Zynismus

Franz Hodjak schreibt Gedichte, die die Welt nicht verschönern – und gerade dadurch würdig sind. Würde entsteht hier nicht aus Feierlichkeit, sondern aus Genauigkeit. Der Ton ist oft lakonisch, manchmal spröde, nie geschniegelt. Hodjak wirkt wie jemand, der das Pathos als eine Versuchung kennt und ihm instinktiv misstraut. Seine Gedichte arbeiten mit dem Material des Alltags, aber sie machen daraus keine „Alltagslyrik“ im gemütlichen Sinn. Sie machen daraus ein Prüfgerät: Wie viel Sinn hält ein Tag aus? Wie viel Zufall? Wie viel Zerfall? Und wie – trotz allem – bleibt etwas, das man Hoffnung nennen kann, ohne rot zu werden?

„Wie der blaue Wind“ ist dafür ein programmatischer Einstieg: Der Alltag liegt plötzlich als Müllfracht vor den Füßen – Plastisches, Papiernes, Abgetragenes, und mit ihm die knappe Diagnose „ewige Lieblosigkeit“. Die Welt läuft weiter, wenn man aussteigt; was man zurücklässt, fährt weiter; was gestern war, läuft einem morgen nach. Und zugleich hat das Gedicht eine merkwürdige Beweglichkeit: Es ist nicht nur Anklage, es ist auch Komik, ein kurzes Aufblitzen von Lebensüberraschung (bis hin zur Idee, dass Liebe „Vietnamesisch“ lehren kann). Hodjak kann so etwas hinschreiben, ohne es „witzig“ zu markieren. Der Effekt ist stärker: Das Komische wird nicht zum Ornament, sondern zur Rettungsleine.

Diese Gedichte kennen das Absurde nicht als Ausnahme, sondern als Grundform. „Triptychon 9“ formuliert es in einer Zeile, die wie ein Stein im Schuh bleibt: Egal, ob Unglück oder Glück, ob Unfall oder Aufstieg – alles geschieht nach den „exakten Berechnungen des Zufalls“. Das ist nicht Fatalismus im dumpfen Sinn, eher eine Art mathematische Melancholie: Die Welt ist nicht gerecht, aber sie ist konsequent in ihrer Inkonsistenz. Hodjak schneidet damit durch viele Illusionsschichten hindurch. Und sofort folgt die zweite Bewegung, typisch Hodjak: Er lässt den Leser nicht im Satz erstarren, sondern gibt ihm einen Nachsatz, eine Zeitwendung, die zugleich banal und tief ist: Morgen ist anders, als man gestern dachte – und manchmal weist das Gestern weiter als das Heute. In diesen kleinen Drehungen liegt seine philosophische Kraft.

Hodjak ist ein Dichter, der gern in Miniaturen und Bewegungsstudien denkt: Tagesabläufe, Stadtwege, Parkplätze, Cafés, Friedhöfe. Es sind kleine Weltgelenke, an denen das Existentielle plötzlich sichtbar wird. Er schaut genau hin, aber nicht mit dem neugierigen Blick des Reporters, sondern mit dem Blick eines Menschen, der weiß: Der Sinn eines Tages ist nicht, dass er schön ist, sondern dass er überstanden wird – und dabei manchmal, gegen jede Wahrscheinlichkeit, sogar etwas freigibt: Einsicht, Zärtlichkeit, einen Rest Frieden. Und so taucht in den Gedichten immer wieder diese merkwürdige Kombination auf: Weltdunkel und Weltzuneigung zugleich.

Der Nachlass-Block: letzte Präzision statt letzter Pose

Besonders stark ist, dass das Heft nicht nur frühere Gedichte zeigt, sondern auch einen Block aus dem Nachlass – Gedichte also, die noch einmal eine andere Temperatur haben: weniger geschützt, direkter, manchmal wie ein Notat, das genau darum so hart trifft.

Das erste Gedicht dieses Blocks beginnt mit einer simplen Geste: „Ich gebe zu…“ – und schon ist man in einer Herbstszene des Rückblicks. Hodjak schaut dem Tod „bei der Arbeit“ zu; er registriert, dass Zeit entscheidet, ob eine zweite Chance überhaupt noch eine Chance ist; er beschreibt die Welt als Geflecht von Schlupflöchern, durch die man sich zwängt, weil die Welt „bloß aus Schlupflöchern besteht“. Und dann taucht, scheinbar nebenbei, eine Frage auf, die ins Zentrum eines späten Humanismus führt: Warum hört Zeit selbst „für humanitäre Zwecke“ nicht auf, „eine Weile zu vergehen“? Das ist Hodjaks Ethik: nicht predigen, sondern die Unverschämtheiten der Wirklichkeit so formulieren, dass man sie nicht mehr wegwischen kann.

„Friedhofsalltag“ ist ein anderes Meisterstück dieser späten Klarheit. Hodjak sitzt gern auf alten Friedhöfen, trinkt Kaffee; hier ist „nichts fraglich“ und zugleich „nichts gewiss“ – eine paradoxe Form der Ruhe, die die Welt draußen nicht mehr bieten kann. Er spricht laut mit sich, ohne dass ein Besserwisser sich einmischt. Und dann diese wunderbare, fast tröstliche Pointe: Der Tod gibt den Dingen den Zauber zurück, den die Welt draußen ihnen genommen hat. Doch der Text bleibt nicht in kontemplativer Stimmung stehen. Er zeigt eine Floristin, die Blumen von Gräbern nimmt, um damit Geburtstagstische zu dekorieren: ein Bild, das nicht empört, sondern den Kreislauf von Gedenken und Fortleben sichtbar macht. Hodjak moralisiert nicht: Er sieht, und im Sehen liegt schon das Urteil.

In „Randerscheinung“ wird das Existenzgefühl als administrierter Rand beschrieben: Man wird amtlich geführt, man kommt – biografisch – „vom Rand“. Und dazwischen wieder Hodjaks Spezialität: Eine trockene Dankbarkeit, die ausgerechnet im dunklen Bild aufscheint – etwa wenn der Abend „schwarz wie ein Leichenwagen“ ist, „in dem“ glücklicherweise „keine Leiche liegt“. Diese Art von Galgenhumor ist nicht Zynismus, sondern ein Überlebenszeichen.

„Jedes Jahr“ bringt dann eine Kaskade von Beobachtungen, die sich wie eine private Anthropologie lesen: Man sieht aus wie der Zahn der Zeit, dem wieder ein Stück fehlt; ein Kreuz ist allein leichter als gemeinsam; irgendwo tanzt ein Priester und erklärt Tanz zum innigeren Gebet, und alle tanzen mit. Hodjak kann solche Szenen ins Gedicht ziehen, ohne die Wirklichkeit zu verzaubern. Und dann wieder diese wunderbare Erfindung: Hoffnung als „Änderungsschneiderei“, die Glück verlängert und Unglück verkürzt – nur kennt niemand die Adresse. In einem Satz wird Hoffnung als Handwerk vorgestellt, als etwas, das gemacht wird – und zugleich als etwas, das sich entzieht.

„Da ist etwas“ ist vielleicht das existenziell nackteste Gedicht dieses Blocks: Zeit geht durch uns hindurch und nimmt Stücke mit; jedes Unglück, das geht und zurückkommt, hat einen Zweitschlüssel. Der Sprecher ist nie ein Fels gewesen; er hat nie einen Mittwoch als befreiend empfunden. Und doch gibt es diese kleinen, zitternden Öffnungen: das Starren auf eine Tür im Café, der Gedanke, es gebe „eine Chance davor und eine Chance dahinter“, und schließlich das Bild eines unterbrochenen Walzers, der „im Himmel zu Ende“ getanzt wird. Hodjak schafft es, Metaphysik ohne Weihrauch zu formulieren – als Fortsetzung einer Alltagsszene.

Und dann „Auch die Hoffnung“: ein Morgenblick, der zu kurz ist; ein Abendhimmel, der zerbrochen ist; eine Leiter, der immer mehr Sprossen fehlen. Die Bitte an die Scherben, nur denen Glück zu bringen, die es verdienen – das ist zugleich rührend und unmöglich, und Hodjak weiß das. Hoffnung lässt sich gehen, ist schlampig, und gerade dadurch wird sie zur Figur, die man erkennt: nicht als Ideal, sondern als reale, manchmal unansehnliche Begleiterin. Und am Ende schwitzen „die Sprache und ich“, wenn etwas auf die Beine gebracht werden soll, das ohne Wörter nicht stehen kann. Das ist eine späte Selbstauskunft des Dichters: Sprache als Körperarbeit, als Anstrengung, als Rettungsversuch.

Der Nachlass-Block wirkt so nicht wie „Bonusmaterial“, sondern wie ein Brennglas: Er zeigt Hodjaks Grundhaltung in konzen-trierter Form – das Misstrauen gegenüber großen Heilsversprechen, die Liebe zur kleinen, präzisen Formulierung, und einen Humor, der gerade dort auftaucht, wo man ihn nicht mehr erwartet.

Die Kommentare: Resonanz statt Deutungshoheit

Zu den Gedichtstrecken fügt das Sonderheft den Kommentarapparat ein. Die Texte über Hodjak versuchen nicht, das Werk zu „schließen“. Sie öffnen es, indem sie verschiedene Zugänge nebeneinanderstellen: biografische Erinnerung, Lektürebericht, Deutungsversuch, literarische Einordnung. Dass dabei immer wieder von Hodjaks Fähigkeit die Rede ist, zu lehren ohne zu dozieren, passt auch zu den Kommentaren. Sie sind am stärksten, wenn sie nicht erklären, sondern weiterlesen – also mit dem Gedicht mitdenken.

Ein wiederkehrender Gedanke ist, dass Franz Hodjaks Schreibweise aus einem Training der Wachheit stammt: unter Bedingtheiten gereift, in denen Sprache nicht naiv sein konnte, in denen Doppeldeutigkeiten, Parabeln, Wortspiele nicht Stilspielerei waren, sondern Lebensform. Die Kommentare zeigen plausibel, dass Hodjak diese Verfahren nicht als historische Krücke brauchte, sondern als poetisches Instrument: Er rechnet mit dem Leser, mit dessen Fähigkeit, Zwischenräume zu hören. Und weil Hod-jak zugleich eine große Präzision in der Alltagsszene hat, wird das Gedicht bei ihm zum Ort, an dem politische Erfahrung, Existenzgefühl und Witz ineinandergreifen, ohne dass es je platt wird.

Der Kommentarteil betont zudem den Eindruck einer späten Verdichtung: dass Hodjak bis zuletzt produktiv blieb und dass das Spätwerk nicht als Abgesang, sondern als Fortsetzung der Denkbewegung erscheint. Die Werkdeutungen sind dann überzeugend, wenn sie Hodjak nicht als „Themenautor“ behandeln, sondern als Tonautor. Es deuten, kommentieren und gedenken: Traian Pop Traian (Editorial), Edith Ottschofski, Georg Aescht, Edith Konradt, Walter Fromm, Theo Breuer, Axel Helbig, Horst Samson und Matthias Buth.

Astrid Hodjaks Bilder: Seelenlandschaften als Atempausen

Die Bilder von Astrid Hodjak gehören zu den schönsten Entscheidungen dieses Hefts, weil sie die Gedichte nicht „erklären“, sondern ihnen ein zweites Medium an die Seite stellen, das ähnlich denkt: in Schichtungen, in Andeutungen, in offenen Räumen. Sie erscheinen als Mischtechniken und wirken häufig wie Seelenlandschaften: zerklüftete Flächen, Linien, Tupfer, Zäsuren – Struktur und Auflösung im selben Bild.

Wichtig ist: Astrid Hodjak versteht Malerei ausdrücklich als innere Notwendigkeit, als Prozess zwischen Intuition und Bewusstsein; der Moment des Malens ist ein Experiment. Zufälle werden zu Wegweisern, Überlagerungen zu Erinnerungen, Leerstellen zu Räumen des Atmens. Diese Selbstbeschreibung ist der Schlüssel dafür, wie die Bilder im Heft funktionieren: als visuelle Poetik, die den Gedichten nicht nachläuft, sondern neben ihnen steht.

Man sieht das besonders dort, wo Text und Bild direkt gekoppelt sind. Dann entsteht ein Dialog aus zwei Formen von Lakonie: Hodjaks Sätze, die das Existentielle im Alltagsgegenstand verstecken; und Astrid Hod-jaks Flächen, die Stimmung als Struktur zeigen, nicht als Illustration. Die Bilder schaffen Pausen, in denen man nicht weiterlesen „kann“, sondern kurz verweilen muss – und genau dadurch wird das Heft leserzugewandter. Es macht aus der Lektüre keinen Durchmarsch, sondern eine Abfolge von Verdichtungen und Atemzügen.

Dieses Sonderheft ehrt nicht mit Höflichkeitsformeln, sondern über das, was Franz Hodjak wirklich hinterlässt: Eine Sprache, die sich nicht überhebt, eine Ironie, die nicht entwertet, eine Erdenschwere, die nicht in Schwermut kippt. Und gerade der Nachlass-Block zeigt, wie wenig Hodjak an „letzte Worte“ glaubte: Er schreibt unverdrossen weiter, als gäbe es keine Endmarke – und vielleicht ist das die stärkste Form von Würdigung, die Literatur kennt.