Die Mensa der Technischen Universität für Bauwesen (Universitatea Tehnică de Construcții) im Bukarester Stadtteil Tei wurde ein halbes Jahrhundert lang nicht saniert. Nun wird sie direkt auf den allerneusten Stand gebracht: Ab diesem Herbst soll das Gebäude selbst Strom und Wärme generieren und einen Teil dieser Energie an ihre Nachbarhäuser abgeben. Die Projektleiterin der Uni hat ein ambitioniertes Vorhaben initiiert, um Rumänien zu zeigen, wie Gebäude mit klimafreundlicher Energie versorgt werden können.
Im Speisesaal in der ersten Etage, wo schon in einem halben Jahr bis zu 400 Studierende und Schüler gleichzeitig an den Esstischen sitzen sollen, ragen derzeit graue Betonpfeiler zur Decke hoch, liegen einzelne Haufen von Metall-stangen auf dem mit Stahlgittern bedeckten Boden herum und positioniert ein einsamer Bauarbeiter eine Leiter. Etwas mehr Leben ist unten im Eingangsbereich, wo neben der großen Treppe ein Arbeiter Mörtel gegen eine Säule klatscht. Staub liegt in der Luft, dem Hustenreiz ist schwer zu widerstehen. Kaum vorstellbar, dass die Arbeiten in einigen Monaten abgeschlossen sein sollen.
Noch eine Etage tiefer, im Keller, lässt sich dann doch leicht erahnen, dass hier bald ein innovatives Vorreiterprojekt fertig sein soll. Allein am Rande einer Halle steht ein stählerne Kiste, deren Deckenklappen sich nur mit viel Kraft öffnen lassen. Innen liegt ein Hohlraum, in den später das warme Abwasser geleitet werden soll. Hindurch verlaufen spulenartig angeordnete Metallrohre, durch die frisches Leitungswasser fließen soll. „So wird das kalte Wasser erwärmt“ und die Wärmenergie des Abwassers noch einmal genutzt, erklärt Cristiana Croitoru. Sie leitet das Projekt auf Seiten der Uni.
Eine Spielwiese für neue Technologien
Croitoru ist Professorin für Energieeffizienz im Gebäudesektor. Ihr Fokus liegt insbesondere auf Heiz- und Klimatechnik. Um ihre Forschungsergebnisse in der Praxis zu erproben, ist die alte Unimensa die ideale Spielwiese. Bei der Leitung der Uni sei sie auf offene Ohren gestoßen, „um ihre Spielzeuge mal auszuprobieren“, erzählt sie lachend. Es sei nicht einfach gewesen, ein geeignetes Gebäude zu finden.
Nachdem die Mensa 1975 gebaut worden war, seien über all die Jahre nur kleinere Modernisierungen vorgenommen worden, etwa die Fenster oder den Gaskessel auszuwechseln, sagt Croitoru. Der bauliche Zustand verschlechterte sich. Die Fassaden begannen zu bröckeln; das Heizungssystem wurde unzuverlässiger, je mehr Ablagerungen sich in den Rohren ansammelten. Als 2020 die Corona-Pandemie die Spielregeln des öffentlichen Lebens veränderte, genügte das Lüftungssystem den Anforderungen nicht mehr. Die Mensa wurde stillgelegt.Mit dem Förderprogramm PNRR sah die Universität einige Jahre später eine Möglichkeit, die Generalsanierung zu finanzieren, so Croitoru. Damit Projekte den Förderrichtlinien genügten, mussten sie von ausreichend vielen Studierenden genutzt werden und die Baupläne schnell umsetzbar sein. Beide Bedingungen erfüllte die Mensa. Im November vergangenen Jahres starteten die Arbeiten.Ein großer Teil der Ressourcen fließt in klassische Konsolidierung, das Mauerwerk wird also verstärkt. Die Architekten haben besonders auf Energieeffizienz geachtet: Dach, Wände und Fundament dämmen die Arbeiter mit einer 15 Zentimeter dicken Schicht aus Mineralwolle und sehr dichtem Styropor. Für das Licht sollen künftig sparsame LED-Lampen sorgen.
Nutzen, was vorhanden ist
Die Herzstücke der neuen Technologie werden im Keller eingebaut: zwei große Wärmepumpen, die die Mensa sowie die nahe gelegene Schule versorgen sollen. Sie funktionieren unterschiedlich. Die eine leitet Wasser in die Erde, dessen Eigentemperatur sich dort an die Umgebungstemperatur von etwa zehn Grad angleicht – stabil das ganze Jahr über. Mittels eines technischen Verdichtungs-Prozesses wird die Temperatur nachträglich auf bis zu 50 Grad erhöht, danach das Wasser ins Heizungssystem geleitet. Lässt man diese Verdichtung im Sommer weg, kann das System auch zur Kühlung genutzt werden. Die zweite Pumpe zieht Wärme aus der Umgebungsluft und überträgt sie auf das Heizungswasser.
Beide Wärmepumpen werden mit Strom betrieben. Der soll, soweit es geht, vom Dach kommen. Dort werden Photovoltaik-Paneele installiert. Cristiana Croitoru erwartet, dass die Anlage im Sommer mehr Strom produzieren wird als die Mensa verbraucht. Für diesen Fall liegen auf der Baustelle schon dicke, schwarze Kabel bereit. Sie sollen bald eingegraben werden und den Strom in ein 30 Meter entferntes Studierendenwohnheim leiten.
Auf der anderen Seite der Mensa ist das gleiche mit Warmwasser geplant. Ganz schwach lässt sich auf dem angrenzenden Bürgersteig erkennen, dass die Steine vor Kurzem aufgestemmt wurden. Darunter liegen jetzt Rohre, die überschüssiges Heizwasser aus der Mensa in die Schule direkt gegenüber transportieren sollen. Mehr als 600 Schüler könnten schon im nächsten Winter mit Wärme aus dem Erdboden versorgt werden.
Ein Projekt, das Maßstäbe setzen will
Trotz aller Mustergültigkeit in Sachen Energiewende: Ein kleines fossiles Geheimnis gibt es dann doch. Es liegt in einem blauen, kunstvoll mit Graffiti verzierten Randgebäude neben der Mensa. Cristiana Croitoru zeigt auf einen alten Gaskessel, der bald durch eine modernere Variante ersetzt werden soll. Falls die Wärmepumpen im Winter doch mal an ihre Grenzen stoßen, soll fossile Energie unterstützen. Größere Pumpen habe das Budget nicht hergegeben.
Bisher werden die Gebäude vollständig durch kommunale Fernwärme versorgt und beziehen ihren Strom aus dem öffentlichen Netz. Sollten die Berechnungen der Uni-Professorin zutreffen, wird die Mensa künftig 90 Prozent weniger Energie von außen benötigen als bisher. In CO2-Emissionen umgerechnet, erwartet Cristiana Croitoru einen ähnlichen Einsparwert. „Wir werden wahrscheinlich fast ein Nullenergiehaus haben“, schwärmt sie.
Die Wissenschaftlerin hofft, dass andere Gebäudeeigentümer in Rumänien sich ein Beispiel an dem Projekt nehmen und aus erneuerbaren Quellen erzeugte Energie mit benachbarten Schulen, Krankenhäusern oder anderen Einrichtungen teilen – „kleine Inseln der Energie“ aufbauen, die weitgehend unabhängig vom öffentlichen Versorgungsnetz sind. Sie kennt bisher kein gut funktionierendes Beispiel im Land. So ein Projekt sei ein weiter Weg, aber dennoch: Was mit einer Handvoll Gebäuden beginnt, kann eines Tages zu ganzen Stadtvierteln mit positiver Energiebilanz werden, glaubt Croitoru.
Auch in der Außengestaltung folgt das Projekt den Trends der Stadtplanung: Die benachbarte Kleinstraße soll autofrei und die Zäune um das Gelände abgebaut werden, damit Anwohner auf den Hof und in die Mensa gelockt werden. Der Hof wird den Plänen zufolge Möglichkeiten zum Entspannen, zum Austausch und für Kulturveranstaltungen bieten. An Ladestationen können E-Bikes und E-Roller aufgeladen werden. Die Mensa soll allen offenstehen; Schüler und Studierende können vergünstigt essen.
Gesetzgebung soll Schritt halten
Besonders wichtige Erfahrungen hat die Uni in Croitorus Augen im administrativen Bereich gesammelt. Rechtssichere Kooperationsverträge zwischen verschiedenen Gebäudeeigentümern zum Energieaustausch abzuschließen, sei eine Herausforderung. Gerade Partnerschaften zwischen öffentlichen und privaten Akteuren seien in Rumänien noch kaum erprobt. Die Behörden verstünden nicht, was der Sinn dahinter sei, eine Schule mit einer Mensa zu verbinden. Im zweiten Verwaltungsbezirk von Bukarest habe noch nie ein Gebäudeeigentümer Energie mit einem anderen geteilt. Das sei ein „gemeinsamer Weg des Lernens“.
Die Papierarbeit fällt in Cristiana Croitorus Aufgabenbereich. Sie setze „alle Puzzlestücke zusammen“. Die Absatzschuhe, mit denen die Projektleiterin zum Ortstermin gekommen ist, lassen in der Tat mehr Zeit im Büro als auf der Baustelle vermuten.
Dabei stößt auch sie an Grenzen: Überschüssigen Strom nicht nur zum Wohnheim, sondern auch zur Schule zu leiten, sei aus rechtlichen Gründen kaum möglich. Schließlich gehört die nicht zur Universität. Das Team habe sich auch dagegen entschieden, mögliche Überproduktion in das öffentliche Stromnetz abzuführen. Der bürokratische Aufwand, um vom reinen Stromkonsumenten auch zum Produzenten zu werden, sei zu groß. Projektleiterin Croitoru wünscht sich, dass es der Gesetzgeber erleichtert, solche Energiegemeinschaften zu gründen.
Die Zeit drängt
Das Team um Cristiana Croitoru konzentriert sich auf das, was in der knappen Zeit umsetzbar ist. Nach Schwierigkeiten in der Organisation seien die Bauarbeiten im November deutlich später gestartet als geplant. Bis Ende Juli sollen sie abgeschlossen sein. So unfertig Mensa und Außenbereich auch aussehen: Aufschub könnten sie sich nicht leisten, sonst sei die Abrechnung mit dem PNRR gefährdet, so die Leiterin.
Wie sie es erzählt, klingt es so, als hätte das Führungsteam den Baufirmen ziemlichen Druck gemacht – man könnte auch sagen, fast schon gebettelt. Im Oktober dieses Jahres sollen die ersten Studierenden hier zuMittag essen, sagt Bauleiter Alexandru Năfureanu. „Im Bestfall“ betont er zweimal und wirkt dabei selbst nur bedingt überzeugt.
Der weitaus größte Teil der Investitionssumme stammt aus dem PNRR. Hinzu kommen Mittel aus einem weiteren EU-Förderprogramm sowie private Spenden. Die Gesamtkosten für die Mensa-Sanierung und die Energietechnik beziffert Croitoru auf etwa 1,8 Millionen Euro.
Sie habe alles gegeben, um die Baukosten möglichst weit zu drücken. Cristiana Croitoru formt ihre Hände zu Telefonhörern, die sie sich abwechselnd an die Ohren hält. „Ohne Spenden und Entgegenkommen würde das hier nicht funktionieren. Wir sind eine kleine Universität und es ist sehr schwierig für uns, solche Projekte durchzuführen.“
Trotz aller Mühen sei die neue Energieinsel am Ende nicht kostendeckend, wenn man Investitions- und Betriebskosten ins Verhältnis setzt. Aber viel wichtiger sei, meint die Professorin für Energieeffizientes Bauen, dass sie und ihr Team „lehrreiche Erfahrungen gesammelt“ haben. Sie hofft darauf, künftig bei neuen Projekten weitere ihrer „Spielzeuge“ erproben zu können.






