Eintauchen in die Welt der Tiere und Pflanzen

Dan Dinu hat sich zur Aufgabe gemacht, die Schönheit der Natur zu zeigen – und Kinder für Naturschutz zu begeistern

Dan Dinu (vorne) und Cosmin Dumitrache, Kameramann (Mitte) beim Dreh von „Delta Sălbatică Foto: privat

Kronstadt. Im Kinosaal sitzen Dutzende Zuschauer und blicken gebannt auf das Schauspiel der Wale beim Ausatmen, auf den Tanz bunter Vögel oder auf einen Luchs, der direkt in die Kamera schaut. Es sind faszinierende Bilder, die Geschichten aus einer Welt erzählen, die den meisten Menschen sonst verborgen bleibt. Immer wieder hört man Kinderstimmen, die ihre Eltern zum Gesehenen befragen. Sie staunen laut, reagieren spontan und lassen ihrer Begeisterung freien Lauf.

Jeden Sommer bringt das Lynx-Festival für Naturfilm und Naturfotografie in Kronstadt tausende Naturliebhaber, Film- und Fotografiebegeisterte sowie neugierige Besucher zusammen, um die Natur zu feiern. Gezeigt werden Dokumentarfilme, die anschließend gemeinsam mit Filmemachern und weiteren Fachleuten besprochen werden. Dazu kommen Fotoausstellungen, Workshops und Begegnungen mit Gästen aus aller Welt. Manche der Produktionen kennt man aus dem Fernsehen, wie jene von Sir David Attenborough. Die meisten anderen sind allerdings ausschließlich im Rahmen von Festivals oder Spezialvorführungen zu sehen.

Die vierte Ausgabe beginnt am Kindertag, dem 1. Juni, und dauert eine Woche. Das Programm wurde bewusst so gestaltet, dass auch Kinder – ein zentrales Publikum des Festivals – teilnehmen können. „Dieses Festival fördert die Naturbildung“, sagt Dan Dinu, künstlerischer Leiter des Festivals.

Der Dokumentarfilmer und Fotograf, Initiator des erfolgreichen Projekts „România Sălbatică“ („Wildes Rumänien“) konnte in hunderten rumänischen Schulen beobachten, welche Wirkung Naturfilme auf Kinder und Lehrer haben. Gemeinsam mit Cosmin Dumitrache realisierte er einen Dokumentarfilm über die Schönheit der rumänischen Natur, der im Rahmen einer landesweiten Karawane rund 400.000 Schülern und Lehrern gezeigt wurde. „Die meisten Kinder sind zwei Stunden lang brav in ihren Bänken gesessen und haben auf den Bildschirm geschaut, haben sich für Tiere und Pflanzen, für die Umwelt interessiert”, erzählt Dinu. „Wir hatten früher nicht diese enorme Auswahl an Videos und Informationen, die Kinder heute haben. Doch gerade das führt oft dazu, dass sie nicht wissen, was sie auswählen sollen. Deshalb bieten wir ihnen hochwertige Naturfilme an.“

In Kronstadt werden nun innerhalb von sieben Tagen zehn preisgekrönte Dokumentationen aus Amerika, Indien, Deutschland, Österreich, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Rumänien gezeigt – die meisten davon in rumänischer Premiere. Die Filme führen in die Tiefen der Ozeane, in unberührte Wälder oder in den Lebensraum seltener Tiere wie Leoparden und Otter. Sie zeigen die Schönheit der Natur, aber auch ihre Verletzlichkeit und die Folgen des Klimawandels.

Der Naturbeobachter

Dan Dinu selbst hat die Natur auch bereits als Kind lieben gelernt. Seine Freizeit verbrachte er auf Wiesen und Hügeln und beobachtete alles, was kreuchte und fleuchte. Keine Folge der Fernsehsendung „Teleenciclopedia“ verpasste er, wo wissenschaftliche und naturbezogene Dokumentarfilme gezeigt wurden. In Gedanken bereiste er die ganze Welt, schwamm neben Walen, kroch durch die Savanne neben seltenen Insekten oder flog mit Vogelschwärmen mit. Besonders faszinierte ihn der „Zoologische Atlas“, ein dickes A4-Buch, das im Kommunismus viele Kinder begeisterte.

Auch als Erwachsener beobachtet Dan Dinu weiterhin die Welt. Er lernte fotografieren und filmen, investierte in professionelle Ausrüstung und machte es sich zur Aufgabe, die Schönheit der Natur sichtbar zu machen. Er ist überzeugt davon, dass gut erzählte und eindrucksvoll gefilmte Geschichten Menschen dazu bewegen können, die Natur langfristig zu schützen.

Die Leidenschaft zum Beruf gemacht

Der Mittvierziger ist bei Dreharbeiten oft tagelang an abgelegenen Orten, im Regen, auf einsamen Inseln oder mitten im Lebensraum wilder Tiere. Geduldig wartet er auf jene Momente, die die Natur manchmal erst nach Stunden oder Tagen preisgibt.
Mit Begeisterung erzählt er etwa davon, wie er im Donaudelta das Schlüpfen der Mücken beobachtete und dabei durch sein Teleobjektiv winzige Lebewesen auf der Wasseroberfläche entdeckte – Springschwänze,  Collembola. Aufgrund ihrer millimeterkleinen Größe können sie auf dem Wasser leben und enorme Sprünge machen. „Ich sehe immer auch die Geschichte hinter jedem Tier oder Insekt. Die Collembola wurden dadurch ein perfekter Einstieg für die Sequenz mit den Mücken“, erzählt er.

Besonders gerne erinnert sich Dan Dinu auch an Dreharbeiten in den Karpaten, als das kleine Filmteam plötzlich Zeuge einer Liebesszene zwischen zwei Bären auf einer Wiese voller blühender Karpatenrosen wurde. „Es war ein Geschenk. Es stand nicht im Drehbuch, aber wir konnten es aufnehmen.“

Manche Szenen müssen jedoch fast wie in einem Spielfilm vorbereitet werden – etwa bei Fledermäusen, die sich in freier Natur kaum filmen lassen. Dafür baute das Team ein spezielles Zelt, das wie eine Höhle eingerichtet wurde. „Wir haben praktisch einen Baumstumpf mit einer Höhlung gebaut, dazu ein Wasserbecken für die Wasserfledermäuse, die dort Insekten jagen. Das gesamte Setting musste in einem drei mal drei Meter großen Zelt entstehen – anders wäre es unmöglich gewesen“, erzählt Dinu.

Für Naturbeobachter, die mit der Kamera die Schönheiten und Besonderheiten festhalten, ist diese Arbeitsweise, die manchmal ermüdend, andere Male beschenkend ist, der Arbeitsalltag. Ein Alltag, der ihnen, wie es aussieht, nicht nur große Freude bereitet, sondern auch Genugtuung bringt. Dan Dinu erfüllte durch diesen Beruf einen seiner Kindheitsträume – etwa den, Wale nicht nur im Zoologischen Atlas zu sehen, sondern ihnen tatsächlich ganz nahe zu kommen.

Ein Festival der Begegnungen

Lynx ist aber nicht nur ein Filmfestival, sondern auch ein Ort der Begegnung, wo Naturliebhaber, -Fotografen, -Filmemacher sowie Naturschützer sich austauschen und ihre Erfahrungen und Einsichten mit dem Publikum teilen. „Es ist eine wunderbare Gelegenheit, die Gäste persönlich kennenzulernen. Wir möchten das Festival bewusst eher intim halten, damit diese Nähe zwischen Publikum und Gästen entstehen kann“, sagt Dan Dinu.

Jede Vorführung wird von Gesprächen begleitet, bei denen Zuschauer Fragen stellen und mit Fachleuten aus Naturschutzgebieten oder Nichtregierungsorganisationen diskutieren können. Besonders Kinder nutzen diese Gelegenheit begeistert.
Dan Dinu hofft, dass aus diesen Begegnungen langfristig auch eine Gemeinschaft von Naturfotografen und Naturfilmern in Rumänien entsteht. Bislang gehört er zu den wenigen, die sich professionell auf diese Weise der Naturdokumentation widmen.

Lynx verbindet so eindrucksvolle Naturfilme mit Begegnungen und Gesprächen, die den Blick auf die Welt außerhalb des Kino-saals verändern können.


Lynx, das einzige Festival für Naturfilm und Naturfotografie, beginnt am 1. Juni 

Eröffnet wird das Festival am 1. Juni mit „Blue Whales“ („Blaue Wale“), einem Film über die außergewöhnliche Geschichte der Rettung dieser Spezies.

Nicht zu verpassen ist auch das Treffen mit den Regisseuren Lianne und Will Steenkamp, die ihren Film „Leopard Legacy“ vorstellen, der die Herausforderungen des Leopardenweibchens Olimba und ihre Jungen in Afrika zeigt. 

Ein besonderes Highlight ist die Premiere der rumänischen Produktion „Delta S˛lbatic˛“ von Dan Dinu – die bislang umfangreichste künstlerische Dokumentation über das UNESCO-Welterbe Donaudelta. Der Film zeigt das einzigartige Ökosystem aus einer neuen Perspektive. Im Mittelpunkt steht das Wasser selbst – Erzähler und Zeuge aller Veränderungen –, gesprochen von der Schauspielerin Medeea Marinescu.

Auch „Ocean mit David Attenborough“, der Publikumsliebling der vorigen Ausgabe, kehrt ins Festivalprogramm zurück. Der Film ist eine Hommage an den weltbekannten britischen Naturforscher und Dokumentarfilmer, der mit Produktionen wie „Planet Earth“ (Planet Erde) Generationen von Zuschauern geprägt hat.

Zu den besonderen Gästen zählt außerdem Vincent Munier, einer der renommiertesten Naturfotografen Europas. Nach der Vorführung seines Films „The Velvet Queen“ („Die Samtkönigin“) wird er mit dem Publikum sprechen. Der poetische Dokumentarfilm über die Suche nach dem seltenen Schneeleoparden in Tibet beeindruckt vor allem durch seine außergewöhnlichen Naturbilder und wurde mit fast 1,3 Millionen Kinobesuchern zum meistgesehenen französischen Dokumentarfilm der vergangenen 20 Jahre.

Der Eintritt zu allen Filmen ist kostenfrei. Auch wenn sehr viele Karten bereits reserviert sind, findet man meist noch einige freie Plätze vor der Vorführung. 

Alle Informationen sind unter lynxfestival.ro erhältlich.