In einer Welt, in der Fotografie oft nur noch eine reflexartige Geste mit dem Handy zu sein scheint und Bilder in Sekundenschnelle im endlosen Strom der sozialen Medien verschwinden, gibt es Menschen, die versuchen, der Fotografie ihre ursprüngliche, tiefgreifende Bedeutung zurückzugeben: die der Erinnerung, der Begegnung und des lebendigen Dokuments einer Gemeinschaft. Einer von ihnen ist Flavius Neamciuc (38), ein Fotograf aus Temeswar/Timișoara, der in Berlin lebt und immer wieder mit Projekten zurückkehrt, die die klassischen Grenzen des Bildes sprengen und die Fotografie in einen Raum des Dialogs verwandeln.
Das jüngste und vielleicht persönlichste dieser Projekte ist „The Living Room“ (Deutsch: „Das Wohnzimmer“), ein Pop-up-Studio, das sich nun schon drei Sommer lang in der Bega-Stadt in ein riesiges Wohnzimmer der Kreativität verwandelt. Es ist nicht nur ein Ort, an dem Menschen fotografiert werden. Es ist ein Raum, in dem Menschen einander kennenlernen, zusammensitzen und reden, kreativ sein können, Kunst aus einer anderen Perspektive betrachten und, vielleicht am wichtigsten, sich mit ihrem eigenen Bild wohlfühlen.
Für den gebürtigen Arader Flavius Neamciuc begann die Beziehung zur Fotografie mit Erinnerungen aus Familienalben. Er spricht nicht von Technologie oder Hochleistungskameras, wenn er erklärt, warum er diesen Weg eingeschlagen hat, sondern von den Fotografien seiner Großeltern und Eltern, die er als wahre „Geschichtsbücher“ betrachtete. In alten Bildern entdeckte er Details über Menschen, über ihre Lebensweise, über die Welt, die vor seiner Zeit existierte. Genau diese dokumentarische Kraft der Fotografie ließ ihn verstehen, dass ein Bild zum Zeugnis einer Epoche werden kann. „Wir können manche Dinge genau so visualisieren, wie sie in einem bestimmten Moment geschehen sind“, sagt er. Hier liegt der Ursprung seiner Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Kamera – einem Verhältnis, das seiner Meinung nach viel zerbrechlicher ist, als es scheint.
Flavius Neamciuc hatte in seiner Erfahrung mit kommerziellen Projekten und Werbekampagnen beobachtet, dass Menschen ein Fotostudio angespannt und steif betraten, eingeschüchtert von künstlichem Licht und dem Gedanken, „richtig posieren“ zu müssen. Die Frage, die ihm daraufhin in den Sinn kam, war einfach: Wo fühlen wir uns eigentlich entspannt? Die Antwort: Zuhause, im Wohnzimmer.
So entstand die Idee von „The Living Room“ – ein Raum, der keinem klassischen Studio ähnelt, sondern einem großen, gemütlichen Zuhause, in dem Fotografieren ganz natürlich geschieht, zwischen Gesprächen, Kaffee und Treffen mit Freunden.
Das Projekt startete im November 2023 in den FABER-Hallen in Temeswar und fungiert als temporärer, vielseitiger und immersiver Raum. Hauptmerkmale des Projekts: Auf rund 300 Quadratmeter erstreckt sich das erweiterte Wohnzimmer, das sorgfältig ausgewählte Möbel, ikonische Objekte, Design- und Modemagazine, Musikbereiche, Gesprächsecken, Kunstinstallationen und sogar ein als Designobjekt ausgestelltes Auto umfasst. „Ich liebe es, mein Haus zu dekorieren. Ich fühle mich gern zu Hause wohl. Deshalb haben wir versucht, einen Raum zu schaffen, in dem sich auch andere wohlfühlen“, erklärt der Fotograf.
Hybridkonzept aus Pop-up-Fotostudio und Kulturraum
„The Livingroom“ bietet eine organische und warme Atmosphäre, in der Flavius Neamciuc professionelle Fotoshootings (insbeson-dere für Porträts) durchführt. Des Weiteren ist das Studio auch ein kultureller Treffpunkt und ein Ort der Begegnung: Das Projekt verbindet Fotografie mit anderen urbanen und künstlerischen Erlebnissen. Die Förderung lokaler Handwerkskunst steht für Flavius Neamciuc im Mittelpunkt. Kurz gesagt, das Projekt versteht sich als „Manifest der menschlichen Begegnung und Kreativität“ – ein Ort, an dem Atmosphäre, Licht, Kaffee und charaktervolle Möbelstücke zusammenwirken, um unvergessliche Erinnerungen und Bilder zu schaffen.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Projekt zu einer echten Plattform für die Gemeinschaft. Die Menschen kamen nicht nur zum Fotografieren, sondern auch für Gespräche, Workshops, Filmvorführungen, spontane Treffen oder einfach, um in einem geschützten Raum ihren Kaffee zu trinken.
Die vielleicht wichtigste Veränderung ergab sich aus dem Feedback derer, die den Raum betreten hatten. Nach einer der Ausgaben bemerkte ein Freund, dass die Besucher „nicht genug mit dem Wohnzimmer interagierten“. Diese Beobachtung veränderte die nächste Ausgabe grundlegend. Es entstanden Spielbereiche, Musikecken, Gesprächstische und Zeitschriften, in denen man in Ruhe stöbern konnte. Der Raum wandelte sich immer weniger zu einem Studio und immer mehr zu einem lebendigen Organismus.
Besucher sind somit eingeladen, die Objekte nicht nur anzusehen, sondern sie auch zu benutzen, darauf zu sitzen und sie in ihre persönliche Erfahrung zu integrieren. „Wir wollten nicht einfach nur Werke ausstellen. Wir wollten, dass die Menschen mit den Werken dieser Kreativen interagieren“, sagt Flavius.
Eine der besonderen Kooperationen im „The Living Room“ ist die mit Paula „Dunia“ Aldescu und ihrem Projekt „Poartă riduri“ („Trage Falten“), das die Akzeptanz des Alterns und die natürliche Schönheit von Frauen fördert. In „The Living Room“ fotografiert Flavius bereits seit einigen Jahren die sogenannten „Musen“ des Projekts in einem Umfeld, das den starren Druck konventioneller Fotoshootings aufhebt.
Fotografie ist eine Vertrauensbeziehung
„Es ist mir eine Ehre, dass Menschen mir ihr Bild anvertrauen“, gesteht er. In einer Zeit, die von Filtern, künstlicher Perfektion und unerreichbaren Schönheitsidealen geprägt ist, spricht der Fotograf über das Bedürfnis nach Akzeptanz und die Kraft authentischer Bilder. „Manchmal sind wir nicht perfekt, aber wir sind schön.“
Diese Philosophie durchzieht das gesamte Projekt „The Living Room“: Verletzlichkeit wird nicht versteckt, sondern ist auf natürliche Weise in das künstlerische Erlebnis integriert.
Temeswar und Berlin – zwei Welten, die sich gegenseitig beeinflussen. Flavius Neamciuc, der seit einigen Jahren in Berlin lebt, spricht von der deutschen Hauptstadt als einer Stadt, die seine Sicht auf Kunst und Gemeinschaft grundlegend verändert hat. Berlin, sagt er, zwingt Künstler dazu, sich zu öffnen und ihren Horizont zu erweitern. Es ist ein Raum, in dem vielfältige Ausdrucksformen koexistieren und sich ergänzen und das Publikum nicht vom künstlerischen Akt ausgeschlossen wird. Mit „The Living Room“ versuchte er, diese Offenheit nach Temeswar zu bringen.
Gleichzeitig bleibt Temeswar die Stadt, der er sich tief verbunden fühlt. Er betrachtet sie mit Zuneigung, aber auch mit Klarheit. Er ist überzeugt, dass die Stadt ein enormes, noch nicht voll ausgeschöpftes Potenzial besitzt und sieht in Gemeinschaftsprojekten wie „The Living Room“ eine Möglichkeit, diese kulturelle Entwicklung zu beschleunigen.
Fotografie als Lebensart
Obwohl Flavius rund 20 Jahre Erfahrung hat, spricht er von Fotografie eher als einer Erweiterung seiner Persönlichkeit denn als einem Beruf. Seine Kamera begleitet ihn fast ständig. Nicht etwa, weil er Angst hat, einen spektakulären Moment zu verpassen, sondern weil die Fotografie für ihn zu einer Art geworden ist, die Welt zu beobachten und zu verstehen.
„Meine Fotografie ist meine Realität, gefiltert durch meine Art, sie zu verstehen“, sagt er. Ein Großteil seiner Bilder wird nie veröffentlicht. Es sind Fotografien für ihn selbst – Be-obachtungsübungen, emotionale Momentaufnahmen, Versuche, das einzufangen, was er in einem bestimmten Augenblick fühlt. Seiner Meinung nach liegt der Unterschied zwischen Fotografen nicht in der Ausrüstung oder Technik, sondern in der Authentizität. Sein Rat an junge Fotografen ist überraschend einfach: „Seid einfach ihr selbst.“
„The Living Room“ aktuell
Das Projekt „The Living Room“ beginnt 2026, lokale Grenzen zu überschreiten und kulturelle Brücken zwischen verschiedenen Gemeinschaften zu schlagen. Aktuell findet in Temeswar zwischen dem 6. und 21. Juni eine neue Ausgabe bei FABER statt. Eine weitere Ausgabe soll in diesem Sommer auch in Berlin organisiert werden.
Darüber hinaus könnte „The Living Room“ auch mobil werden, stellt sich der Fotograf Flavius Neamciuc vor. Eine der Ideen, die noch diskutiert werden, ist, das Konzept auf einen öffentlichen Platz in Temeswar zu verlegen – den urbanen Raum für einige Tage in ein für alle offenes Wohnzimmer zu verwandeln.
Vielleicht liegt genau darin der Schlüssel zum gesamten Projekt: im Wunsch, Kunst zugänglich, menschlich und vertraut zu machen. Kein exklusiver Raum, kein einschüchterndes Studio, keine kalte Galerie, sondern ein Wohnzimmer, in dem Menschen sich begegnen, diskutieren, kreativ sind und einander wiedererkennen. Und für Flavius Neamciuc scheint dies die ideale Definition von Fotografie zu sein: nicht nur ein Bild, sondern eine Gemeinschaft.







