„Ich bin einer der letzten großen Zeitungsleser“, gesteht Siebo Janssen – und meint damit auch die ADZ. Diese liest der langjährige Politikberater, Uni-Lehrbeauftragte und Demokratiereferent, geboren in Köln, derzeit in Bonn und Esens (Ostfriesland) lebend, neben der Süddeutschen, der FAZ, der NZZ und der New York Times regelmäßig. Und als er dieses Frühjahr erstmals in Rumänien war – auf der 29. Internationalen Tagung der Kronstädter Germanistik –, kam ihm die Idee, gelegentlich für die ADZ zu schreiben. Denn Janssen interessiert sich neben seinen Hauptschwerpunkten Demokratieentwicklung in Europa und Aufklärung über die Gefahren für die Demokratie auch für Minderheitenthemen. Nicht zuletzt, weil sein Vater der ostfriesischen Minderheit entstammte. Welche Tendenzen er derzeit besorgt beobachtet, erklärt er im Telefongespräch mit ADZ-Chefredakteurin Nina May.
Herr Janssen, wie kam es dazu, dass Sie zu einer Germanistiktagung nach Kronstadt eingeladen wurden?
2003 hatten wir an der Uni Bochum am Nachrichteninstitut für Deutschlandforschung ein Studienprogramm mit Austausch von Doktoranden aus Osteuropa und zehn Jahre später ein Nachfolgeprojekt, in dem ich im wissenschaftlichen Beirat war. Die damalige Stipendiatin Delia Cotârlea, die damals noch ganz jung war, ist heute Professorin – und so hat sie mich gefragt, ob ich Interesse an der Konferenz hätte. Da ging es auch um Minderheitenpolitik in europäischen Kontext und wir hatten eine sehr schöne Diskussion mit Thomas [indilariu (Unterstaatssekretär im Departement für interethnische Beziehungen an der Regierung Rumäniens, DRI), die hat Spaß gemacht, weil der das auch sehr witzig gemacht hat – und sehr engagiert.
Es war Ihr erster Rumänienbesuch – welchen Eindruck hatten Sie insgesamt?
Ich will auf jeden Fall wiederkommen nach Kronstadt! Aber auch von Bukarest, wo ich noch zwei Tage verbracht habe, war ich ganz angetan.
Sie haben mir zur Einstimmung auf unser Gespräch einen beeindruckenden Lebenslauf zugesandt: Uni-Lehrbeauftragter, Politberater, Mitglied in Think Tanks... Was ist Ihr beruflicher Hauptschwerpunkt?
Da gibt es drei: Ich habe eine akademische Karriere begonnen, war als Lehrbeauftragter an verschiedenen Unis, meist mit vier bis sechs Jahresverträgen, das ist die erste Tätigkeit. Zweitens mache ich Politikberatung, schwerpunktmäßig für die Konrad Adenauer Stiftung, die Friedrich Ebert Stiftung und die Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit, bin aber auch für den Kreis Aurich tätig als Demokratiereferent. Da mache ich Seminare für Verwaltungsangestellte, Kommunalpolizei usw. über Demokratie in Europa. Der dritte Bereich ist dann die klassische politische Erwachsenenbildung, da fragt mich eine Stiftung, ein Verein oder eine Schule an und will einen Vortrag zu Europa, Demokratieentwicklung oder Rechtspopulismus. Was sind die Gefahren? Wie entwickelt sich der Rechtspopulismus in Europa? Ist das ein nationales oder ein globales Phänomen?
Wie sehen Sie das Phänomen Rechtspopulismus?
Ich bin gerade in Nordfriesland, das war immer eine Hochburg der Sozialdemokraten, so 50 bis 60 Prozent haben SPD gewählt, aber mittlerweile sind rund 25 Prozent AfD-Wähler. Das sind die gleichen Leute, die früher SPD gewählt haben.
Das haben wir übrigens auch in Kronstadt thematisiert, dass die Rechtspopulisten in Rumänien bei über 30 Prozent liegen... Wenn ich in den Niederlanden oder in Frankreich bin, lese ich dort über gewalttätige Proteste gegen Asylsucher. Es ist erschreckend, aber das ist die Tendenz, die man überall in Europa sieht. Und die der EU noch sehr zu schaffen machen wird!
In Deutschland müssen die Flüchtlinge eigentlich mehr Angst haben vor den Deutschen als umgekehrt, obwohl es einige unschöne Attentate gab. Sie müssten mal die Bundestags- oder Landtagsreden von den AfD-Abgeordneten hören, die versuchen nicht, zu deeskalieren, sondern zu radikalisieren. Das führt immer wieder dazu, dass gegen Asylbewerber demonstriert wird, dass Scheiben von Asylbewerberheimen eingeschmissen werden und andersdenkende Kommunalpolitiker sich nicht mehr trauen, zu kandidieren, weil sie Angst haben.
Die großen Anschlagswellen begannen in Deutschland Anfang der 1990er Jahre und gingen über zehn Jahre. Viele bei uns sagen, die NSU (Anm: Nationalsozialistischer Untergrund, eine neonazistische terroristische Vereinigung, die um 1999 zur Ermordung von Menschen mit Migrationshintergrund gebildet wurde) ist nicht richtig aufgeklärt worden und man hätte nur die ausführenden Täter gekriegt, nicht aber die, die das alles geplant haben. Da gibt es nach wie vor viele Ungereimtheiten, bis heute. Ich hab mir jetzt die Protokolle des NSU-Untersuchungsausschusses von der Bundeszentrale für politische Bildung bestellt...
Wie kam es dazu aus Ihrer Sicht – und wie wird das weitergehen?
Ich denke, dass es tatsächlich stärker wird. Das hat verschiedene Ursachen. Eine ist sicherlich, dass die Menschen die positive Idee von Zukunft verloren haben. Sie glauben, dass die ökonomische, soziale und politische Entwicklung in den nächsten Jahren negativ fortschreiten wird. Da gibt es drei Sorten Wähler: Erstens, die Trotzwähler, die sagen, ich will jetzt mal ein Zeichen des Protestes setzen, damit sie sehen, dass sie nicht alles mit uns machen können. Die zweite Gruppe sind die, die wirklich am System zweifeln, aber noch nicht außerhalb stehen. Die im Prinzip aus Enttäuschung – arbeitslos geworden oder andere schlechte Erfahrung – sich zurückgesetzt fühlen und ab da mit dem System gebrochen haben. Die dritte ist die immer größer werdende Gruppe der Überzeugungstäter, die die Ideologie glauben. Die erste Gruppe zurückzuholen ist die Aufgabe der demokratischen Politik. Bei der zweiten ist das schwieriger und bei der dritten unmöglich.
Wie kam es zu der Entwicklung dieser dritten Gruppe, wo doch das Bildungssystem in Deutschland stark auf die Aufarbeitung der Geschichte setzt?
Ja, ich weiß das auch noch aus meiner Schulzeit, ich habe vor ca. 35 Jahren Abi gemacht, wir hatten intensiv den Nazismus behandelt, das ist richtig – und wichtig. Aber ich hatte auch Eltern, die das noch selber erlebt haben und erzählt haben. Heute lernen die jungen Leute in der Schule, dass sechs Millionen Juden umgebracht wurden, aber das ist eine Zahl. Den Schrecken dahinter können sie sich nicht mehr vorstellen. Hinzu kommt, dass die Zeitzeugen aussterben. Einer der letzten, Albrecht Weinberg, ist jetzt leider auch mit 101 Jahren gestorben. Letztes Jahr ist Margot Friedländer gestorben, auch 101 Jahre.
Aber es gibt gute Jugendbücher oder bewegende Filme, die man im Unterricht verwenden kann, die sich an jedes Intelligenzniveau richten und Empathie vermitteln.
Ja, aber die Lehrer sagen, es ist immer etwas anderes, wenn Schüler Zeitzeugen gegenüberstehen und auch Fragen stellen können. Lebendigkeit ist ein starkes Moment, um Menschen mitzunehmen.
Und wenn in bestimmten Milieus eher bildungsferne Schichten auf die Hauptschule gehen, dann bekommen die dort nur ein Minimum an historischer Bildung. Ich kenne Lehrer, die sagen, ich mache keinen Unterricht mehr, sondern „social Engineering“, ich versuche, den Laden zusammenzuhalten. Und oft haben die Eltern auch kein Interesse. Das führt dann dazu, dass das mal gehört, aber nicht verinnerlicht wurde.
Ich habe gerade eine Rundfrage an alle Schulformen vor den Kommunalwahlen in Niedersachsen gerichtet und gefragt, ob sie Interesse an Demokratieaufklärung haben. Von 20 Schulen haben nur drei überhaupt geantwortet, zwei überlegen für das nächste Schuljahr, dann sind die Wahlen aber vorbei...
Das hat aber auch damit zu tun, dass die Lehrkräfte einen strengen Zeitplan haben. Sie sagen dann, „Ihr Workshop ist nicht prüfungsrelevant“. Gerade an Gymnasien ist das ein Problem, weil da Zentral-abitur stattfindet, da hat man für jedes vorgegebene Thema eine bestimmte Anzahl von Stunden und wenn was fehlt, müssen das die Lehrer in der Freizeit machen oder die Schüler selbst nacharbeiten.
Inwiefern halten Sie Zeitung für ein geeignetes Medium, aufzuklären?
Ich bin einer der letzten großen Zeitungsleser, ich habe tatsächlich noch fünf Zeitungen abonniert: die FAZ, die Süddeutsche, die NZZ, die New York Times und die ADZ. Und Le Monde kauf ich mir lose. Aber in meinem Freundeskreis bin ich der einzige, der regelmäßig Tageszeitung liest. Und meine Studenten sagen, wir kriegen das doch alles per Internet, wir gucken bei Google oder geben Begriffe in die KI ein. Ich halte Zeitung und die öffentlich rechtlichen Medien für die großen und wichtigen Informationsquellen, weil da Glaubwürdigkeit ist. Aber die Realität ist leider eine andere. In Deutschland kriege ich außer der Le Monde keine gedruckte ausländische Presse mehr. In Spanien, Italien und den Niederlanden gar keine. Traurig, wie das in der EU mit dem Zeitungssterben ist. Da werden wir ähnliche Erfahrungen machen wie in den USA, da gibt’s keine Zeitungen mehr.
Wie sehen Sie die Rolle der sozialen Medien als Demokratiegefahr?
Die sozialen Medien an sich sind erst einmal neutral, aber die Leute, die dahinterstecken, vertreten bestimmte Ziele. Und wenn ich sehe, was Elon Musk oder Mark Zuckerberg oder Peter Thiel machen, dann sehe ich, dass die Interesse haben, die Demokratie abzubauen und damit werden die, ich nenn sie mal asozialen Medien, gefährlich für die Zukunft der Demokratie.
Es müsste eigentlich darum gehen, ein positives Gegenmodell zu entwickeln, was ja versucht wird, es gibt z.B. Mastodon, aber insgesamt ist das alles viel zu schwach und die klassische politische Positionierung über soziale Medien wird im Moment ausgenutzt von Leuten, die die Demokratie zerstören wollen.
Auch die AfD ist da massiv drin: bei Instagram oder TikTok kriegen die Jugendlichen Videos der AfD, die sich super jugendaffin darstellen kann, weil sie eine eigene Marketingabteilung hat. Da haben SPD, CDU, FDP oder Grüne ein Riesenproblem... Die AfD hat ihre mediale Strategie über zehn Jahre systematisch vorbereitet und ist darin sehr erfolgreich. Die Demokraten können es nicht so gut, weil sie sich nie damit beschäftigt haben.
Sehen Sie auch eine Kooperation zwischen den antidemokratischen Kräften?
Es gibt eine Zusammenarbeit der rechtspopulären radikalen Parteien in der EU. Es gibt auch gegenseitige Wahlkampfunterstützung. Es gibt mittlerweile eine breite Vernetzung auf nationaler wie EU-Ebene, das ist erschreckend. Und es geht sogar noch weiter: Wenn man Trump und die US-Administration anschaut – Stephen Miller, der strategische Berater von Trump, oder J.D. Vance – die haben Netzwerkverbindungen in rechtsextreme Parteien und Think Tanks in der EU. Das ist fast schon eine globale Initiative. Trump und Putin unterstützen Parteien in der EU, die die EU von innen heraus zerstören sollen.
Und dabei verkaufen sie sich als die wahren Demokraten. Aber ihr Demokratiebegriff ist der einer Diktatur der Mehrheit, wo Minderheiten oder Leute mit anderen Ideen nichts mehr zu sagen haben. Insgesamt sehe ich die Minderheiten wegen Rechtsruck und Populismus stärker unter Druck geraten. Es gibt eine Tendenz, dass man die Minderheiten nicht mehr als konstituierenden Bestand eines Staates sehen will. Man will sie eingemeinden, homogenisieren.
Apropos Minderheiten: Wie sind Sie auf die ADZ gestoßen?
Ich habe mich durch mein Interesse an der ostfriesischen Kultur intensiv mit Minderheiten in der EU und dem politischen System der Benelux-Staaten beschäftigt. So bin ich irgendwann auch über die deutsche Minderheit in Rumänien gestolpert und wollte mehr darüber wissen, konnte aber kein Rumänisch.
Lesen Sie demnächst von Siebo Janssen die Rezension des Buches „Wer verteidigt Europa“ von Jana Puglierin.





