Der tödliche Trend auf zwei Rädern: Elektroroller

Gefahr durch Elektroroller rückt in den Fokus

Immer mehr Menschen sind mit Elektrorollern durch die Stadt unterwegs, doch sehr oft fehlt die Schutzausrüstung. | Foto: Zoltán Pázmány

Wenn Kinder (viel zu) schnelle Elektroroller fahren, dann tragen die Verantwortung dafür die Eltern. | Fotos: Kreiskrankenhaus Temeswar

Im Mai warnten die Mediziner des Temeswarer Kreiskrankenhauses vor den Gefahren der Elektroroller, nachdem ein Junge mit einem solchen gestürzt war und schwere Verletzungen erlitten hatte.

Ein Full-Face-Helm sieht nicht nur „cool“ aus, sondern schützt auch richtig gut im Falle eines Sturzes.

Am 14. Mai schien es noch ein gewöhnlicher Schultag zu sein. Ein 14-jähriger Junge aus Neusentesch/Dumbrăvița bei Temeswar/Timișoara stieg nach dem Unterricht auf seinen Elektroroller, ohne Schutzausrüstung – wenige Augenblicke später verlor er die Kontrolle, stürzte und schlug mit dem Kopf auf den Asphalt. Seitdem kämpften Ärzte auf der Intensivstation um das Leben des Achtklässlers. Doch der Kampf war vergeblich: Nach einem Monat im Koma erlag der Jugendliche seinen schweren Kopfverletzungen. Der tragische Unfall erschütterte nicht nur seine Familie und die gesamte Gemeinde, sondern wirft erneut die Frage auf, wie gefährlich Elektroroller tatsächlich sind – insbesondere dann, wenn sie von Kindern und Jugendlichen genutzt werden. Denn was vielerorts als modernes, praktisches Fortbewegungsmittel gilt, birgt bei hohen Geschwindigkeiten und fehlendem Schutz ein erhebliches Verletzungsrisiko.

Während Elektroroller vor allem bei jungen Menschen immer beliebter werden, warnen Ärzte, Polizei und Verkehrsexperten seit Jahren vor den Risiken. Das „Pius Brînzeu“-Kreiskrankenhaus in Temeswar hat nach dem Unfall eine Informationskampagne gestartet, um insbesondere junge Nutzer und deren Eltern für die Gefahren zu sensibilisieren. Die Botschaft der Mediziner ist eindeutig: Ein Elektroroller ist kein Spielzeug. Die Fahrzeuge erreichen Geschwindigkeiten, bei denen schon ein scheinbar harmloser Sturz schwerste Verletzungen verursachen kann. Besonders kritisch seien Kopfverletzungen, Schädel-Hirn-Traumata, Verletzungen der Halswirbelsäule sowie komplizierte Brüche an Armen und Beinen. Viele dieser Verletzungen könnten durch geeignete Schutzausrüstung zumindest deutlich abgemildert werden.

Ohne Helm unterwegs

Gerade im Sommer gehören Elektroroller längst zum Straßenbild rumänischer Städte. Kinder fahren damit zum Sport, Jugendliche zur Schule oder treffen sich mit Freunden. Auffällig ist jedoch, dass nur wenige Fahrer einen Helm tragen. Knie- oder Ellenbogenschoner sind so gut wie nie zu sehen.

Genau hier setzt die Kampagne des Temeswarer Kreiskrankenhauses an. Ärzte der Notaufnahme berichten regelmäßig von Patienten, die nach Stürzen mit Elektrorollern eingeliefert werden. Neben Knochenbrüchen gehören Gesichtsverletzungen und Gehirnerschütterungen zu den häufigsten Diagnosen. Besonders problematisch sei, dass viele Jugendliche ihre Geschwindigkeit unterschätzen und Gefahren im Straßenverkehr falsch einschätzen.

Mediziner empfehlen deshalb unabhängig von der gesetzlichen Verpflichtung grundsätzlich das Tragen eines geeigneten Fahrrad- oder Skaterhelms. Sinnvoll seien außerdem Handschuhe sowie Schutz für Knie und Ellenbogen. Auch festes Schuhwerk könne das Verletzungsrisiko erheblich verringern.

Was das Gesetz vorschreibt

Die rumänische Straßenverkehrsordnung regelt die Nutzung von Elektrorollern inzwischen relativ klar. Das Mindestalter beträgt 14 Jahre. Fahrer zwischen 14 und 16 Jahren müssen auf öffentlichen Straßen einen Schutzhelm tragen. Darüber hinaus dürfen Elektroroller nur auf Radwegen oder – sofern keine vorhanden sind – auf Straßen, die mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von höchstens 50 Stundenkilometern gekennzeichnet sind, benutzt werden. Gehwege sind grundsätzlich tabu. Außerdem darf nur eine Person auf dem Roller fahren; das Mitnehmen eines Beifahrers ist verboten. Die bauartbedingte Höchstgeschwindigkeit beträgt 25 Kilometer pro Stunde.

In der Praxis sieht die Realität jedoch häufig anders aus. Immer wieder sind Kinder zu beobachten, die deutlich jünger als 14 Jahre sind. Oft fahren zwei Jugendliche gemeinsam auf einem Roller, nicht selten ohne Helm und mit hoher Geschwindigkeit durch Wohngebiete oder über Gehwege.

Hinzu kommt, dass nicht nur Jugendliche wegen Elektrorollern zunehmend in den Fokus geraten. Auch Fahrrad- und Essenslieferdienste stehen immer wieder in der Kritik. Viele Kuriere legen ihre Touren mit Elektrorollern zurück und sind dabei häufig mit hoher Geschwindigkeit unterwegs, um Lieferzeiten einzuhalten. Vor allem in den Innenstädten kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen auf Geh- und Radwegen, wenn Fußgänger nur knapp Zusammenstöße vermeiden können. Anwohner beklagen rücksichtslose Fahrweise, während die Polizei regelmäßig auf die Einhaltung der Verkehrsregeln hinweist. Zwar ist nicht jeder Kurier zu schnell unterwegs, doch die Kombination aus Zeitdruck, dichtem Verkehr und leistungsstarken Elektrorollern erhöht das Unfallrisiko erheblich.

Wenn 25 km/h nicht mehr reichen

Ein weiteres Problem beschäftigt Polizei und Verkehrsexperten: das sogenannte „Tuning“ der Elektroroller. Im Internet finden sich zahlreiche Videos und Anleitungen, wie sich die werkseitige Geschwindigkeitsbegrenzung entfernen oder umgehen lässt. Je nach Modell genügt mitunter eine Änderung der Software oder der Einbau günstiger Zubehörteile, damit statt der erlaubten 25 plötzlich 35, 40 oder sogar mehr als 50 Kilometer pro Stunde möglich sind.

Gerade unter Jugendlichen gilt ein schneller, „starker“ Roller häufig als Statussymbol. Fachleute weisen jedoch darauf hin, dass Bremsen, Reifen und Fahrwerk vieler Geräte für solche Geschwindigkeiten gar nicht ausgelegt sind. Schon kleine Unebenheiten oder Schlaglöcher können dann zum Kontrollverlust führen.

Zudem verlieren manipulierte Fahrzeuge ihre Zulassung im Sinne der Herstellerspezifikationen. Veränderungen, die eine höhere Geschwindigkeit ermöglichen, widersprechen den technischen Vorgaben und erhöhen das Sicherheitsrisiko erheblich.

Kleine Räder, großes Risiko

Warum sind Elektroroller trotz ihrer vergleichsweise geringen Geschwindigkeit so unfallanfällig? Die Antwort liegt in ihrer Konstruktion. Die kleinen Räder reagieren empfindlich auf Bordsteinkanten, Schlaglöcher oder Straßenbahnschienen. Gleichzeitig steht der Fahrer aufrecht und besitzt einen deutlich höheren Körperschwerpunkt als etwa auf einem Fahrrad. Gerät der Roller ins Schlingern, bleibt oft kaum Zeit zum Reagieren.

Außerdem besitzen viele Nutzer keinerlei Erfahrung im Straßenverkehr. Anders als beim Autofahren oder Motorradfahren ist kein Führerschein erforderlich. Verkehrsregeln werden deshalb häufig nur unzureichend beherrscht.

Forderungen nach strengeren Regeln

Der tödliche Unfall in Dumbrăvița hat auch politische Konsequenzen ausgelöst. Lokalpolitiker fordern inzwischen strengere gesetzliche Vorschriften für Elektroroller. Diskutiert werden unter anderem eine allgemeine Helmpflicht, eine Registrierung der Fahrzeuge, verpflichtende Haftpflichtversicherungen sowie schärfere Kontrollen gegen manipulierte Roller. Auch eine bessere Verkehrserziehung für Kinder und Jugendliche wird immer wieder ins Gespräch gebracht.

Befürworter argumentieren, dass Elektroroller längst kein Freizeitspielzeug mehr seien, sondern motorisierte Fahrzeuge mit erheblichem Gefahrenpotenzial. Kritiker warnen dagegen vor einer Überregulierung und verweisen darauf, dass auch Fahrräder ähnliche Geschwindigkeiten erreichen können.

In den vergangenen Monaten wurden mehrere Online-Petitionen gestartet, die eine Einschränkung oder sogar ein Verbot der Nutzung von Elektrorollern durch Minderjährige verlangen. Besonders viel Unterstützung erhielt eine Petition mit der Forderung, Minderjährigen die Nutzung von Elektrorollern in Rumänien grundsätzlich zu untersagen. Bis Mitte Juli hatten mehr als 5000 Menschen den Aufruf unterzeichnet. Die Initiatoren argumentieren, Kinder und Jugendliche seien den Risiken der Fahrzeuge häufig nicht gewachsen und verweisen auf die steigende Zahl schwerer Unfälle.

Verantwortung liegt bei den Eltern

Unabhängig von möglichen Gesetzesänderungen sehen Ärzte die größte Verantwortung derzeit bei den Erwachsenen. Eltern sollten nicht nur auf das Alter ihrer Kinder achten, sondern auch auf geeignete Schutzausrüstung bestehen und erklären, dass Verkehrsregeln ebenso für Elektroroller gelten wie für Fahrräder oder Autos. 

Die Informationskampagne des Temeswarer Kreiskrankenhauses verfolgt genau dieses Ziel. Sie will nicht den Elektroroller verteufeln, sondern das Bewusstsein dafür schärfen, dass moderne Mobilität auch Verantwortung bedeutet.

Der Tod des Jugendlichen aus Dumbrăvița zeigt auf tragische Weise, welche Folgen ein einziger Sturz haben kann. Ärzte hoffen deshalb, dass der Fall nicht nur Betroffenheit auslöst, sondern langfristig auch das Verhalten vieler junger Fahrer verändert. Denn ein Helm mag unbequem, ja vielleicht sogar „uncool“ erscheinen – im Ernstfall kann er aber Leben retten.