„Hört das Herz, beginnt es zu brennen“

Dies Academicus 2026 am Theologischen Institut Hermannstadt

Bischof Reinhart Guib: „Durch das ZETO ist ein sichtbarer Mehrwert entstanden, der uns verbindet.“

Dr. Patrick Todjeras (Österreich): „Die Menschen haben nicht einmal mehr die Frage, die der Glaube beantworten soll.“

Christoph Sigrist (Schweiz): „Kirchen waren, sind und bleiben Emmaus-Orte.“

Die Frage nach dem Verhältnis von Tradition, Transformation und Innovation gehört zu den zentralen Herausforderungen, vor denen Kirchen in Europa heute stehen. Während traditionelle Formen kirchlichen Lebens vielerorts an Bindekraft verlieren, entstehen gleichzeitig neue Ausdrucksformen, die auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen reagieren. Die Spannung zwischen Bewahrung und Erneuerung, zwischen historischer Identität und gegenwärtiger Relevanz prägt das zeitgenössische Kirchendasein, welches sich in einem Umfeld bewegen muss, in dem religiöse Selbstverständlichkeiten brüchig geworden sind. 

Vor diesem Hintergrund fand am letzten Freitag des Monats März im Theologischen Institut der Lucian-Blaga-Universität in Hermannstadt/Sibiu der diesjährige Dies Academicus statt. Die Tagung wurde vom Zentrum für Evangelische Theologie Ost (ZETO) und dem Theologischen Institut, sowie mit finanzieller Unterstützung seitens des Bundeslands Kärnten, organisiert und stand unter dem Titel „Brannte nicht unser Herz in uns? (Lk 24,32) – Kirche in der Diaspora zwischen Tradition und Innovation“. Das Programm umfasste Vorträge internationaler Referenten, eine Podiumsdiskussion sowie einen abschließenden Festgottesdienst. 

Sieben Jahre Zentrum für Evangelische Theologie Ost

Bereits am Vortag hatte im Bischofspalais ein Runder Tisch zwischen ZETO und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) stattgefunden, erstmals in physischer Präsenz der meisten Beteiligten. Dabei wurde die bisherige Wirkung des ZETO analysiert und Zukunftsperspektiven eruiert. Abgeschlossen wurde der Runde Tisch im feierlichem Rahmen im Festsaal des Bischofspalais am Großen Ring. Pfr. Gerhard Servatius-Depner (Vorsitzender des ZETO) eröffnete die Feier mit einem Dank an alle Partner und Unterstützer: „Wir freuen uns sehr, dass Sie diese Tage mit uns feiern. Es sollen Tage des Dankes sein.“ Er beschrieb die Arbeit des ZETO als gemeinsames Projekt vieler Beteiligter, das trotz begrenzter Ressourcen gewachsen sei: „ZETO ist eine Vision gewesen, viele Visionen entstehen, manche gelingen, manche weniger. Wir sind dankbar im Rückblick und vertrauen weiter, dass ihr alle mit eurem Beitrag ZETO am Leben erhalten werdet.“ Mit humorvollen Bildern – etwa der Dorffeuerwehr, die ein Feuer löscht, weil ihre Bremsen versagen – illustrierte er die Dynamik einer kleinen Kirche, die aus der Not heraus handlungsfähig bleibt und vieles erreicht. Bischof Reinhart Guib ordnete die sieben Jahre ZETO in die größere Entwicklung der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien ein. Die Kirche, so Guib, befinde sich „auf dem Wege aus der Tradition, über die Transformation in die Innovation“. Sie sei längst nicht mehr nur Kirche der Siebenbürger Sachsen, sondern eine Kirche, die „eine Brückenfunktion wahrnimmt“ und sich ökumenisch wie gesellschaftlich geöffnet habe. Guib verwies auf die sichtbaren Veränderungen kirchlicher Räume und Strukturen: Die Kirche wolle „eine einladende Kirche“ sein, die ihre Tradition ernst nehme, aber zugleich neue Wege gehe.

Einen besonderen Akzent setzte an diesem Abend auch Dr. Mario Fischer, scheidender Generalsekretär der GEKE. In seiner Ansprache erinnerte er an die GEKE-Vollversammlung, die 2025 in Hermannstadt stattgefunden hat, und an die Rolle der evangelischen Kirche als Gastgeberin: „Herzlichen Dank für all das, was die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien uns ermöglicht hat.“ Fischer verband persönliche Beobachtungen mit einer theologischen Perspektive auf die Diaspora: „Nicht mehr auf die Minderheit, die kleinen Zahlen zu schauen, sondern da-rauf, wie wir Samen im Ackerfeld Gottes sind.“ Er betonte die Bedeutung einer Kirche, die einladend ist – nicht nur programmatisch, sondern im gelebten Umgang miteinander: „Gehen wir raus an die Ecken und Säulen, oder sind wir überhaupt, wenn wir da sind, wenigstens einladend?“ Seine abschließenden Worte – „ZETO, es lebe lang, es lebe hoch“ – verbanden Dankbarkeit mit einem ermutigenden Ausblick.

Herausforderungen zwischen Tradition und Innovation

Der Dies Academicus selbst wurde am Freitagmorgen durch Vertreter der Universität und Pfr. Servatius-Depner eröffnet. Ein geistlicher Impuls von Pfarrerin. Bettina Kenst leitete in das Tagungsthema ein. Den ersten Vortrag hielt Dr. Christoph Sigrist (Schweiz) unter dem Titel „Von brennenden und hörenden Herzen. Diakonie in der Diaspora Schweiz zwischen Tradition und Innovation“. Sigrist nahm seinen Ausgangspunkt bei der Brandkatastrophe von Crans-Montana, bei der 41 junge Menschen ums Leben kamen. Er beschrieb, wie Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion gemeinsam trauerten und halfen: „Sie waren Teil des Kollektivs von Patienten und Patientinnen, denen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.“ Aus dieser Erfahrung entwickelte er eine theologische Reflexion über das „hörende Herz“, das er mit Hartmut Rosas Resonanztheorie verband. Diakonische Praxis bedeute, Räume zu schaffen, „wo Menschen anhalten können, stoppen können“, und zugleich Orte, an denen sie „lauschen können auf Stimmen und Klänge, die etwas anderes sagen, als wir erwarten“, denn „Kirchen waren, sind und bleiben Emmaus-Orte voller Verwunderung darüber, was und wie erschlossen wird“.  Sigrist zeigte, wie Kirchenräume als Gasträume, Schutzräume und Zwischenräume wirken können, und illustrierte dies mit Beispielen aus der Zürcher Citykirchenarbeit. Seine zentrale These lautete, dass Kirchen in der Diaspora nicht primär durch Programme wirken, sondern durch Resonanzräume, in denen Menschen „aufhören“ – im doppelten Sinn: innehalten und hinhören.

Der Vortrag von Dr. Patrick Todjeras (Österreich) trug den Titel „Vital trotz widriger Umstände“. Todjeras analysierte die kirchliche Lage im deutschsprachigen Raum und sprach von einem tiefgreifenden Wandel, der durch Säkularisierung und „Apatheismus“ geprägt sei. Er betonte die strukturellen Herausforderungen: „Wir haben es nicht nur mit Abbrüchen an den Rändern zu tun. Wir haben es auch mit einer nachlassenden Bindung und zunehmenden Säkularität bei den Menschen zu tun, die noch da sind.“ Er verwies auf die Ergebnisse einer aktuellen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung und stellte fest: „Die Menschen haben nicht einmal mehr die Frage, die der Glaube beantworten soll.“ Gleichzeitig zeigte er Beispiele neuer Vitalität auf, etwa steigende Gottesdienstbesuche junger Erwachsener in England oder hohe Zahlen von Erwachsenentaufen in Frankreich. Seine theologische Schlussfolgerung lautete: „Wir sollten Abschied nehmen von der Idee eines Zurück in die alten stabil-volkskirchlichen Verhältnisse.“ Die Zukunft der Kirche liege in einer bewussten Annahme der Diasporasituation, verstanden als „Einstreuung“ in die Gesellschaft.

Im dritten Vortrag stellte Dr. Johannes Klein (Rumänien) unter dem Titel „Verwurzelt und offen – Die Kinderuni Bekokten als kirchlicher Erfahrungsraum“ ein Bildungsprojekt vor, das in der Kirchenburg von Bekokten angesiedelt ist. Klein argumentierte, dass die Kinderuni ein Beispiel impliziter Kirchlichkeit darstelle: „Kirche erscheint hier nicht als Autorität, sondern als Gastgeberin.“ Die Kinderuni ermögliche Erfahrungen von Verantwortung, Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit, ohne religiöse Unterweisung in den Mittelpunkt zu stellen. Klein verortete das Projekt in einer diakonischen Raumtheologie und in reformatorischen Bildungstraditionen und zeigte, wie kirchliche Räume als offene Lebensräume wirken können. Er verband dies mit biblischen und kirchengeschichtlichen Motiven und betonte, dass Kirche dort lebendig bleibe, „wo sie ihre eigenen Traditionen nicht bewahrt, sondern weiterführt“.

Der vierte Vortrag von Dr. Anton Tikhomirov (Russland) widmete sich dem Traditionsbegriff in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Russlands. Tradition sei ein „verwirrter und verwirrender Begriff“, der Orientierung geben könne, aber auch zu Verengungen führe. Innovation müsse als Weiterführung und nicht als Bruch verstanden werden. Tikhomirov zeigte anhand historischer Beispiele, wie Tradition in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Funktionen erfülle, und plädierte für eine reflektierte, nicht defensive Haltung gegenüber Veränderungen.

Ein weiterer Kurzvortrag von Dr. Mirjam Sauer (Deutschland, online) thematisierte liturgische Kompetenz in der bayerischen Vikariatsausbildung und das Verhältnis von Tradition und Innovation im liturgischen Lernen. Sauer zeigte, wie liturgische Bildung heute sowohl die Kenntnis traditioneller Formen als auch die Fähigkeit zur situativen Gestaltung erfordert.

Die anschließende Podiumsdiskussion unter der Moderation von Dr. Thomas Pitters brachte Vertreterinnen und Vertreter aus Rumänien, Russland und der GEKE zusammen und vertiefte die Frage nach der Zukunft kirchlicher Präsenz in pluralen Gesellschaften.

Der Tag schloss mit einem Festgottesdienst um 18 Uhr. Bischof Reinhart Guib sprach das Grußwort, die Predigt hielt die neugewählte Generalsekretärin der GEKE Dr. Susanne Schenk, wobei die liturgische Ausgestaltung von den Studierenden des Theologischen Instituts übernommen wurde. 

Der Dies Academicus 2026 zeigte in seiner thematischen Breite und in den unterschiedlichen Perspektiven der Referenten, dass die Frage nach dem Verhältnis von Tradition und Innovation für Kirchen im Allgemeinen von zentraler Bedeutung bleibt. Die Beiträge machten deutlich, dass kirchliche Vitalität weniger aus struktureller Stabilität als aus der Fähigkeit entsteht, Räume zu eröffnen, Resonanz zu ermöglichen und in einer sich wandelnden Gesellschaft präsent zu bleiben. Sigrist formulierte dies in einem Satz, der den Tag prägte: „Hört das Herz, beginnt es zu brennen.“