Wie der Mensch die Erde prägt und schädigt, hat 2024 die Ausstellung „Touch Nature“ (dt. „Berühre die Natur“) mit Werken zeitgenössischer Künstler in Bukarest thematisiert. Initiiert vom österreichischen Kulturforum, wurde die Ausstellung nun in Form eines Buches konserviert – und das will viel mehr sein als nur ein Ausstellungskatalog.
Den roten Einband geöffnet und das Buch herausgeholt, schlägt dem Betrachter ein merkwürdiger Anblick entgegen: Eine Frau, auf allen Vieren gehend, blickt angestrengt in die Ferne und lauert anscheinend einer Gefahr auf. Der Körperform nach ist sie ein Mensch, dem Verhalten nach eher ein Tier. Kaum zu unterscheiden von dem Wolf hinter ihr, der mit zugekniffenen Augen in dieselbe Richtung blickt. Die Frau ist Teil seines Rudels geworden – eins mit der Natur.
So zumindest die Idee der Schöpferin der beiden Kunstharz-Figuren auf dem Foto, der niederösterreichischen Bildhauerin Judith Wagner. Sich der wilden Natur zu öffnen, die ihren eigenen Regeln folgt und schwer zu kontrollieren ist, das hätten wir zivilisierten Menschen längst verlernt – obwohl wir ihr entstammen. Diesen unterdrückten Teil in uns wieder zuzulassen, sich mit ihm auseinanderzusetzen und tiefe Verbindung zur Natur aufzubauen, das brauche Mut, sagt sie. In diesem Fall Mut, sich unter die heulenden Wölfe zu begeben, die weithin doch eher dämonisiert werden. Auge in Auge mit „dem bösen Wolf“.
Eine Europareise
Judith Wagner ist Teil eines Pools österreichischer Kunstschaffender, deren Werke im Rahmen der Ausstellungsserie „Touch Nature“ gezeigt wurden. Unter diesem Namen haben die Österreichischen Kulturforen Europas Schauen in verschiedenen Ländern organisiert. Dazu ließen sie jeweils eine Auswahl mit Werken österreichischer und einheimischer Künstler zusammenstellen. Nach Berlin, Rom, Bukarest, Istanbul und weitere brachten sie die Reihe in den vergangenen Jahren. Der Gedanke: Künstler aus unterschiedlichen Ländern über die ökologische Krise ins Gespräch zu bringen.
Jenen Austausch hat Judith Wagner in Bukarest als besonders lebhaft in Erinnerung. Vor knapp zwei Jahren eröffnete hier die Ausstellung, und diese Vernissage sei „die lebendigste“ der ganzen Serie gewesen, sagt sie. Dabei klingt sie nicht so, als hätte sie sich mit den rumänischen Kollegen besonders viel über Klima- und Umweltschutz ausgetauscht. Aber Kontakte für potenzielle Kollaborationen in der Zukunft seien geknüpft, berichtet Wagner.
Zwei Monate lang war die Ausstellung, verteilt auf zwei Kunstgalerien der privaten Initiative /SAC, in Bukarest zu sehen. „Doch was bleibt davon?“, fragt Kurator Alex Radu und fand darin die Antwort, die Schau in einem Buch zu konservieren. Der Anspruch sei gewesen, keinen Katalog zu gestalten, sondern eine eigene Ausstellung – nur eben auf Papier. Das Ergebnis hat das Team kürzlich in der Bu-karester Buchhandlung C²rture{ti Modul vorgestellt.
Ein Buch könne vieles bieten, was eine physische Ausstellung nicht hat, meint Victor Bartiș, der das Sammelwerk gestaltet hat. Der Betrachter, die Betrachterin lasse es ganz allein auf sich wirken, keine anderen Besucher beeinflussen die Erfahrung. Ein intimerer Kontakt mit den Werken. Außerdem sei ein Buch viel selektiver: Die Reihenfolge ist dem Betrachter vorgegeben. Genauso wie der Blickwinkel und die Entfernung, aus der er die Werke anschaut. Victor Bartiș hat nach seinen Worten etwa 1400 Fotos vorgelegt bekommen, aus denen er etwas mehr als 100 auswählte. Allein das habe zwei Wochen lang gedauert.
Lebensmittelverschwendung, Energiewende, Artenvielfalt
Herausgekommen sind genau genommen drei Bücher. Eines mit begleitenden Informationen, und dazu je ein Bildband pro Ausstellungsteil. Konserviert in Fotos auf weißem Karton hat jedes Ausstellungsstück mehr als genug Abstand zu seinen Nachbarn, um mit seine ganze Wirkmacht zu entfalten. Da ist ein Haufen schimmeliger japanischer Reis, der auf die Lebensmittelverschwendung hinweisen soll. Da sind die auf den Boden gefallenen und abgeknickten Flügel eines Windrads, das unter all seiner Verantwortung für die Energiewende zusammengebrochen ist. Und da sind die überdimensionierten Fotos selbst kreierter Pflanzenarten, die den Formen- und Farbreichtum der Vegetation zeigen.
Die Arbeiten formulierten, so schreibt das österreichische Kulturforum, „ihren Widerstand gegen die Art und Weise, wie natürliche Ressourcen weltweit ausgebeutet werden oder entwerfen hoffnungsvolle Visionen hinsichtlich neuer Dynamiken und Zusammensetzungen zwischen Menschen und Nicht-Menschen“. Und das Ganze mit der gebotenen Dringlichkeit: Für den Einband habe er bewusst die Signalfarbe Rot gewählt, erklärt Buchgestalter Barti{.
Nun, selbstverständlich wolle sie mit ihrer Kunst etwas bei den Betrachtern auslösen, meint Bildhauerin Wagner. Ob das nun ausgerechnet mehr Bewusstsein für Klima- und Umweltschutz sei, könne sie nicht beeinflussen. Ohnehin: Wer sich für Kunst interessiere, habe dafür wahrscheinlich auch vorher schon ein hohes Bewusstsein.






