Hermannstadt – „Ich dachte, das gibt´s nur bei Fellini“, räumte Medienprofi, Kriminalroman-Könner und Verleger Wolfram Christ (63) aus Deutschland in der zweiten Mai-Hälfte vor kleinem Publikum im Erasmus-Büchercafé Hermannstadt/Sibiu ein. Denn die Spuren des spektakulären Kunstraubs am 25. November 2019 aus dem Grünen Gewölbe in Dresden, dem „Florenz an der Elbe“, sollten tatsächlich nach Italien führen und die verdächtigten, überführten, verhafteten und im Mai 2023 letztlich auch verurteilten Täter aus dem Remmo-Clan zur Rückerstattung fast sämtlicher entwendeter Preziosen an die Schatzkammer des Sächsischen Freistaats drängen. Doch als er merkte, von wie vielen Anwälten sich die Straftäter zum Prozess in Dresden begleiten ließen, entschied Wolfram Christ sich dafür, den Namen ihrer kriminellen Organisation in seinen 2024 präsentierten „Merkwürdigen Abenteuern der Marina Casanova aus Köln“ fiktiv abzuändern statt ihn original in sein Buch zu verbauen. Der daraus entstandene Krimi erregte 2025 Aufmerksamkeit auf der Leipziger Buchmesse und gelangte neulich auch in Hermannstadt durch den schriftstellerischen Gast aus dem Erzgebirge selbst zur Vorstellung.
„Die Ortsnamen im Buch gibt es alle, und die Orte sehen auch echt so aus. Das ist rundum gründlich recherchiert“, erzählte Wolfram Christ von seiner Italien-Erfahrung. Sogar einem als Vereinigungs-Lokal „deutscher Architekten“ im „Bel paese“ getarnten Protzbau der Mafia in Kalabrien – dem „Fußspann des italienischen Stiefels“ – hat er sich auf Forschungsreise ungewollt zu dicht genähert, um jäh nach Durchschauen ihrer Anstalt rasch wieder weiterfahren zu wollen.
Die von ihm nacherzählte Geschichte des Diebstahls von Dresdner Preziosen aber spielt nebst Köln als Heimat von Detektivin Marina Casanova auch in Berlin und schließlich dem ostdeutschen Milieu: im Rollenwechsel mit seiner Ehefrau Uta Christ, Theaterpädagogin von Beruf und genauso im Erzgebirge aufgewachsen, ließ Wolfram Christ vorlesend gekonnt Klang und Charme des kultigen Akzents aufblitzen, der erst ein Berlinern oder Sächseln zum Eigenen macht, was es auch wirklich ist. „Die merkwürdigen Abenteuer der Marina Casanova“ auf 288 Seiten ist das zehnte Buch des Diplomreporters, der 2011 das Tournee-Theater-Ensemble „Comediantes“ gründete und den gleichen Namen auch seinem eigenen Verlag gab, den er 2019 eintragen ließ. Wolfram Christ bekennt sich als „großer Fan“ von Miss Marple, der Hauptprotagonistin im Prosa-Schaffen von Agatha Christie, und empfiehlt all jenen, die gerne Karl May oder James Bond lesen, auch zu Titeln des „Comediantes“-Verlages zu greifen. Seinen Action-Thriller „Update to kill“ übrigens, der zur Intrige fiktiv die Berliner Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) in die Luft fliegen lässt, findet er „von Tag zu Tag aktueller“. Ein Schmöker, den er Juli 2021 gleichfalls im Erasmus-Büchercafé lanciert hatte.
Auch die Frage von Gastgeber Jens Kielhorn nach seiner Beziehung zu Rumänien konnte Wolfram Christ, der unterwegs Recherchen in Wien für ein neues Buch angestellt hatte, nicht anders als spannend beantworten. Gleich nach dem Abtitur 1981 in der DDR reiste er für 14 Tage Urlaub nach Rumänien und fand das von Ceaușescu in den Abgrund der Armut getriebene Land „total abschreckend”. An der Schwarzmeerküste wohnte er im Ferienort „Saturn“ und kehrte mit nur dem einen Fazit nach Ostdeutschland zurück: „Du lieber Gott!“ Da er jedoch als Jugendlicher einen internationalen Austausch mit der Schule im bulgarischen Pasardschik erlebt hatte und auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mehrmals hin reiste, fiel ihm bald auf, wie Rumänien sich doch „zum Positiven hin“ verändern sollte. „Nach 1990 wurden Kontakte von Schülern in Ostdeutschland zu Schulen im Osten Europas weitestgehend abgebrochen. Dass das nur noch nach Westen hin unternommen wird, ist eine einseitige Entwicklung“, äußerte Wolfram Christ kürzlich in Hermannstadt, in das er sich „ein bisschen verliebt“ habe. Auf erneutem Weg nach Pasardschik beschäftigte ihn der Gedanke, „vielleicht wieder einen Kulturaustausch“ zu suchen.





