Woyzeck im Bukarester Stadtteil Ghencea

Der Audio-Walk | Foto: Valentin Brendler

Bukarest – Vor kurzem lief eine mumienartige Gestalt durch den Bukarester Stadtteil Ghencea, gefolgt von ungefähr 25 Menschen, die alle Kopfhörer trugen. Dieses Spektakel beobachteten die Anwohner interessiert. Sie standen auf ihren Balkons, schauten mit großen Augen aus den vorbeifahrenden Autos und blieben stehen, während sie auf dem Bürgersteig spazierten. Sie sahen dabei den Audiowalk „061693 WOYZECK“, den die deutsche Theatergruppe „Citizen.KANE.Kollektiv“ nach Bukarest gebracht hat.

Doch wie kommt die aus Stuttgart stammende Theatergruppe dazu, ein Stück in Bukarest zu organisieren? Angefangen hat es ungefähr vor acht Jahren, erklärt Christian Müller vom Kollektiv im ADZ-Gespräch. Damals haben sie ein Stück gemacht, dass sich mit Sexarbeit in Stuttgart auseinandergesetzt hat. Schnell fiel ihnen auf, dass fast alle Sexarbeiterinnen aus Rumänien stammten. „Und dann sind wir nach Rumänien gereist und haben hier zum ersten Mal Recherche gemacht, waren hier mit verschiedenen NGOs unterwegs und haben so die Lebenssituationen kennengelernt“, so Müller.

Schnell kamen sie in Kontakt mit der lokalen, freien Theatergruppe „Replica“. „Und dann haben wir überlegt, zusammen Anträge zu schreiben und zusammen EU-Projekte zu machen. Das ist jetzt mittlerweile das dritte EU-Projekt, was wir mit Replika zusammen machen. In diesem geht es um Solidarität, ganz im Allgemeinen. Wir haben gedacht, Solidarität bedeutet vielleicht auch, sich mit einem Stadtteil auseinanderzusetzen.“ Dies haben die Stuttgarter bereits in ihrer eigenen Stadt (Stuttgart-Freiberg) gemacht und nun widmeten sie sich Ghencea.

Doch warum genau dieser militärisch geprägte Vorort? Vor allem, so erklärt Müller, weil wenige Menschen ihn besuchen und dort Zeit verbringen, obwohl er einen prominenten Friedhof und das Stadion vom Militärverein Steaua beherbergt. „Es ist eher ein Stadtteil, der davon lebt, dass die Leute hier leben, arbeiten, einkaufen und zur Schule und in den Kindergarten gehen. Das ist das, was uns interessiert.“ 

Mit dem Audiowalk wollen sie die Gäste in diesen Alltag führen und andere Lebensweisen vorstellen. Es soll ein Anlass sein, so Müller, dass „das Publikum mit den Leuten hier vor Ort, als auch die Leute vor Ort untereinander und das Publikum natürlich miteinander ins Gespräch kommen. So stellen wir uns vor, kann Theater solidarisch sein“.

Damit sie dies umsetzen konnten, arbeitete die Stuttgarter Gruppe mit Studierenden der UNATIC Universität (Nationaluniversität der Theater- und Filmkunst „Ion Luca Caragiale“) aus Bukarest zusammen. Diese bereiteten die Stationen vor, die beim Audiowalk passiert wurden.

Dabei mag man sich fragen, wie so ein Audiowalk denn eigentlich funktioniert. Bei „Woyzeck“ war es so: Zuerst trafen sich die Gäste/Zuschauer mit den Organisatoren. Dann ging es zur ersten Station auf dem Ghencea-Friedhof, wo es um das Thema „Trauer“ ging. Daraufhin startete der Spaziergang, bei dem die Besucher alle Kopfhörer bekamen. Zu hören war eine sehr gekürzte Fassung von „Woyzeck“ die von den Stuttgartern geschrieben und mit Hilfe der UNATIC Studierenden übersetzt und auf Rumänisch eingesprochen wurde. Damit die Gruppe wusste, wohin sie gehen muss, ging eine mumienartige Gestalt voran.

Beim Walk gab es dann verschiedene Stationen, manche eher performativ, wie Theater, und manche eher touristisch, bei einer ging es zum Beispiel einfach in eine lokale Bar (bei der dann im Fernsehen eine inszenierte Nachrichtensendung lief). Abschließend ging es zum Steaua-Stadion, vor dem es einen Feuertanz gab, und dann tatsächlich ins Stadion, durch das kurz geführt wurde.

Dies ist auch nur ein grober Überblick über alles, was in diesem zwei Stunden langen Audiowalk passiert ist. Auch wenn die Wege sich nach einem längeren Arbeitstag etwas lang anfühlten, war „061693 WOYZECK“ eine absolute Wucht. Das Stück zeigte interessante neue Orte, regte durch das Hörbuch und die Inszenierungen zum Nachdenken an und zog einen in einen neuen Stadtteil, in eine neue Welt, so fesselnd hinein, dass man danach sicherlich noch einige Tage, oder gar Wochen, über Ghencea nachdenkt, was man vorher sicher nicht getan hätte.