Wie man Lawinen verhindert

„Avalanche“ feierte Premiere an der Deutschen Abteilung des Radu-Stanca-Theaters

Kälte überall, auch in den Herzen: Das Stück „Avalanche“ spielt in einer Eiswelt, voller Zwänge und Vorschriften, denen man sich beugen muss. Foto: Vlad Dumitru

Hermannstadt – „Du darfst nicht vergessen, dass Gesetze, auch wenn sie noch so erbarmungslos scheinen, letztendlich dem Glück der Menschen dienen.“ Dieser und viele andere Sätze blieben hängen am Abend der Deutschen Premiere von „Avalanche“. Das Stück des türkischen Theatermachers Tuncer Cücenoglu aus dem Jahr 2016 war am Donnerstag, den 21. Mai, erstmals im Radu-Stanca-Theater in Hermannstadt/Sibiu zu sehen.

Inszeniert hat es die Regisseurin Alice Kornitzer, die zum ersten Mal im Hermannstädter Theater inszeniert hat. Für sie war es zugleich die erste größere Produktion in deutscher Sprache – Kornitzer ist in London und Berlin aufgewachsen und inszeniert normalerweise viel im englischsprachigen Raum.

Das Stück entführte das Publikum in eine Welt der Zwänge: Eine Familie, drei Generationen, eine archaische Dorfkulisse mit alten Waffen, igluartigen Behausungen, Traditionen, die eingefahren scheinen. Schnell ist klar: eine übergeordnete Autorität hat das eigentliche Sagen im Dorf, strenge Vorschriften und Gesetze regeln das Leben der Dorfgemeinschaft. Abweichungen sind in dieser Ordnung nicht vorgesehen und werden schwer bestraft. Ein freies Leben ist nur zu bestimmten, von der Regierung festgelegten Zeitpunkten möglich. So ist auch das Zeugen und Gebären von Kindern nur zu klar definierten Zeitpunkten im Jahr erlaubt: Durch die Schreie der Frauen könnten sich Lawinen lösen und alle Dorfbewohner mit in den Tod reißen.

Dies stellt eine Dorffamilie vor Probleme: Im Zentrum der Handlung steht ein junges Paar, gespielt von Viviane Havrilla und Gyan Ross, das bemerkt, dass die Geburt ihres Kindes verfrüht einsetzt. Als die Eltern (Emöke Boldizsár und Daniel Bucher) und Großeltern (Johanna Adam und Daniel Bucher) davon erfahren, sitzt der Schock tief: Obgleich vor über einem halben Jahrhundert eine junge Schwangere aus ebendiesem Grund lebendig begraben wurde, meldet die Familie die Unregelmäßigkeit sofort den Autoritäten, denn ein Verschweigen bedeutet den Tod aller Familienmitglieder. Die fast „heilig“ anmutenden Autoritäten, verkörpert von Viorel Rață (Priester) und Fabiola Petri (Hebamme), rauschen sogleich pflichtbeflissen heran, verlesen die Gesetze, kennen keine Gnade. Klar ist: die junge Frau muss sterben.

Zwischen Satire und Zynismus, zwischen Humor und barem Ernst bewegen sich die Figuren in ihren Handlungsweisen und auch das Geschehen selbst. Bis wohin reicht die Grenze von Vorschriften und Gesetzen? Ab wann leisten Menschen Widerstand für ihr Wohl und das ihrer Liebsten? Nicht zuletzt stellt das Stück Fragen an unsere Gegenwart: Inwieweit sind Gesellschaften bereit, ihre Individuen und deren Freiheiten zu beschützen? Und: Wie kann es gelingen, solidarischen Gemeinschaften, in denen der Einzelne zählt, auch in Zukunft zur Blüte zu verhelfen? Vielleicht gelingt es auf diesem Weg auch, Lawinen zu verhindern.

Die nächste Vorstellung von „Avalanche“ findet am Sonntag, den 31. Mai um 17 Uhr im Radu-Stanca-Theater statt.