Hermannstadt – Dass Schiiten und Sunniten einander bis heute in einem je nach Berechenbarkeit oder Launen der Großwetterlage von Argwohn bis Feindschaft bestimmten Verhältnis zugetan sind, hat man in Europa und der christlichen Welt schon seit über einem Jahrtausend auf der Rechnung. Ein „Monolith“ wäre die islamische Welt niemals gewesen, unterstrich Dienstagabend, am 26. Mai, im Kellerraum der Humanitas-Buchhandlung in Hermannstadt/Sibiu Historiker Dr. Liviu Cîmpeanu, Anfang 40 und seit Frühjahr 2016 Forscher des städtischen Instituts der Rumänischen Akademie für Geisteswissenschaften. Trotzdem gelang es im Mittelalter Sultan Saladin, als Anführer eines muslimischen Heeres Jerusalem zu Fall zu bringen. König Balduin IV., zwei Jahre zuvor gestorben und als „der Aussätzige“ in die Weltgeschichte eingegangen, hatte damals zwar versucht, das Drängen der Kontrahenten mit dem Halbmond auf ihren Flaggen auszuschalten, doch sollten seine unmittelbaren Nachfolger daran scheitern. Brite und Mediävist Bernard Hamilton (1932-2019) legte 2005 im Cambrigde University Press Verlag sein Buch über das Leben und Erbe des „aussätzigen“ Königs Balduin IV. von Jerusalem vor; jüngst endlich ist es von Alessandro-Flavio Dumitrașcu ins Rumänische übersetzt und vom Humanitas-Verlag herausgegeben worden. Mediziner Iustin Jurcan, Radiologe in der Facharzt-Ausbildung und als sehr belesener Gestalter des Youtube-Accounts „Amatorii de Cultură“ kürzlich Gesprächspartner von Dr. Liviu Cîmpeanu für das Publikum der Hermannstädter Humanitas-Buchhandlung, rückte den Beinamen von Balduin IV. in gesundes Licht: „Tuberkulose und Ruhr waren weitaus ansteckender als Lepra.“
Eine Buchvorstellung nach gewohntem Ablauf war es nicht, dafür aber eine gleich dreifache Werbung für denselben Verlag, der auch die rumänischen Übertragungen der Monografie des Osmanischen Reiches von Marc David Baer sowie nicht zuletzt der Biografie von Sultan Süleyman „dem Prächtigen“ von Kaya Șahin im Geschichts-Angebot führt. 1400 Seiten Lesestoff bedeuten die drei Bände, und auch das beinah zwei Stunden lange Fachsimpeln zwischen Iustin Jurcan und Dr. Liviu Cîmpeanu über den Fall Jerusalems 1187 und den Fall Konstantinopels 1453 äußerte sich als ein Ritt durch heikle Vergangenheit mit zahlreichen Zwischenstopps, der ein geduldiges Zuhören wie selten erforderte. Damit, dass Eroberer Süleyman „der Prächtige“ 46 Jahre lang herrschte und um ein Haar mit Wojwode Stefan „dem Großen“ aus der Moldau gleichgezogen wäre, der es auf 47 Jahre brachte, war noch längst nicht alles gesagt. Selbst das Erwähnen von Namen wie zum Beispiel dem von König Matthias Corvinus war nicht die Hauptsache. Am Schluss endlich hingegen brachte Dr. Liviu Cîmpeanu eine Bemerkung, die er sich wohl sehr bewusst für das Finale des Abends aufgespart haben dürfte: „Eine Folge der Kämpfe Süleymans war, dass erstmals das Konzept von Europa aufkam.“ Aber auch Europa, damals in der Epoche Martin Luthers und dessen Konfrontation mit Binnengegern stehend, war „kein Monolith.“





