Kranke sechs Minuten für Briefmarken und Umschlag

Für ihr Publikum ist die Rumänische Post ein Verlustgeschäft

Eine Renovierung der Fassade, wie sie gerade die Hermannstädter Zweigstelle der Rumänischen Nationalbank bekommt, bräuchte auch das Postgebäude von 1904. Foto: Klaus Philippi

Nein, das geht nicht. Auch wenn man den Schlüssel dafür selber zur Hand hat. Einfach so unbeschwert in die Halle eintreten und direkt auf die Schließfach-Wand zugehen, um sie an der eigenen Nummer zu öffnen und die abonnierte Zeitschrift, den Brief oder das Päckchen abzuholen? Denkste! Erst nach dem Bestätigen mit der Unterschrift und danach dem Eintragen vom Datum, von der Nummer auf dem Abholschein und gar auch noch der Anzahl der empfangenen Umschläge, Drucksachen oder Kartonschachteln ist das Mitnehmen in der Tat erlaubt. Nur zwischen 8 und 15 Uhr, im Hauptpostamt Hermannstadt/Sibiu. Wer später kommt, hat seine Chance verpasst.

Trotzdem bis 19 Uhr Kundenbetrieb herrscht, allein den Samstag und Sonntag selbstverständlich ausgenommen. Es hilft nichts, im Zeitfenster der vier Stunden ab drei Uhr nachmittags wird keines der 193 Postfächer bedient. Ihre Türchen aus Sperrholz, das sicher schon älter als ich mit meinen bald 39 Jahren ist, sind kaum größer als die Handspanne eines Erwachsenen mit ungewöhnlich langen Fingern. 36 Lei monatlich kostet es, so ein Postfach zu mieten, und 432 Lei pro Jahr. Null Rabatt offeriert die Rumänische Post treuen Abonnenten ihrer Schließfächer, in Hermannstadt jedenfalls. Ist so ein Geschäft eigentlich noch rentabel? Jedes Vergleichen mit ihrer marktwirtschaftlichen Konkurrenz lässt die Rumänische Post übel aussehen.

Angefangen mit den Selbstbedienungs-Schließfächern, wovon es in jeder Stadt und größeren Ortschaft welche gibt. Von Lieferdiensten wie FanCourier, Sameday, Cargus und GLS. Um sich das Bestellte und vom Paketfahrer in einer Box Hinterlegte jederzeit abholen zu dürfen. Auch nachts um drei, wenn man gerade möchte oder nicht anders kann. Den QR-Code scannen oder den Code eintippen, der einem zugeschickt wurde, und fertig. Hinter dem aufspringenden Türchen wartet nichts und niemand, dem man durch Unterschrift und lauter bürokratischen Kram erst noch zeigen muss, dass man es auch wirklich ist.

Sobald die Rumänische Post dann doch mal gefordert ist, muss ihr Versagen leider mit einberechnet werden. Beschäftigt hat mich das unfreiwillig im vergangenen Winter: als ich mir irgendwann sagte, so, es reicht, der Eiswind soll mir nie mehr wieder hart ins Gesicht fahren können. Was ich mir zulegen will, ist eine Sturmhaube zum Überziehen.

Entsprechend surfe ich auf der Homepage von Decathlon und sehe, dass es dort solche Teile gibt. Fahre hin, bin jedoch mit den billigen auf Lager nicht ganz zufrieden. Meine Sturmhaube soll gern besser als die günstigste und darum auch teurer sein dürfen. Weshalb ich eine auf der Decathlon-Homepage bestelle. Selbstabholung aus der Box oder dem Shop gibt es leider nicht als Option für das gewählte Produkt; dafür ist zur Lieferung meine Adresse verpflichtend, und ich rechne in der Folge damit, dass ein Paketfahrer sich früher oder später bei mir melden wird. Auch eine Sendungsnummer stellt mir Decathlon zur Verfügung, damit ich in Echtzeit erfahren kann, wie weit es die Sturmhaube noch zu mir hat. Sie kommt aus Frankreich angeliefert.

Fahnden statt erhalten

Am 8. Januar gebe ich online die Bestellung auf und verschaffe mir durch Eingeben der Sendungsnummer Klarheit über das Befördern meines Accessoires. Zu-nächst landet es in Bukarest und von da aus in einer regionalen Sammelstelle. Angeführt wird der 19. Januar als ungefähres Lieferdatum. Nur dass eben nichts geschieht, mich kein Anruf durch ein Speditionsunternehmen erreicht, keine E-Mail und auch keine SMS. Obwohl ich mich digital davon überzeugen kann, dass die Sendung jederzeit zugestellt werden müsste. Also rufe ich den Decathlon-Shop Hermannstadts an, vielleicht weiß man dort ja Bescheid. Trifft leider nicht zu, doch solle ich mich bei der zentralen Hotline in Bukarest melden. Was ich umgehend probiere, und höre, dass alle ausländischen Lieferungen von Decathlon-Produkten von der Rumänischen Post bearbeitet werden. Und dass die wiederholt Sendungen verplempert habe. Fakt ist, dass ich trotz Nachforschens mit meiner Sendungsnummer den Hinweis auf die Post als den Ort zum Lagern meiner Sendung nicht erhielt. Aufklärung brachte erst das Anrufen.

Ärgerlich ist, dass in meinem Briefkasten kein Abholschein landete; dabei wohne ich just im Haus direkt gegenüber vom Hauptpostamt Hermannstadt. Als ich der Angestellten hinter dem Schalterfenster die Sendungsnummer meiner De-cathlon-Sturmhaube reichte – das Suchen anhand meines Namens konnte, durfte oder wollte sie nicht – begann eine neue Wartezeit: mindestens zehn Minuten vergingen, nachdem sie in einem großen Karton unter zig anderen Kuverts zu wühlen anfing. Als sie schließlich meine Bestellung gefunden hatte, stand ihr wiederum noch ein halber Berg bürokratischen Aufwands bevor. Den ich geduldig abwarten musste. Aber genauso ist es auch beim Aufgeben von Korrespondenz: die Sache der Post ist so falsch und hinderlich aufgestellt, wie sie ungeschickter kaum zu betreiben wäre. Statt des Trennens der reinen Büroarbeit vom Kundenkontakt müssen die Damen im Hermannstädter Postdienst zusehen, wie sie  beide Anforderungen unter ein und denselben Hut bekommen. Um den Zeitverlust jedes Einzelnen, dessen Sache sich für ihn selber im Handumdrehen erledigen ließe, kümmert sich niemand. Warum ist es so schwer bis unmöglich, die Verwaltung so zu einzuteilen, dass sie einen möglichst reibungslosen und schnellen Kundenfluss nicht bremst?

Geduldsprobe schlechthin

Mehr als einmal schon habe ich erlebt, dass in der eigentlich immer hartnäckigen Warteschlange Frauen und besonders Männer kräftig laut werden, allem Frust unter donnerndem Einsatz ihrer Stimmen Luft machen. Mitte Mai betrete ich ohne viel Interesse das Postamt bei mir zuhause. Ich möchte nichts Konkretes, bin jedoch neugierig. Neugierig, ob sich mir auch als Zuschauer, Zuhörer und Journalist das gleiche kritische Bild der Rumänischen Post bietet. Fünf Leute stehen um 12:14 Uhr in der Schlange, nur ein Schalter ist offen. Die Kundin am Schalter ist auch um 12:19 Uhr noch immer nicht fertig mit ihrer Sache. Wie lange sie  wohl schon mit der Angestellten zu tun haben mag? Um 12:21 Uhr verlässt sie endlich doch den Platz am Schalter. Tatsache ist, dass bis 12:29 Uhr – die Schlange ist auf zwölf Erwachsene und vier Kinder angewachsen – seit 12:14 Uhr höchstens drei Kundinnen und Kunden bedient worden sind. Für eine Viertelstunde finde ich das zu wenig. Manche derjenigen, die still und ziemlich lange in der Schlange stehen, geben es auf, verlassen das Postamt wieder.

Ein sportlicher Mann dagegen im besten Erwachsenenalter zieht es durch, harrt aus. Nur ein paar Briefmarken möchte er kaufen, als er dran ist, und noch einen Umschlag. Zeitaufwand für ihn, der zuvor halblaut gefragt hatte, ob „wir im Mittelalter sind?”: Sechs Minuten! Kranke sechs Minuten, für Briefmarken und Umschlag! Weil es der Dame im Postdienst nicht möglich ist, ihn eilfertig zu bedienen wie beispielsweise einen Käufer an der Supermarkt-Kasse. Das Greifen nach dem Registerheft, das Eintragen in eine Computer-Datenbank, das Nachschauen in den Briefmarken-Vorräten, und, und, und. Ein Wunder, dass es Menschen gibt, die es als Post-Angestellte Monate oder gar Jahre aushalten. Richtige Dramen ereignen sich auch beim Nachfragen nach dem Rentenausweis, dem berüchtigten „cupon de pensie”. Den ohnehin nur die Post herausrückt. Bringt ihn nicht der Postbote frei Haus, ist eine unnötige Plackerei am Schalter schon so gut wie vorprogrammiert.

Sechs Minuten Bearbeitungszeit am Postschalter für etwas, das sich deutlich rascher ausführen lassen könnte, ist Schneckentempo und darum Schande. Wie die Güterzüge Rumäniens, die allgemein auf den rumänischen Gleisen im Schnitt nur 16 Kilometer pro Stunde schaffen: laut Nachricht auf dem Online-Medienportal hotnews.ro die mittlere Geschwindigkeit eines trabenden Elefanten. Wikipedia bestätigt, dass die Tiere im schnellsten Fall bei Gefahr 24 Kilometer pro Stunde erreichen. „Ein Gütertransport von Konstanza bis an die Staatsgrenze zu Ungarn kann in Rumänien auch eine ganze Woche dauern”, hält die Nachricht auf hotnews.ro fest. Auf der Höhe des 19. Jahrhunderts war die zweimal monatlich fahrende Postkutsche von Wien nach Hermannstadt und zurück kein bisschen langsamer als Rumäniens jüngste Güterzüge. Volkswirtschaftliches Aufblühen ist was anderes, oder? Da stimmt wohl eher das Zitat der „Post, die keinen Brief für dich bringt” aus Franz Schuberts „Winterreise” auf Gedichte Wilhelm Müllers.

Vergebliches Kaschieren von Mängeln

Gern hätte ich die Postamt-Halle fotografiert, aber das ist verboten. Auch Filmen, Rauchen, Tiere, Essen, Lautsprecher, Messer aller Art, Schusswaffen und sogar Mobiltelefone sind laut Anzeige untersagt. Video-Überwachung gibt es tatsächlich, durch drei Kameras an der Decke, also riskiere ich besser nichts. Ein Beschreiben ihrer Mängel hingegen darf mir die Post nicht versagen: Heizkörper hat sie nicht, nur drei langweilig braune Kachelöfen, und weder die Neonröhren-Beleuchtung noch die steinerne wie hölzerne Möbelausstattung auf Steinfußboden nach kommunistischem Vorbild eignen sich für das Schaffen eines einladenden Ambientes. Architektonisch stehen hier alle Zeichen immer noch auf Sozialismus in diktatorischer
Armuts-Ausprägung.

Vergeblich versucht das Hauptpostamt in Hermannstadt damit zu punkten, dass es auch Abholstelle für Kinderbücher und Spielzeug des Online-Warenversands elefant.ro ist. Ach ja, Elefanten und ihre Unschuld als Vergleich für Rumäniens Güterzüge... und schließlich die Kinderbücher in einem Schrank, werden die wirklich noch von wem gekauft, oder geht man für sie nicht doch besser in eine echte, moderne Buchhandlung? Oder der Honig, den es ebenso in diesem Postamt gibt: wer kommt auf die Idee, sich ausgerechnet dort damit einzudecken, wo die Qualität am niedrigsten und die Auswahl am geringsten sein dürfte? Kurios auch, dass Bettwäsche vom Online-Angebot mezoni.ro auf Lager ist. Wo man hier Schlange steht, und zwar oft recht lange, gilt das sicher auch für alles Nicht-Spezifische der Post.

„Wähle die Sicherheit und Einfachheit: Zahle mit deiner Visa-Karte und genieße Leichtigkeit, Schnelligkeit und mehr Sicherheit für jede Abwicklung”, empfiehlt ein Poster in zwei Exemplaren. Leicht und schnell? Bekommt die Rumänische Post für mich nicht hin. Sicher? Das Stehen in ihrer Warteschlange. Und als ich auf einer Infotafel von der „Compania Națională Poșta Română S.A.” lese, dämmert es mir schlagartig – „Compania Națională”, ist das nicht etwa der Sektor, wofür Noch-Regierungschef Ilie Bolojan im Oktober 2025 Oana Gheorghiu zu seiner Stellvertreterin ernannt hat? Klar! Wie gewonnen, so zerronnen. Der Vorschlag, die Rumänische Post an der Börse aufzulisten, scheitert an der puren Arroganz von Sorin Grindeanu und der PSD. Die Chefetage des Staatsunternehmens soll zwar damit einverstanden gewesen sein, nicht jedoch die in Gewerkschaften organisierten Arbeitnehmer der Post, denen im Unterschied zum Nörgler und Fortschritts-Feind der gestürzten Regierungskoalition echt etwas am guten Fortgang vom Auftrag ihrer Institution liegt.

Rechenschaftspflichtig ist die Rumänische Post dem Ministerium für Forschung, Innovation und Digitalisierung. Bloß dass Kunden davon nichts merken, nicht profitieren. Warum auch, wo die Post das Bild eines rückständigen statt innovativen Betriebs vermittelt? Von Digitalisierung ist sie Lichtjahre entfernt. Und der lukrativen Konkurrenz durch Selbstverschulden weit unterlegen. Um es mit Schubert und meiner Sturmhaube zu sagen, die für den nächsten eisigen Zug bereitliegt: mir werden „die kalten Winde” ab sofort zum letzten Mal „ins Angesicht” geblasen haben. Warm anziehen dafür sollte sich im Eilschritt die Rumänische Post, denn „lustig in die Welt hinein gegen Wind und Wetter” kommt nur, wer ihr auch gewachsen ist.