Katia Pascariu über Träume, Schauspielern und Politik

Die Film- und Theaterschauspielerin im ADZ-Gespräch

Katia Pascariu in einem Stück des jüdischen Staatstheaters | Foto: Cristian Munteanu

Katia Pascariu beim ADZ-Gespräch im Café direkt vor dem Goethe-Institut | Foto: Valentin Brendler

Ein Still aus dem Film: „Bad Luck Banging or Loony Porn“ von Radu Jude aus dem Jahr 2021 (Originaltitel: Babardeală cu bucluc sau porno balamuc) der die Schauspielerin zeigt. Die europäische Koproduktion wurde in den Wettbewerb der 71. Internationalen Filmfestspiele Berlin eingeladen, wo sie den Hauptpreis, den Goldenen Bären, gewann. Der Film wirft einen politischen Blick auf Rumänien, wofür stellvertretend eine Racheporno-Geschichte im Vordergrund steht.

Momentan kann man Katia Pascariu – bekannt unter anderem aus Radu Judes Film „Bad Luck Banging or Loony Porn“ – wieder auf der großen Leinwand sehen. Sie spielt die Hauptrolle im Film „Sorella di Clausura“ (die ADZ berichtete). Filme sind jedoch nur ein kleiner Teil der vielseitigen Schauspielerin: Sie ist Teil des jüdischen Staatstheaters in Bukarest, spielt in einigen freien Theatern in der Stadt (unter anderem bei „Teatrul Replika“) und organisiert diese mit, gibt Kurse und setzt sich grundsätzlich für politisches Theater ein. Dazu ist sie selbst meinungsstark, äußert sich regelmäßig zu politischen Diskursen und macht auf Missstände (zum Beispiel in ihrer ehemaligen Kunstuniversität) aufmerksam. Pascariu ist eine beeindruckende Persönlichkeit und Künstlerin, findet ADZ-Journalist Valentin Brendler, mit dem sie über all diese Themen gesprochen hat. 

Frau Pascariu, wollten Sie schon immer Schauspielerin werden?

Ja! Schon als kleines Kind wollte ich Schauspielerin werden. Ich wurde in Bukarest geboren und hatte Glück, dass meine Eltern mich ins Theater mitgenommen haben. Ich wollte damals eher eine klassische Theaterschauspielerin werden – was ich nicht unbedingt geworden bin.

Als ich etwas später jedoch eine Jugendliche war, hat das die Leute immer überrascht. Denn ich war eher schüchtern, zurückgezogener und nicht gern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wie die üblichen Theatermenschen. Wenn ich gesagt habe: „Ich möchte Schauspielerin werden“, hat das die Leute also ziemlich erstaunt. 

Trotzdem war das mein Traum. Als ich nach der Schule Schauspiel an der Universität studieren wollte, hatte ich eine Schauspielerin, die mich auf die Prüfung vorbereitet hat. Da sagte sie zu mir: „Weißt du, beim Schauspielern geht es nicht darum, im Rampenlicht zu stehen. Das ist nur ein sehr kleiner Teil des Berufs.“ Sie meinte: „Die eigentliche Arbeit besteht aus Proben, Lernen, dem Versuch, die Charaktere zu finden und viel zu warten.“ Und sie sagte mir: „Wenn du das nicht willst und dir nur den Applaus vorstellst und das Rampenlicht, dann ist es vielleicht besser, es bleiben zu lassen.“ Und ich dachte mir daraufhin etwas verdutzt: „Oh Gott, vielleicht habe ich ja ein völlig falsches Bild davon!“ Aber glücklicherweise entdeckte ich, dass ich tatsächlich die Proben mehr als alles andere liebe. Das ist genau der Teil der Arbeit, der mir gefällt. Das erinnert mich an meine Kindheit, an das Spielen mit anderen Kindern.

Würden Sie sagen, dass Ihr Traum wahr geworden ist?

Ja, definitiv! Ich hatte mich auf keinen anderen Beruf vorbereitet, was vielleicht ein bisschen dumm von mir war. Ich hatte dieses verborgene, aber starke Gefühl, dass ich das schaffen kann. Andererseits gibt es so viele sehr talentierte Menschen, die meinen Job – oder auch andere künstlerische Berufe – zweifellos ausüben könnten, denen aber die entsprechenden Kontakte fehlen; die nicht das nötige Glück haben, jene Momente oder Räume zu finden, in denen sie ihre Kunst verwirklichen können. Die Tatsache, dass ich reisen darf, dass ich hin und wieder eine Plattform erhalte – so wie auch in diesem Fall hier – auf der ich meine Meinung zu verschiedenen Dingen äußern kann, und dass ich mich heute als Schauspielerin selbst ernähren und meinen Lebensunterhalt bestreiten kann, das erscheint mir eigentlich ziemlich unglaublich.

Wie ist Ihre Karriere dann ins Rollen gekommen?

Nach dem Studium begannen einige Kommilitonen und ich Schritt für Schritt unsere eigenen Kollektive zu gründen: für pädagogisches und für politisches Theater. Wir mussten noch viel lernen! Wir begannen mit dem Aufbau unserer eigenen Projekte und damit, herauszufinden, was wir tun und wie wir es tun wollten. Es gab viele Momente, in denen ich dachte: „Ich werde meinen Lebensunterhalt damit nicht bestreiten können – oder selbst wenn es für ein paar Monate reicht: Wie soll es danach weitergehen? Wie bezahle ich meine Miete?“

Es ist ja in Ordnung, so zu leben, wenn man Anfang zwanzig ist, aber wenn man Anfang dreißig ist – oder schon über vierzig ist –, ist es dann immer noch in Ordnung, so zu leben, dass man nicht weiß, was in sechs Monaten oder einem Jahr sein wird? Solche Fragen habe ich mir damals gestellt. Wir haben festgestellt, dass wir zwar gegen das System ankämpfen, gegen das kapitalistische System, das Menschen ausbeutet; doch immer wieder fanden wir uns in Situationen wieder, in denen wir uns selbst ausbeuteten. Weil man einfach viele Projekte gleichzeitig stemmen muss, um davon überhaupt leben zu können. Oft müssen wir uns bei unseren eigenen Projekten unterbezahlen, nur um dadurch neue Produktionen ermöglichen zu können – damit wir etwas länger überleben können, oder um vielleicht einen Raum zu finanzieren. 

Von Zeit zu Zeit muss man sich neu entscheiden – sich noch einmal bewusst machen: „Okay, das sind meine Werte.“ Man muss für sich festlegen: Diesen Kompromiss kann ich eingehen, jenen Kompromiss möchte ich nicht eingehen. 

Nun, ich habe Kollegen, die kein Problem damit haben, beim Fernsehen zu arbeiten – auch in Produktionen, die vielleicht nicht ganz so hochwertig sind, oder Werbespots zu drehen. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, wenn ich an einer Produktion arbeite, die mir inhaltlich nicht zusagt, wäre das ein Kompromiss, den ich nicht eingehen möchte. Und so habe ich für mich entdeckt, dass ich lieber andere Dinge tue – etwa als Trainer/Lehrer zu arbeiten oder sogar Aufgaben im Bereich Projektmanagement zu übernehmen. Man stellt also fest, dass man durchaus Tätigkeiten ausüben kann, die mit dem eigentlichen Beruf in Verbindung stehen. 

Zudem muss man sich an das jeweilige System anpassen, in dem man arbeitet. Denn die Gegebenheiten sind sehr unterschiedlich. Unser System hier in Rumänien – speziell in Bukarest – unterscheidet sich beispielsweise stark von dem in einer rumänischen Kleinstadt. Und natürlich unterscheidet es sich auch grundlegend von den Verhältnissen in anderen Teilen Europas – und ist wiederum völlig anders als das, was etwa in den USA geschieht. 

Wie ist denn Ihrer Einschätzung nach das System in Rumänien, Bukarest?

Wir befinden uns derzeit an einem Punkt – oder vielmehr in einem Zustand – der gewissermaßen zwischen den Systemen steht. Und jedes dieser Systeme birgt sowohl Vor- als auch Nachteile. Da ist zum einen das alte, kommunistische Modell, bei dem jeder fest an einem Staatstheater oder einer anderen kulturellen Institution angestellt war und zum anderen das neue System, das auf freiberuflicher Arbeit und Projektbasis beruht. 

Wir leben also inmitten dieser Mischform. Das mag aus kreativer Sicht – oder, ich weiß nicht – bisweilen durchaus gesund sein. Etwa durch die Tatsache, dass es einen gewissen Wettbewerb erzeugt, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es so etwas wie „guten Wettbewerb“ überhaupt gibt, aber nennen wir es mangels eines besseren Wortes einfach mal so. 

Andererseits schafft dieses System aber auch ein hohes Maß an Unsicherheit. Wir bewegen uns in einem äußerst prekären Umfeld. Viele Künstler stehen am Rande der Armut. Das ist auch der Fall, weil eine Regierung nach der anderen immer wieder aufs Neue die Fördermittel kürzt. 

Ich glaube, in gewisser Weise, tragen wir, wenn auch unfreiwillig, selbst dazu bei, weil wir es einfach hingenommen haben. Ich halte es daher für absolut entscheidend, dass wir eine starke, solide Gewerkschaft aufbauen und etablieren. Doch genau daran mangelt es uns. 

Wir Künstler sind leider nicht gewerkschaftlich organisiert. Wir bräuchten bessere gesetzliche Rahmenbedingungen und zwar ganz spezifische Gesetze, die auf unsere Situation zugeschnitten sind. Wir müssten also besser bezahlt werden, damit wir uns nicht völlig aufreiben, indem wir gleichzeitig zehn Jobs erledigen müssen. 

Wir bräuchten auch mehr kulturelle Einrichtungen, im ganzen Land. Anstatt Orte zu schließen, bräuchten wir eigentlich mehr Institutionen. 

Wir brauchen aber nicht, dass alles, was mit Kunst zu tun hat, privatisiert wird oder allein den Sponsoren überlassen bleibt; denn genau so schafft man letztlich eine Trennung zwischen denen, die Zugang zur Kultur haben, und denen, die keinen haben. Die Kunst muss zugänglich sein, sowohl finanziell, als auch, dass sie von überall aus erreichbar sein muss.

Nun wieder zu Ihrer Karriere! Sie sind seit zehn Jahren beim jüdischen Staatstheater. Wie kam es dazu?

Zuerst: Ich bin jüdisch, aber weder meine Familie noch ich selbst sind religiös praktizierend. Ich hatte also diese Verbindung. Als ich mein Studium beendet hatte – ich war damals eine junge, arbeitslose Schauspielerin –, begann ich zwar, mit einigen Theaterinstitutionen zusammenzuarbeiten, ich erkannte jedoch sehr bald, dass ich lieber als Freiberuflerin arbeite, auch wenn es vielleicht etwas komplizierter sein mag. Dort konnte ich wachsen, ich konnte lernen, ich konnte mich selbst entdecken und Dinge tun, die ich liebe, und mit den Menschen, die ich liebe und denen ich vertraue.

Doch irgendwann wurden wir – einige Kollegen aus unserer politischen Theatergruppe und ich – von dem damaligen Intendanten des Jüdischen Theaters eingeladen, dort ein Stück auf die Beine zu stellen. Zudem erhielten wir das Angebot, festes Mitglied des Ensembles zu werden. Ich blieb. In diesem Jahr jährt sich nun bereits zum zehnten Mal der Zeitpunkt, an dem ich eingestellt wurde. Zum Beispiel während der Pandemie stellte ich fest, welch großes Glück ich hatte, dort angestellt zu sein. Diese Anstellung war ein Halt, der mir half, die zwei Jahre der Pandemie relativ mühelos zu überstehen. Zudem hatten wir einige sehr interessante Projekte. 

Außerdem, wie ich schon sagte, war da das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Ich habe einfach diese emotionale und sentimentale Bindung an dieses Haus, an das Theater selbst. Denn ich war schon dort, als ich noch sehr klein war. Ich erinnere mich noch genau, wie ich gemeinsam mit meinen Eltern dorthin ging. 

Die jüdische und die jiddische Kultur ist von großer Bedeutung für die rumänische Kultur und für die jüngere rumänische Geschichte. Auch wenn unsere Gemeinschaft immer kleiner wird und meine eigene Familie mittlerweile eher im Ausland lebt, als in Rumänien. 

Jedoch ist das Theater auf eine Weise dabei, einen Weg einzuschlagen, der nicht mein Weg wäre: den Weg der Trennung von Kunst und Politik. Das würde ich nicht tun. Mein Problem ist Folgendes: Wir werden nicht von Israel finanziert. Wir werden von der Stadtverwaltung finanziert. Das Geld für das jüdische Staatstheater kommt also vom Bürgermeister. Nicht von der Regierung – weder von der rumänischen noch von der israelischen Regierung. Warum also sollten wir Israel unterstützen? Warum, zum Beispiel, hängen in unserem Theater israelische Flaggen? Für mich ist das ein Rätsel. Ich verstehe durchaus, warum man so viele davon an den Orten der jüdischen Gemeinde in Rumänien findet. Das verstehe ich. Es gefällt mir zwar nicht, aber ich verstehe es. Aber warum haben wir sie hier, im Theater? Das verstehe ich nicht. Wenn ich dann Vorschläge mache, etwas Politisches auf die Beine zu stellen, etwas, das sich stärker mit den aktuellen Geschehnissen in der Welt auseinandersetzt, lautet die Antwort: „Wir trennen Kunst und Politik.“ Doch ich halte es für unmöglich, das zu tun.

Theater ist politisch. Sie sind Schauspielerin und politisch. Was würden Sie außerhalb der Kunstwelt gerne politisch ändern?

Ich würde mich gerne etwas stärker auf regionale Themen konzentrieren und mehr auf engere Beziehungen zu den unmittelbaren Nachbarn – aus geografischer und physischer Sicht. Nicht nur ausgehend von dieser Vorstellung, dass wir unseren Blick ausschließlich nach Westen richten sollten. Nun, wir haben aufgehört, auf die Amerikaner zu warten und wir warten weiterhin – ich weiß gar nicht, worauf oder auf wen wir warten – aber wir warten jetzt eben. Ich denke also, wir sollten unser Leben gewissermaßen selbst in die Hand nehmen und die Verbindungen nicht kappen, denn das ist heutzutage unmöglich. 

Ich wünschte mir also ein wenig Mut und Selbstvertrauen. Ich wünschte mir, dass wir nicht so blind wären, das zu zerstören, was uns noch an Infrastruktur und Ressourcen geblieben ist in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Natur und so weiter. Ich würde mir nach wie vor wünschen, dass wir ein wenig mehr Stolz für das empfinden, was wir haben, ohne uns dabei von den anderen abzuschotten, aber auch nicht so zu tun, als wären wir ohne die anderen nichts. Leider haben wir diese offensichtliche Tendenz zur Selbstkolonisierung. Wir brauchen keine Fremden, die herkommen und uns kolonisieren. Wir erledigen das ganz allein. Man sieht es im großen Maßstab auf einer übergeordneten Ebene, aber man sieht es auch im Alltag. In dem, was die Leute sagen, in dem, was sie sich wünschen und für sich selbst zu brauchen glauben. Auch in meinem eigenen Umfeld: im Theater, zum Beispiel. Mir ist bewusst, dass einige Dinge, die ich sage, heutzutage leider von der extremen Rechten instrumentalisiert werden können. Leider sind diese Leute sehr geschickt; sie bedienen sich eines Narrativs, das sie jedoch – sobald sie erst einmal an der Macht sind – definitiv nicht mehr verfolgen werden. Doch, was ich mir wirklich für Rumänien wünsche, ist eine starke Linke. Und genau die fehlt uns heute. 

Sie haben mir vor dem Gespräch bereits gesagt, dass Sie Deutsch lernen. Warum?

Es ist eine der Sprachen, die ich schon immer lernen wollte, zudem bin ich angezogen von dem, was am Goethe-Institut geschieht. Es ist eines der Institute in Rumänien, das meiner Meinung nach am offensten für zeitgenössische Kunst ist und für das, was in der lokalen Kunstszene vor sich geht. Und es finden dort so viele schöne Dinge statt und ich habe Freunde, die hier arbeiten oder die mit dem Institut zusammengearbeitet haben. Es ist eine Mischung aus der Tatsache, dass ich am Jüdischen Theater arbeite, der Tatsache, dass ich Jiddisch (was sehr ähnlich dem Deutschen ist) lernen möchte, der Tatsache, dass Jiddisch so schön klingt, und der Tatsache, dass ich mich schon immer für das Land interessiert habe und viel nach Deutschland gereist bin. 

Gibt es irgendwas, was Sie unseren Lesern am Ende mitgeben wollen?

Ich würde die Leute gerne dazu ermutigen, sich stärker auf das zu konzentrieren, was außerhalb des Mainstreams passiert. Ich würde kunstinteressierte Menschen dazu anregen, manchmal ein wenig intensiver zu suchen. Ich würde ihnen raten, ein wenig mehr Neugier zu entwickeln. Denn wenn echtes Interesse vorhanden ist, dann würden vielleicht auch jene Personen – die bisweilen über Macht verfügen, über die Entscheidungsgewalt darüber, wohin Gelder und Fördermittel fließen – einen Teil dieser Mittel dorthin lenken, wo sie dringender benötigt werden. Meistens entdecken die Leute, wenn sie sich erst einmal die Mühe machen, ein kleines Stück weit ihre Komfortzone zu verlassen, wirklich schöne, tolle Dinge.