Ein Schritt, der nicht früh genug verwirklicht werden kann

Viorica Chirița schneidert seit bald zehn Jahren freischaffend

30 Jahre Schneidern bedeuten für Viorica Chirița auch Erzählstoff.

Geduld und Nadelstiche für erschwingliche Spitzenqualität

Funktioniert mit Feinmechanik-Öl, Elektrostrom und dem Glauben an Erdung im Göttlichen | Fotos: Klaus Philippi

„Micul Croitoraș” ist auf dem schwarzeißen Logo in gewundener Schrift am Fenster zur Straße hin zu lesen. Und wer die „Croitorie la comandă//Retușuri vestimentare” unter der einfachen Kontur einer Nähmaschine aus Gusseisen wie vor grauer Zeit – eine alte „Singer” vielleicht sogar? – wörtlich nimmt, könnte meinen, dass hier vorne im Haus Nummer 12 auf der Reispergasse/str. Avram Iancu grundsätzlich jede Person bedient wird, die auch nur einen Reißverschluss angenäht oder ein Knopfloch zusätzlich im Hemd haben möchte. Richtig vermutet, sicher. Am meisten jedoch freut Schneiderin Viorica Chirița sich auf Kundinnen, denen die leicht am Schwungrad versteckte Damenkopf-Silhouette mit Hut direkt auffällt und zur Aufgabe einer Bestellung im weiß gestrichenen Atelier einlädt. Abendroben-Sonderwünsche oder eine bestimmte Vorstellung festlich ausgefallener Kleidung, die bei einer anderen Gelegenheit von Dritten ausgeführt wurde und es unbedingt Wert ist, auch für den eigenen Körper nachgemacht zu werden? Viorica Chirița geht gerne auf alles ein, weist auch gute Stoffe nicht zurück, die Auftraggeberinnen mitbringen, und ist seit 2016 selbstständige Anfertigerin maßgeschneiderter Damen-Kleidung im ultrazentralen Hermannstadt/Sibiu.

Schwer sei ihr der Entschluss zum Beruf Schneiderin nicht gefallen, nein, sagt sie nach über 30 Jahren Erfahrung an vier verschiedenen Arbeitsplätzen der Branche, ihr eigenes Atelier ausgenommen. „Ich war Schülerin an einem Gymnasium mit Schwerpunkt auf Erlernen von Handwerken und hatte schon als Kind eine Affinität für das Sticken und Nähen an Puppen.” Erwerbstätig in ihre Materie eingestiegen ist Viorica Chiri]a 1994 als Schichtdienst-Fachkraft der Gesellschaft „Euroconf”, stadtweit bekannt auch unter dem Namen „Sibdress” oder als Nachfolge-Unternehmen des kommunistischen Betriebs „Steaua Roșie”. Was sie schließlich vor neun Jahren freischaffend zu entwerfen angefangen hat, wird nicht nur in Hochzeitslokalen getragen, sondern auch auf Konzertbühnen – inklusive klassischen ohne Lautsprecher. Bei ihr im Atelier rauschen nur Kachelofen und Radio.

Ordentlich Bewegung herrscht dafür auf ihrem Facebook-Account. Er ist schlicht das Portfolio von Kundinnen in Gala-Aufzügen und ihre Visitenkarte: öffentlich, gratis und alle paar Wochen um neue Kreationen reicher. Gerade jetzt Ende Februar, wo die Hauptsaison im Rumänien spektakulär aufgebrezelter Hochzeitsdamen in weite Ferne gerückt scheint, gönnt Viorica Chirița sich gemütlich Zeit, bei Detailfragen auf das ansteckende Lächeln glücklichster Trägerinnen ihrer Outfits in die Kamera hinzuweisen. Ob die Leute in 30 Jahren das Äußere betreffend wählerischer geworden sind? „Ja, auf jeden Fall. Manche übertreiben es gar mit ihren speziellen Ansprüchen”, bemerkt Schneiderin Viorica in einem Augenblick, den sie in ihrem Atelier mit keiner Kundin teilt. Kritiklos bedienen tut sie trotzdem wirklich alle; für den „Micul Croitoraș” auf Facebook gibt es keine Repertoire-Limits.

An ihre Grenzen stößt sie im Sommer, wenn an ihrer Türe ein Blatt Papier der Aufschrift „Keine Retuschen” klebt. Dass Viorica Chirița sich aber ihre Kundschaft nach Belieben aussucht und Damen auch mal ablehnt, kommt nicht vor. Ihre Entscheidung nämlich ist längst schon gefallen: mag hin und wieder auch „die Arbeit mit Menschen schwer” sein, kommt es nicht infrage, sie spüren zu lassen, dass ihr kapriziöses Gehabe aufregen kann. Eigentlich wäre sie als Fachfrau berechtigt, jeder einzeln Zufriedenen eine empfindlich teure Stange Geld abzuknöpfen – eine Art Schmerzensgeld praktisch –, doch das möchte sich die Designerin der Ein-Personen-GmbH „Vio Confecții SRL“ nicht nachsagen lassen. Hinter ihrem Statement, der Job als freie Schneiderin wäre „nicht sehr ertragreich”, steckt die Genügsamkeit in Person.

„Den Schritt in die Selbstständigkeit hätte ich viel früher gemacht.” Lange überlegen muss sie bei der Antwort auf die Frage nach dem, was rückbetrachtend besser hätte angepackt werden können, nicht im Geringsten. Hat sie ein Kleid fertig, berechnet sie der Abholerin keinen auf die Stunde genau abgezählten Preis für das Machwerk. Weil „es manchmal geschieht, dass ich einen schlechten Tag habe”, und es für Viorica Chirița nicht zur Debatte steht, in das Arbeiten als Betriebsangestellte zurückzukehren. „Mal trifft dort ein Kunde zu spät ein oder man ist selbst mit dem noch zu Schneidernden im Hintertreffen und muss Überstunden leisten.” Einfach ist auch die Selbstständigkeit nicht, doch klar vorteilhafter als ihre Alternative auf jeden Fall.

„Made in Italy” steht auf der Skala ihres dunkelroten Mannequins, obschon Viorica das „Bel paese” nie bereist hat. Aber der samtene und stufenlos durch Hebel und Drehkopf verstellbare Torso eines Frauenkörpers gehorcht ihren Profi-Griffen anstandslos ganz ohne Kratzen oder Reibung. Auch ihr Bügeleisen hinterlässt null Spuren auf seiner Tischfläche, wenn sie es nach Einstecken und Gebrauch wieder aufzustellen vergisst. „Ein Bügeleisen für Industrie-Zwecke, bedeutend stärker als die haushaltsüblichen und zweifelsohne sein Geld wert.” Und der Bügeltisch von Viorica Chirița? Beheizbar und den zu behandelnden Stoff ansaugend, was ungewünschten Falten durch Verrutschen vorbeugt. Da haben bestimmt auch italienische Hausfrauen oder ihre selbst bügelnden Partner kein besseres Gerät parat.

Übrigens Ausstattung: eine alte Nähmaschine ohne Abhängigkeit von der Stromzufuhr nutzt Viorica Chirița tatsächlich nur für das Logo „Micul Croitoraș”. Ähnlich hält sie es mit ihren zig Scheren, wovon sie nur die wenigen ganz großen regelmäßig nachschleift. Kleine „Fadenscheren”– wie Zangen mit Federgelenk am hinteren Ende der zwei Griffe – „kaufe ich einfach nach.” Zudem hat sie im Atelier einschließlich Spulen ganz gewöhnlicher Fäden wie jeder andere Mensch bei sich zuhause auch auf Lager, da „Profi-Fäden teuer und schwierig zu finden sind.” Keine Abstriche stattdessen macht Designerin Viorica bei der Wahl ihrer Nähmaschinen. „Ich kenne nur das Arbeiten mit modernen”, deren Fußantrieb simpel „wie das Gaspedal beim Autofahren” getreten werden kann. Kein Schaukeln wie früher mit den Füßen an eisernen Konstrukten von „Pfaff” oder „Singer”, und genau dadurch ein bequem schnelleres Vorankommen garantierend. Ab und zu etwas Öl nachgegegossen, damit die beiden elektrischen Nähmaschinen sich selbst schmieren, und einen Schraubenzieher zur Hand genommen, um die Nähfüße untereinander austauschen zu können. Reine Handarbeit von A bis Z ist häufig nur das Zeichnen und Zuschneiden von Papiervorlagen für die später zusammenzufügenden Stoffteile. Klingt simpel, ist es aber sicher nicht.

Als der nicht einfache Alltag Freischaffender im ohnehin diffizilen Rumänien zur Sprache kommt, räumt Viorica Chirița ein, dass ihr geringere Steuersätze natürlich recht wären, zumal sie das eigene Atelier als Mieterin betreibt. Dagegen ist sie selbst Besitzerin allen Zubehörs, und den Ruf als Schneiderin für Hingucker der Damen-Mode macht ihr niemand mehr streitig.