„Es ist ein Wechselbad der Gefühle im Schreiben über Rumänien“

Interview mit dem Schriftsteller Alexandru Bulucz

Alexandru Bulucz lebt und schreibt in Berlin. | Foto: Renate von Mangoldt

Alexandru Bulucz wurde 1987 in Karlsburg/Alba Iulia geboren und emigrierte 2000 mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Deutschland. Er ist freischaffender Autor, Herausgeber, Übersetzer und Kritiker und lebt in Berlin.

Seit seinem Debüt 2013 veröffentlicht er regelmäßig Gedichte sowie Artikel und Rezensionen. Für sein Schreiben wurde er mit dem Deutschlandfunk-Preis (2022) beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt und dem Hölty-Preis (2024) der Stadt Hannover geehrt. Für sein bisheriges Werk erhielt der Autor im März dieses Jahres den Eichendorff-Literaturpreis. Mit Alexandru Bulucz sprach ADZ-Redakteurin Laura Căpățână Juller.


Herr Bulucz, herzlichen Glückwunsch zum Eichendorff-Literaturpreis! Er ehrt Ihr bisheriges Werk, Gedichte, die von Rumänien und Ihrer Kindheit hier handeln, sowie von der Auswanderung und deren Auswirkungen auf Sie. Für Sie ist Rumänien, wie Sie selbst sagten, Paradies und Hölle zugleich. Inwiefern?

Das Paradies meiner Kindheit war bei der Urgroßmutter müt-terlicherseits in Criscior, bei der Maica, dieser mythologischen Figur, die ich als alt und zerfurcht vor Augen habe, mit Kopftuch und Rock. Diese Bilder, die in die Gedichte eingegangen sind, sind von dieser Frau, die sehr arbeitsam war und die mehrere Generationen von Kindern großgezogen hat. Sie hat mir den Einblick in die Welt der Natur, der Hühner, der Kühe, in diese Welt der Bäume und des Sensens ermöglicht. Das ist diese Welt, in der ich mich geschützt gefühlt habe.

Und es war das Leben in der Stadt, in Alba Iulia, wo es schwierig war, weil sich die Eltern ständig bekriegten – das war die Hölle. Es war der Trinker, der Vater, der Musiker. Und der geistige Terror im Kind, dass der Vater wieder betrunken nach Hause kommt und wieder Skandal mit der Mutter beginnt und dass er sie umbringt.

Ich war zerrissen zwischen den Eltern und stand mit 13 Jahren vor der Entscheidung, mit meiner Mutter nach Deutschland zu gehen oder zu bleiben. Diese Zäsur im Jahr 2000 hat mein ganzes Leben geprägt. Seitdem lebe ich zwischen den Welten und meine Gedichte handeln davon.

An dieser Stelle möchte ich vermerken, dass mein Vater kein schlechter Mensch war. Er hatte nur diese gewalttätige Seite in sich. Er war ein tragischer Mensch, der einen Zustand erreicht hatte, der für alle schädlich war.

Hat das Schreiben darüber eine therapeutische Wirkung?

Das ist ambivalent. Im Jahr 2022, vor der Lesung beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, hatte ich das Gefühl, dass die Auseinandersetzung mit Rumänien meinen psychischen Zustand nur verschlechtert. Ich hatte im Vorfeld eine große Depression und bin in der Psychiatrie gelandet.

Aber 2024 starb mein Vater. Da habe ich gemerkt, dass es doch etwas gebracht hat, mich intensiv mit meiner Vergangenheit zu beschäftigen. Weil der Abschied von ihm bereits 2000 begonnen hatte und die Trauer sich über Jahrzehnte in mir verteilt hatte. So mindert sich der Schmerz, die Trauer nimmt ab.
Es ist ein Wechselbad der Gefühle im Schreiben über Rumänien.

Sie sprechen von einer „verlorenen Heimat“.

Mein Begriff der Heimat ist der Begriff einer verlorenen Heimat. Mit diesem Mangel will ich etwas Eigenständiges anfangen und das ist diese Literatur.

Sie arbeiten jetzt an ihrem ersten Roman. Handelt er auch von der Zeit in Rumänien?

Der Roman ist eine Kartografierung der 1990er Jahre in Rumänien. Anhand der Szenen, Erinnerungen, Fragmentierungen, die ich vorstelle, will ich der Welt zeigen, wie sie nach dem Kollaps des Kommunismus in Rumänien war.

Mein Vorhaben ist, die Transformation des Landes hin zu einer Demokratie zu zeigen, weg vom sowjetischen Einfluss, weg von der Kollektivierung, hin zu einer Umbenennung und Umstrukturierung der Straßen, beispielsweise, im Rückgriff auf Persönlichkeiten des rumänischen Geisteslebens, die vom Kommunismus unberührt geblieben waren.

Gleichzeitig will ich in Schlussfolgerungen übergehen.

Was bedeutete es, dass wir Kinder mit Karbid gespielt haben, dass wir diese sogenannten „Cornete“ (Anm. d. Red. dünne, lange Rohre, durch die man kleine, spitze Papiertüten durchblasen konnte) hergestellt haben? Wir haben diese gefährlichen Spiele aufgrund einer Mangelwirtschaft selbst gebaut. Man konnte nicht einfach in einen Spielzeugladen gehen und sich das kaufen.

Diese Welt darzustellen, ist mein einziges Interesse.

Können Sie sich vorstellen, über andere Themen zu schreiben?

Rumänien und die Auswanderung sind die Geschichte meines Lebens und ich habe diese Dringlichkeit, die sich aus der Biografie ableitet. Es geht um etwas existenziell Eigenes, um das Leben meiner Familie in Rumänien.

Ich weiß nicht, wie es ist, eine Liebesgeschichte zu entwerfen, die nichts mit mir zu tun hat.

Vielleicht muss ich diesen Roman bewältigen, um zu erfahren, wie es für mich als Schriftsteller weitergehen kann. Kann ich ein klassischer Schriftsteller sein, der sich ein Thema außerhalb von Rumänien aussucht und sich dann eine Geschichte dazu überlegt und schreibt?

Ihre Gedichte sind länger und erzählerischer geworden. Woran liegt das?

Jemand, der sehr hermetisch schreibt, also nicht sehr viele Wörter in einem Gedicht benutzt, überlädt die wenigen Wörter mit sehr viel Bedeutung. Und dem traue ich nicht. Man braucht mehr Sprache, um etwas auszudrücken, um Bedeutung zu generieren, die die Leser nachvollziehen können. Deshalb sind meine Gedichte größer, voluminöser, erzählerischer geworden.

Ist der Roman die normale Folge auf die immer voluminöser werdenden Gedichte?!

Ich bin eigentlich ein Mensch der kürzeren Form. Aber ich merke, dass die Gedichte ins Erzählerische gehen und länger werden, das heißt, es ist in dem Sinne ein natürlicher Schritt.

Gleichzeitig erwartet man nach Klagenfurt mehr oder weniger von mir diesen Roman. Der Verlag freute sich über Prosa viel mehr als über Lyrik, weil Prosa mehr einbringt. Und natürlich ist die Hoffnung, dass man als Schriftsteller finanziell mit einem Roman besser leben kann. Aber es ist nicht so sehr meine Form, ich versuche sie noch zu finden.

Ihre Gedichte sind sehr persönlich. Haben Sie keine Bedenken, dass Sie sich durch Ihr Werk entblößen?

Das ist natürlich eine Frage, weil das bei dieser Art von autofiktionaler Literatur die Gefahr sein kann. Manchmal habe ich Zweifel, vielleicht zu viel gesagt zu haben. Aber es ist diese Selbstdokumentation eines Lebens, das für so viel mehr steht als das Rumänien der 1990er Jahre: die Transformation, das Elend, das aus dem Sozialismus resultierte, die Konsequenzen des Sozialismus.

Wird der Roman auch so persönlich?

Im Schreiben für den Roman ist viel Kühle zu den Ereignissen eingetreten. Ich bin nicht mehr involviert, obwohl ich aus der Ich-Perspektive erzähle, etwa wie ein unbeteiligter Beobachter.

Werner Söllner war Ihr erster Lektor. Was hat Ihnen die Bekanntschaft mit ihm gebracht?

Werner Söllner war für mich eine väterliche Figur. Und ich halte ihn für einen sehr großen deutschen Schriftsteller. Er hat unglaubliche Gedichte geschrieben.
Gleichzeitig hat er selbst eine tragische Biografie gehabt, eine für dieses Rumänien des 20. Jahrhunderts stehende klassische Täter-Opfer-Biografie, die mich interessiert, weil sie so literarisch ist. Das ist ihm in Deutschland irgendwann zum Verhängnis geworden: er war dieser Spitzel in der Klausenbruger Studentenzeit, ein inoffizieller Mitarbeiter, der nach Deutschland ausgewandert ist. Und 2009 wurde die Geschichte publik und das hat ihn gebrochen. Im Kontakt mit ihm und zuletzt in seinem Leben, in der Freundschaft mit ihm, wurde mir aber klar, dass er ein sehr guter und feiner Mensch war.

Es war diese Unmöglichkeit, als Mensch im rumänischen Kommunismus vor die Entscheidung gestellt zu werden, Spitzel zu sein oder die Konsequenzen zu tragen, wenn du es nicht sein möchtest. Ich glaube, man müsste dem deutschen Publikum viel mehr vermitteln, was das bedeutet. Weil wir heute diese Entscheidungen nicht treffen müssen!

Das soll keine Rechtfertigung und keine Relativierungen für seine Entscheidung sein, sich darauf einzulassen, aber man muss sich das anschauen und auch die andere Seite nennen. Er war an der Stelle nicht nur Täter, sondern auch Opfer der Verhältnisse. Es ist ein schwieriges Thema, weil es noch so viele tatsächliche Opfer von Spitzeleien aus Rumänien gibt und du kannst nicht so offen sprechen, weil diese Opfer in der rumänisch-deutschen Gemeinschaft in Deutschland davon traumatisiert sind.

Ich habe ihn als einen herausragenden Charakter erlebt, abgesehen davon, dass er ein hervorragender Lektor und Schriftsteller war, von dem ich viel gelernt habe. Ich wollte ihn wieder in die Öffentlichkeit bringen, aber da kam bereits seine Erkrankung und der Tod.

Was bedeutet Rumänien für Sie heute?

Ich schreibe über das Rumänien meiner Kindheit. Rumänien ist jetzt anders und ich bin ein Fremder für Rumänien. Ich stehe zwischen den Stühlen, aber Deutschland ist mein Zuhause. Doch ohne Rumänien wäre ich kein Schriftsteller – mich interessiert nur die Zeit damals.

Vielen Dank für das Gespräch!


Die Lyrikbänder „Aus sein auf uns: Gedichte“ (2016), „was Petersilie über die Seele weiß“ (2020) und „Stundenholz“ (2024) sowie die weiteren Schriften von Alexandru Bulucz können aus Deutschland bestellt werden - etwa bei den beiden Buchhandlungen in deutscher Sprache: „Erasmus“ in Hermannstadt und „LeseGarten“ in Kronstadt.

Der Roman wird voraussichtlich zur Frankfurter Buchmesse 2028 erscheinen.


Begründung der Jury des Eichendorff-Literaturpreises

„Alexandru Bulucz erhält den Eichendorff-Literaturpreis 2026 für ein Werk, das einen literarischen Ort geschaffen hat, der zwischen den Welten, zwischen Deutschland und Rumänien, zwischen Heimat und Fremde, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen glücklicher Kindheit und ernüchternder Welt der Erwachsenen liegt. Vor allem in Gedichten, aber auch in Prosa, in Editionen, Übersetzungen, Kritiken und Kommentaren richtet der Autor seinen Blick klug und poetisch, stets mit ethischem Anspruch verbunden vor allem auf die Literatur der osteuropäischen Länder, wo Paradiese und Abgründe sich gleichermaßen finden lassen. Insgesamt wächst uns mit den Arbeiten des Autors ein poetisches Werk zu, das sich durch eine formbewusste Sprache und eine spürbare Dringlichkeit auszeichnet. Es zeigt uns, welche Kraft, welche Erkenntnismöglichkeit und Schönheit der Literatur innewohnt.“