Hermannstadt – 1604 war Samstagmittag, am 9. Mai, auf dem Dachboden des ehemaligen Ursulinen-Klosters und anschließend noch bis 2010 aktiven Standorts des Pädagogischen Gymnasiums in Hermannstadt/Sibiu die Jahreszahl der ältesten Ofenkachel, deren Bruchstücke von Freiwilligen der „Ambulanța pentru Monumente“ im Schutt vergangener Jahrhunderte zwischen Gewölbe und Fußboden-Brettern durch Zufall nacheinander entdeckt wurden und die im unmittelbar darauffolgenden Augenblick auch passgenau wieder zusammengesetzt werden konnten. Wegen Regenwetters spielten sich die Routine und alles besondere Treiben auf der Baustelle vorübergehend unter statt auf der Dachhaut ab, für deren Reparatur Architekt Eugen Vaida und sein Verein auf der Suche nach gebrauchtem Deckmaterial mit möglichst langer Haltbarkeit natürlich keine Ziegeln echt barocker Datierung mehr auftreiben konnten. Obschon das immobile Kulturgut genau solche benötigen würde, wollte man keine Kompromisse eingehen müssen. Allerdings wäre die Generalüberholung „vier- bis fünfmal teurer“ geworden, erklärte der Gründer und Chef der „Ambulanța pentru Monumente“, weswegen die Wahl auf „historische Ziegeln ungefährer Eignung“ fiel, die dem Dach vom zentralen Flügel des Klosters nicht minder gut stehen. Für die Schadensbehebung und das Räumen sämtlicher Flächen selbstverständlich reichte die Zeit nicht aus; mehr als das mittige Dach auch über dem Sportsaal des Pädagogischen Gymnasiums, das vor 17 Jahren ausziehen musste, stand von Beginn an ohnehin nicht auf der Agenda. „Ștefan Câlția verdanken wir es, dass wir hierher gekommen sind“, räumt Eugen Vaida ein.
Der 1942 in Kronstadt/Brașov geborene Maler war 2024 im Parterre Gast des Sibiu Contemporary Art Festival (SCAF) und hat auch die Offerte des Hermannstädter Internationalen Theaterfestivals (FITS) für bald im Juni klar nicht ausgeschlagen. Seinerseits dafür musste er die „Ambulanța pentru Monumente“ zunächst überreden, dem Baudenkmal letztlich doch eine Chance zu geben: „Anfangs haben wir Nein gesagt, dann gaben wir vor, noch längere Bedenkzeit zu brauchen, und anschließend fanden wir zahlreiche Schäden“, sagt Eugen Vaida. „Der noch nicht einsturzgefährdete Dachstuhl“ habe letztlich zur Entscheidung geführt, das überschaubare Maß Arbeit anzugehen.
Allein das Beseitigen des alten Bauschutts nahm richtiggehend kein Ende, wo noch zu Anbruch der letzten von fünf Baustellen-Wochen Freiwillige ganztägig voll damit beschäftigt waren, ihn eimerweise durch die Rutsche nach unten in den Container zu befördern. Zehn kleinere Lkw-Ladungen waren Samstag, am 9. Mai, schon entsorgt worden. Ganz anders dafür wurde mit Exkrementen einer Kolonie von über 150 Fledermäusen im Dachboden verfahren, die ebenfalls unter demselben historischen Bretterboden das Herz des ein oder anderen naturbewussten Baustellengängers höher schlagen ließen – auch die Köchinnen der Kantine, wo der Trupp der „Ambulanța pentru Monumente“ regelmäßig zu Mittag aß, erbaten sich einige Kübel Fledermaus-Ausscheidungen wegen ihres unübertreffbaren Nährwerts für Blumenbeete und Gartenbau. Die unabsichtlich wie unvermeidbar aufgescheuchte Fledermaus-Kolonie wiederum spähte sich selbstständig zum neuen Wohnen einen Dachboden der vielen übrigen Flügel aus, die von der Generalüberholung nicht betroffen waren.
Dass die Dachhaut es dringend nötig hatte, unterstreicht auch das Wiederverwenden von gerade einmal nur ein paar hundert Stück ihrer eigenen alten Ziegeln. Einen nahezu vollständigen Austausch indizierte die Sachlage, und glücklicherweise fanden sich „mehr als 30 Spender“, dank deren Lieferungen das Materialdefizit komplett gedeckt werden konnte. Etliche Tage vor Baustellenende standen auch schon Kisten aus dickem Karton zum sortierten Einsammeln von Scherben und Materialresten bereit, die nicht in die Mülltonne gehören.
Auf gut 50.000 Euro beliefen sich die Gesamtkosten, für die das in Rumänien erfolgreiche Tochterunternehmen der österreichischen und branchenführenden Baugeschäftsgesellschaft STRABAG seine Kasse geöffnet hat. Ein erster Schritt von Großzügigkeit, dem laut strategischer Vereinbarung weitere Sponsoren-Beiträge zugunsten der „Ambulanța pentru Monumente“ folgen werden. Einmal mehr auf ihre Kosten dagegen kamen auch die über 100 Volontäre, die in gewohnter Art und Weise gebührenfreies Wohnen und Verpflegen genossen. „Mit 25 ist es noch nicht soweit, bereits ein fertiges Haus sehen zu können, wofür man das Projekt selber ausgearbeitet hat“, beschreibt Eugen Vaida den Karriere-Aufstieg in der Architekten-Branche. „Hier aber bleibt nach ihrer Arbeit etwas erhalten. Es gibt Freiwillige, die gar schon bei zehn, zwanzig Einsätzen dabei waren und jährlich bis zu zwei Monate im Volontariat verbringen.“ Solche Rechnung kann sich nur lohnen.







