Wenn Agnetha Feierabend, geborene Schaser, heute aus dem Fenster ihres Hauses auf das „große Areal“ blickt, wie sie ihren Garten nennt, dann tut sie das mit einer tiefen Dankbarkeit. Wer sie heute in ihrem Haus in Kassel besucht, begegnet einer Frau, deren Gedächtnis eine ganze Welt konserviert hat. Mit 84 Jahren gehört sie zu jener Generation von Siebenbürger Sachsen, die die Brüche des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erfahren haben – und die dennoch ihren Humor und ihre Schaffenskraft nie verloren haben. Davon zeugen auch ihre vielen Gedichte, die sie in Mundart verfasst hat.
Geboren am 9. Oktober 1942 in Hamlesch/Amnaș, wuchs Agnetha als eines von neun Geschwistern auf. Auch jetzt noch erzählt sie mit einer Lebendigkeit von ihrer Kindheit, als läge sie erst wenige Tage zurück. Es war eine Zeit, die von Kontrasten geprägt war. „Wir waren arm, aber sehr, sehr glücklich“, erinnert sie sich. Doch über dem familiären Idyll lag ein Schatten: die Deportation der ältesten Schwester in die Sowjetunion und die Enteignungen der Jahre 1947/48. „Ich sah meine Eltern oft weinen und fragte: Tut euch was weh?“, erzählt sie. Die bittere Antwort, welche sie erst im Alter von fünf Jahren erfuhr und verstand, war die Ungewissheit über das Schicksal der Schwester. Den Hunger wusste die Mutter dennoch stets fernzuhalten, wenn auch nur mit einfachen Speisen wie Kartoffelsuppe oder dem Obst der eigenen Bäume – der große Garten in Hamlesch lieferte Kartoffeln und anderes Gemüse und war eine Lebensader in kargen Zeiten. Diese frühen Jahre prägten ihren Charakter: Genügsamkeit gepaart mit einem tiefen Gottvertrauen.
Die „Karriere“ im Handel
Ihr Weg führte Agnetha Feierabend, bei Freunden und Familie auch als Niki, heute als „Nikitante“ bekannt, weit aus dem Heimatdorf hinaus. Sie begann in einem Schuhgeschäft in Mühlbach/Sebe{ zu arbeiten, gefolgt von einer zweijährigen Ausbildung zur Handelsfachkraft in Buzău, hunderte von Kilometern von der Heimat entfernt. Nach Hause kam sie nur in den Ferien – weil die Reise teuer und mühsam war. Nachmittags um fünf Uhr stieg sie in den Zug, musste in Hermannstadt/Sibiu umsteigen, dann noch einmal in Pitești nachts um ein Uhr, um dann eine halbe Stunde per Kutsche zu einem anderen Bahnhof der Stadt zu gelangen und von dort aus nach Buzău weiterzureisen. „Ich war eines von nur drei siebenbürgischen Mädchen in der Klasse“ erklärt sie und ergänzt, dass sie dort ihr erstes Gedicht geschrieben hat – auf Rumänisch, weil es für die Schule so sein musste. Nach ihrer Rückkehr nach Mühlbach arbeitete sie einige Jahre weiter im Handel und wurde später sogar Filialleiterin eines Kurzwarengeschäfts. Ihre Disziplin und Ordnung sprachen sich herum; selbst die Kontrolleure, die vom Staat geschickt wurden, schätzten die sächsische Präzision in ihrem Laden. In einer Planwirtschaft, in der Mangel und Chaos an der Tagesordnung waren, war das etwas Ungewöhnliches.
Die große Liebe und die Musik
Ihren Mann Mathias, der heute 87 Jahre alt ist, kannte sie aus Hamlesch. Als sie etwa 15 Jahre alt war, lernten die beiden sich besser kennen; nach dem Tanzen mit der Jugend brachte er sie nach Hause oder sie unterhielten sich draußen auf der Gasse. Als er zum Bund musste, ging auch sie ihren schulischen Weg nach Buzău, doch als sie beide wieder in der Heimat waren, organisierte er sich einen Arbeitsplatz in Karlsburg/Alba Iulia, nur einige Kilometer von Mühlbach entfernt, wo Agnetha arbeitete. Als die beiden 1963 heirateten, konnten sie den großen Saal in Hamlesch nicht für das Fest nutzen, weil er vom Kollektiv zur Kornlagerung benutzt wurde. Trotzdem feierten sie über zwei Tage verteilt eine schöne Hochzeit mit etwa hundert Gästen. Vor allem an ihre Verlobung erinnert sich Agnetha Feierabend noch mit allen Details: Die Jugend war zum Singen dabei, der zukünftige Bräutigam musste sein Verschen sagen und das Paar ging mit einer Laterne und Wein für die Anwesenden umher. Ihr Vater, der die Blasmusik im Dorf leitete, hatte auch eine Überraschung organisiert: durch den Garten schlichen sich die Musikanten heimlich zur Feier und spielten ein Ständchen.
Die Musik zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben – vom Vater über ihren Ehemann, der begabter Trompetenspieler ist, bis hin zum gemeinsamen Singen im Trachten- und Kirchenchor in Pforzheim und später in Kassel. Dass die beiden sich auch heute noch haben, nehmen sie nicht als selbstverständlich, genauso wenig wie die Werte, mit denen sie aufgewachsen sind. „Dieses Siebenbürgische hat uns so geprägt, bis heute – ehrlich und gütig, rücksichtsvoll… das haben wir heute noch in uns, bis wir sterben“, sagt sie. Sie erinnert sich auch, dass sie stets Handarbeiten angefertigt hat, sei es in den Mittagspausen, nach Feier-abend, oder am Wochenende. „Im Allgemeinen liegt es in unserer Mentalität, etwas zu tun und fleißig zu sein. Das haben wir von den Eltern mitbekommen, dass man etwas ordentlich machen muss. Wenn du überleben musst, dann geht das nicht mit den Händen im Schoß. Und das haben wir gelernt, obwohl wir auf dem Dorf aufgewachsen sind.“
Ein Sprung ins Ungewisse
1983 war Agnetha Feierabend das erste Mal in der Bundesrepublik, zu Besuch. Der Satz einer Bekannten – „Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen“ – hallte in Agnetha Feierabend nach, als sie sich bei einem weiteren Urlaub im Jahr 1987 zum Bleiben in Westdeutschland entschloss. Sie sei gut empfangen worden, auch bei den Ämtern, erinnert sie sich. Ein ganzes Jahr lebte sie im Übergangsheim und die Anfangszeit war schwer, vor allem weil ihr Mann noch in Rumänien war und nicht klar war, ob und wann er nachkommen könnte. Als der Eiserne Vorhang fiel, gelang allerdings auch das. In Pforzheim bewies Agnetha Feierabend erneut ihre Anpassungsfähigkeit: Nur drei Monate nach Arbeitsbeginn beim Versandhaus Klingel wurde sie für die damals neue Computerarbeit ausgewählt. Der Grund? Ihr klares Hochdeutsch, im Vergleich zu den schwäbischen und badischen Kollegen. Das Ehepaar Feierabend zog später, inzwischen im Ruhestand, nach Kassel um, wo beide sich am Haus mit Garten, der Nähe zur Verwandtschaft sowie an Veranstaltungen wie dem monatlichen Treffen mit anderen Siebenbürger Sachsen erfreuen.
Mundart als „Atem der Seele“
In Deutschland fand Ag-netha Feierabend auch ihre Stimme als Dichterin wieder. Was in der Schulzeit in Buz²u mit kleinen Gedichten begann, entwickelte sich zu einem beachtlichen Werk in siebenbürgisch-sächsischer Mundart. Sie war schon als Kind immer bereit gewesen, etwas vorzulesen oder vorzutragen; später auch in den Chören und so wuchs in ihr der Wunsch heran, selber etwas zu dichten. Sie zitiert Goethe: „Mundart ist der Atem der Seele“. Ihre Gedichte, die heute im Internet und auf Audioaufnahmen des Kulturreferats für die Nachwelt gesichert sind, handeln von Themen wie der Besinnlichkeit, den „Siebenbürgischen Mädchen“ und dem unvergessenen Silvesterläuten in der alten Heimat. „Die Erinnerungen gehen dir nicht aus dem Kopf, das war so schön, in der Dorfmitte mit Gesang und der Blasmusik und den Glocken – da kommen mir jetzt noch die Tränen, so schön war es“, so die 84-Jährige.
Der Hamlescher Dialekt würde sich auch besonders gut eignen, er wäre einer der schönsten siebenbürgisch-sächsischen Dialekte. Trotz der Jahrzehnte in Deutschland bleibt Siebenbürgen in ihr lebendig. Die Besuche in den 90er Jahren und zuletzt 2007 in Hamlesch und Hermannstadt sind ihr teure Erinnerungen. Fünf ihrer Gedichte sind in der Rubrik „Sachsesch Wält“ der „Siebenbürgischen Zeitung“ auch online zu finden. Dass sie heute über das Internet entdeckt, dass Menschen weltweit ihre Stimme und ihre Gedichte hören können, überrascht sie ein wenig.
Was im Leben zählt
Auf die Frage, was ihr im Leben wichtig ist, antwortet die Mundartdichterin sehr bestimmt: „Der Zusammenhalt der Menschen und sich rücksichtsvoll zu benehmen, Freundschaften zu pflegen – Gemeinschaft, Geschlossenheit und Verwandtschaft“.
Wenn Agnetha Feier-abend heute ihre Geschichte erzählt, sprudeln die Namen von Orten, Weggefährten und Bräuchen nur so aus ihr heraus. Es ist die Chronik einer Frau, die ihre Wurzeln nie verleugnet hat und deren Lebensmut auch mit über 80 Jahren so fest steht wie die Kirche in ihrem Heimatdorf.
Rechts: Ein sächsisches Gedicht von Agnetha Feier-abend und ihre Übertragung ins Hochdeutsche
Der Guerten
Äm Guerten äs det Paradies,
em kun verzichten af en Ries.
Säch norr än denge Guerten,
dro brochst tia nichen botanesch Fuehrten.
Äm Februar det Schnieklekelche schui bläht,
derno de Blommen, dä’m äm Harwest geseet.
Kokoscheercher, Tulpen, Vaulcher uch Primmel,
em segt sä siguer, wunn der Moon stieht iwer’em Giwwel.
Luirbern, Rhododendern, Forsizien än ärer Pruecht,
ziëhlen äm Frähgohr zer Schienhietsmuecht.
Gruiß farwich, rächa Strech,
rajen zem Hemmel hiesch uch frech.
Net ze vergeßen dä under vill Blommen,
dä dro blähn wiëhrend dem Sommer:
Ruise, Lefkoje, Liwemellcher uch noch vill undern;
äm se ze sähn, mess em de Guerten durchwundern.
Än jedem Ak e Blemmchen,
e jedet ä sengem farwijen Hemdchen.
Harwestblommen net zem Verschmehen,
se sen hiesch, uch dä wedderstundsfähijen:
Tagetis, Åstern uch Georginen,
no undern brocht em sich net ze sihnen.
Sä erfruan det Ug, bäs der Schnie kitt,
der Wäintjer verdakt sä mät weïßem Klied.
Äm Schnie kuckt doch noch äst erous,
meer et uch sihr kålt dertous:
Erika, Chrästruis, Stogden, dä noch grän,
kån em iwerål na sähn.
Ålle Blommen messen uch iest verblähn,
keen daut hälft niche mänjschlij Bemähn.
De Blomm vermättelt as: Geduahnn uch Verdarwen,
zer Wält kunn, uch iest Starwen.
Der ienzij Truist: Em äs net für iewij gestorwen,
aser Harrgott wid derfür sorjen.
Gena wä jed Frähgohr de Blommen erwåchen,
wid Gott as Siel zer Iweget oafwaken.
Det Wangder kitt ous Gotteshund,
komm zem Erfåsse met Mänjscheverstund.
Der Garten
Im Garten ist das Paradies,
Man kann verzichten auf eine Reise.
Schau mal in deinen Garten,
dann brauchst keine botanisch-geprägten Fahrten.
Im Februar das Schneeglöckchen bereits blüht,
danach die Blumen, die im Herbst gesät.
Krokusse, Tulpen, Veilchen und Primel,
man sieht sie sogar, wenn der Mond steht über’m Giebel.
Flieder, Rhododendren, Forsythien in ihrer Pracht,
zählen im Frühjahr zur Schönheitsmacht.
Große farbige, riechende Sträucher,
ragen zum Himmel schön und frech.
Nicht zu vergessen die anderen vielen Blumen,
die dann blühen während des Sommers.
Rosen, Levkojen, Löwenmäulchen und noch viel mehr;
zu bewundern im Garten das Blumenmeer.
In jeder Ecke ein Blümchen,
jedes in seinem farbigen Hemdchen
Herbstblumen nicht zu verschmähen,
sie sind schön, auch die widerstandsfähigen.
Tagetes, Astern und Chrysanthemen,
nach anderen braucht man sich nicht sehnen.
Sie erfreuen das Auge, bis der Schnee fällt,
der Winter sie mit weißem Kleid umhüllt.
Im Schnee guckt doch noch etwas raus,
obwohl es sehr kalt da draus’,
Erika, Christrosen und noch grüne Stauden,
überall zu sehen und bestaunen.
Alle Blumen müssen mal verblüh’n,
gegen dies hilft kein menschliches Bemüh’n.
Die Blumen vermitteln uns: Gedeihen und Verderben,
geboren werden, auch einst sterben.
Der einzige Trost: Für ewig ist man nicht gestorben,
sicher wird der liebe Gott dafür sorgen.
Genau, wie die Blumen im Frühjahr aufwachen,
wird Gott unsere Seelen zur Ewigkeit aufwecken.
Das Wunder kommt aus Gotteshand,
kaum zu fassen mit Menschenverstand.





