Die vielen Gesichter des „Casa Capșa“ in Bukarest

Die umfangreiche Geschichte des weltberühmten Cafés/Restaurants/Hotels in der Hauptstadt

Das „Casa Capșa“ in der Calea Victoriei

Neben der Eingangstür – vor der ein roter Teppich liegt – steht ein Sicherheitsmann.

Die historische Inneneinrichtung mag irgendwie nicht zusammenpassen. Zwar sind die Stühle, die Decke und die Wände einzeln gesehen schön, jedoch gemeinsam stechen sie sich ein bisschen. Obwohl diese Einschätzung von Betrachter zu Betrachter natürlich unterschiedlich sein wird. | Fotos: der Verfasser

Mitten in Bukarest, in der Prachtstraße Calea Victoriei, gibt es ein wahrlich geschichtsträchtiges Haus. Das „Casa Capșa“, das heutzutage sowohl ein Café/Restaurant, eine Konditorei als auch ein Hotel beherbergt. Für geschichtsinteressierte und gut situierte Reisende lohnt es sich sicherlich, dort mindestens eine Nacht zu verbringen. Obwohl, wirklich wie früher ist es nicht mehr... Das Casa Capșa hatte nämlich bereits viele Gesichter und es wandelt sich stetig. 

Gegründet wurde „Capșa“ bereits im Jahr 1852. Es ist also über 170 Jahre alt! Jedoch war es zu der Zeit weder das „Casa Capșa“, noch das „Café Capșa“, oder die „Brasserie Capșa“. Der Name „Capșa“ stammt nämlich von der Familie Capșa. Diese ist aromunischer Herkunft und kam offenbar in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach Bukarest, wie das Geschichtsmagazin „Historia“ berichtet. 

Die Unternehmensgeschichte begann dann mit den vier Brüdern Vasile, Anton, Constantin und Grigore Capșa, die im besagten Jahr 1852 eine Konditorei eröffneten. Diese hieß „La doi frați, Anton și Vasile Capșa“ (Deutsch: „Bei zwei Brüdern“). Es war damals jedoch noch an einem anderen Ort: Gegenüber der Zlătari-Kirche im ehemaligen Gasthaus Damari – ebenfalls in der Calea Victoriei. Nach kurzer Zeit zog das erfolgreiche Geschäft jedoch in das Haus Slătineanu um, wo es sich noch heute befindet. Dort wurde es auch zu einem Restaurant.

Ein richtiges Hotel wurde es dann im Jahr 1886. Zu dieser Zeit war Grigore Capșa der Inhaber und er eröffnete das Hotel und erweiterte Konditorei/Restaurant um ein Café, wie das Casa Capșa auf seiner Website berichtet.

Die Legendenbildung beginnt

Nun mag man sich denken: Okay, aber warum ist das „Casa Capșa“ nun so besonders? Dies liegt vor allem daran, dass das zentral gelegene Geschäft nach und nach zu einem Treffpunkt für die Reichen, Schönen, aber vor allem auch Kreativen wurde. Denn „Capșa“ hat sich zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bereits der französischen Küche und den französischen Lebensweisen verschreiben. Das zog Politiker, Journalisten und vor allem Künstler an, die dem glorreichen Paris nacheifern wollten.

„Grigore Capșa war es, der in Bukarest den orientalischen Duft durch westliche Parfums ersetzte und den Übergang von Baklava und Sarailie zu Bonbons, Schokolade, Ganache und Pralinen einleitete“, behauptet das „Casa Capșa“ selbstbewusst auf seiner Website.

Ob das Hotel/Restaurant wirklich einen solchen enormen Einfluss allein hatte, kann infrage gestellt werden, jedoch berichten zahlreiche Quellen davon, dass es ein durchaus wichtiger Treffpunkt für Intellektuelle war. Insbesondere in der Zwischenkriegszeit.

Vor der Blüte  kamen die  deutschen Besatzer

Jedoch musste das Hotel/Restaurant davor noch eineinhalb Jahre der deutschen Besatzung überstehen. Denn die Stadt war während des Ersten Weltkrieges vom 6. Dezember 1916 bis zum Friedensvertrag vom 7. Mai 1918 durch deutsche Truppen besetzt. 

„Historia“ berichtet, dass es am Geschäft nicht spurlos vorbeiging: „Das ‘Casa Capșa’, wurde am 20. Dezember 1916 von den deutschen Behörden beschlagnahmt. Bis auf die Getränkevorräte und die Zutaten für Gebäck und Süßigkeiten wurde alles von den Besat-zern in einem mühsamen, etwa zweiwöchigen Prozess übernommen“. Im Zuge der Beschlagnahmungen wurden sogar die Tischdecken entfernt und später durch Papiertischdecken ersetzt, so das Geschichtsmagazin.

Für diese Zeit verlor das bereits bekannte Geschäft seinen Glanz, nur, um nach dem Krieg noch berühmter und bekannter zu werden, als jemals zuvor.

Die Blüte zwischen den Kriegen

Zu den Stammgästen des Cafés zählten noch vor dem Krieg namhafte Persönlichkeiten der rumänischen Literatur, wie Mihai Eminescu oder Ion Luca Caragiale, nach dem Krieg wurde der Laden zum Zufluchtsort der Kreativen.

Das „Casa Capșa“ berichtet auf seiner Website selbst, dass es in Bukarest als Künstlercafé bekannt wurde. Virgil Carianopol sagte über „Capșa“ außerdem: „Um Schriftsteller zu werden, musste man die Taufe im Capsa empfangen, das, obwohl es keiner literarischen Firma angehörte, dennoch die Redaktion schlechthin war, der gordische Knoten auf dem Weg zur Unsterblichkeit.“ Auch Tudor Arghezi sagte maliziös: „Es ist der einzige intellektuelle Ort an der Calea Victoriei .“

Die bekannten Literaten zogen natürlich weitere bekannte Persönlichkeiten an. Deswegen kamen nach und nach auch Adelige und Gutsbesitzer, die geschäftlich in Bukarest waren, sowie Journalisten, Schriftsteller und Minister in das Café/Restaurant und zelebrierten die französische Lebensweise mit Wein, Kaffee, Gebäck, feiner Küche und lauten Gesprächen.

Das Hotel wird zu einem mystischen Ort

Wenn viele Literaten und Journalisten sich regelmäßig an einem Ort treffen, gibt es unweigerlich viele Geschichten, die von diesen aufgeschrieben werden. So auch im „Capșa“. Der Dichter und Mathematiker Dan Barbilian (Ion Barbu) soll jedesmal schon um 8 Uhr morgens ins Lokal gegangen sein. Er hatte einen großen Stammtisch, in der Mitte. Dort arbeitete er und trank am liebsten konzentrierten Filterkaffee, wie „Historia“ berichtet.

Der Maler Theodor Pallady mietete sich laut dem Geschichtsmagazin sogar ein ganzes Jahr lang im Hotel Capșa ein und aß hauptsächlich im Restaurant im Erdgeschoss die französischen Speisen.

„Historia“ berichtet auch über einen weiteren Mann. Dieser hieß Virgilică und war ein weiterer Stammgast im Haus. „Im Sommer saß er auf dem Bürgersteig, im Winter in einer Ecke des Cafés. Da er geistig behindert war, gaben ihm einige Schriftsteller Trinkgeld und schickten ihn los, um einen Kollegen zu beschimpfen. Daraufhin erhielt er eine Ohrfeige und manchmal auch Trinkgeld, damit er den Fluch zurücknahm“, so das Geschichtsmagazin. Das Café/Restaurant soll also ein wirklich aufregender Ort gewesen sein.

Dann kamen die Kommunisten

Dann kam jedoch der Zweite Weltkrieg und anschließend das kommunistische Regime. Diesem war ein Hotel/Restaurant nach französischer Art und in privater Hand natürlich nicht genehm. Deswegen wurde es im Jahr 1948 verstaatlicht und der fast weltbekannte Name „Casa Capșa“ wurde in „Cofetăria și Restaurantul București“ (Deutsch: Café und Restaurant Bukarest) umbenannt. Dieser eigentlich beschreibende Name ist ziemlich verwirrend: es gibt ja viele Cafés und Restaurants in Bukarest! Woher weiß man, welches gemeint ist, wenn man mit einem Freund darüber redet? 

Nun gut; Im Jahr 1975 wurde das Gebäude restauriert und Hotel, Restaurant und Konditorei wiedereröffnet. In der kommunistischen Zeit war das zentral gelegene Café jedoch kein Ort der lauten, offenen und politischen Gespräche mehr, weil ein Spitzel sicherlich stets direkt am Nachbartisch saß. Es war jedoch durchaus noch ein beliebtes und bekanntes Etablissement, aber ohne den Glanz der Zwischenkriegszeit. Nach der Revolution, im Jahr 1990, ging es dann wieder in private Hand über und erhielt seinen legendären Namen zurück. 

Das Café im Jahre 2026

Auch heutzutage, im Jahr 2026, ist das „Casa Capșa“ offen. Die Inneneinrichtung ist historisch: Die Decken sind weiterhin verziert und schön, die Möbel sind alt, aber edel und die Kellner sind schick angezogen und professionell. Dennoch wirkt das „Café Capșa“ nicht mehr wie eine belebte, französische Brasserie. Es gibt hauptsächlich Gebäck, Kaffee und Softdrinks. Niemand trinkt Wein, auch abends nicht, und bekannte rumänische Persönlichkeiten, die sich zeigen und laut miteinander diskutieren, sucht man zumeist ver-gebens. Viel eher sind Rentner und Touristen im „Capșa“. 

Diese genießen zwar zumeist gemütlich ihr Kaffeekränzchen, jedoch sucht man die alte Atmosphäre des Hauses vergeblich. Aus dem Radio kommen keine französischen oder rumänischen Chansons, Jazz oder Klassik, sondern nichtssagendes Gedudel und die Inneneinrichtung ist zwar alt und einzeln gesehen schön, sie mag aber irgendwie nicht zusammenpassen. Es fehlt der Flair und der Stil. Es wirkt manchmal fast wie ein relativ übliches Kaffeehaus. 

David Hugendick schrieb in seinem fantastischen Artikel „Die Seufzerhauptstadt“ in „die Zeit“ über Bukarest auch über „Casa Capșa“: „Wie man hört, sollen die Geister der Alten dort noch immer ein und aus gehen, aber das fällt in den Bereich der Paraurbanistik“. Ob das stimmt, muss wohl jeder selbst überprüfen. Einen Tisch zu bekommen, ist heutzutage nicht schwer.