Die Leiterin der Bibliothek des Goethe-Instituts in Bukarest, Francesca Szöke, hat gemeinsam mit Cristina Zanfirescu ein wahrlich einzigartiges und nostalgisches Projekt in die kleine Bibliothek gebracht. Dabei geht es um die rumänischen Deckchen „Mileu“, die von Frauen vor allem in der kommunistischen Zeit in tagelanger Arbeit erstellt wurden, um die oft einfachen Wohnungen etwas zu schmücken. Nun verschönern einige davon bis zum Ende des Monats die Goethe-Bibliothek. Dies ist jedoch nur ein kleiner Teil des ambitionierten Projekts.
Alles fing an in Athen, im vergangenem Jahr. Dort wurde das Projekt „Common Crafts – Common Libraries“ von neun verschiedenen Goethe-Instituten in Südosteuropa gegründet. Bei diesem soll traditionelles Handwerk digitalisiert werden und in die Goethe-Bibliotheken Einzug finden.
Danach war es an Francesca Szöke und ihrem Team, das Projekt in Bukarest umzusetzen. „Weil ich Handwerk mit Tradition verbinde und Tradition mit Familie, habe ich sofort an meine Mutter denken müssen“, so Szöke im ADZ-Gespräch. Und ihre Mutter hat immer, „in jeder Minute, die sie frei hatte“ Zierdeckchen, Mileus gehäkelt.
Die Idee war also geboren. Um sie aber richtig ins Laufen zu bringen, brauchte die viel beschäftigte Szöke noch Unterstützung – und fand diese in Cristina Zanfirescu. Diese war früher Teil des Goethe-Teams und arbeitet aktuell freischaffend in der Öffentlichkeitsarbeit für verschiedenste Kulturprojekte. Als sie von der Idee hörte, war sie direkt Feuer und Flamme. „Das Projekt hat mich entzückt! Ich habe sehr viele Freunde, deren Großmütter oder Mütter Mileus haben, an ihnen arbeiteten oder bastelten. Das Projekt hat mich gleich nostalgisch gemacht!“ Daher findet Zanfirescu das Projekt – das sich vor allem an Frauen ab 60 Jahren richtet – sehr wichtig. „Ich weiß, dass insbesondere in Rumänien viele ältere Menschen, die in Rente gehen, irgendwie aus der Gesellschaft verschwinden.“ Dagegen möchte sie mit dem Projekt angehen.
Eine Ausstellung für die Künstlerinnen
Doch wie funktioniert dies nun genau? Schließlich hat das Projekt auch den etwas umständlichen Namen: „Mileu (Deckchen) 2.0.: Wenn Schnur auf Algorithmus trifft“.
Zuerst gibt es eine Ausstellung, die vor Kurzem eröffnet wurde. Dabei werden ungefähr 25 Mileus in einem wunderbar dekoriertem Raum in der Bibliothek präsentiert. Die Deckchen sind bis zum Ende des Monats auch für alle Interessierten zu bestaunen. Sie stammen von elf älteren Damen, wie Szöke berichtet. „Diese haben die Deckchen entweder selbst gemacht oder geerbt“, so die Bibliotheksleiterin. Sie sind also eigentlich private Erbstücke, auf die die Künstler, beziehungsweise die Erben, sehr stolz sind.
Denn früher hatten diese Deckchen in den kommunistischen Haushalten einen großen Wert, wie Zanfirescu erklärt. „Alle hatten dieselben Möbel; alle hatten fast nichts. Es war schwer, Möbel zu finden. Es gab kein Ikea. Für die Leute war es viel schwerer, sich ihr Haus oder ihre Wohnung zu verschönern. Und deshalb war Handarbeit ein großer Teil des alltäglichen Lebens. Das war auch eine gute Gelegenheit, nahestehende Menschen mit einem Geschenk glücklich zu machen“.
Damit macht Zanfirescu auch eine wichtige Ebene des Projekts klar: Es geht zwar durchaus um die wirklich schönen Deckchen, aber auch um die Menschen, die diese erstellen. Denen ist ihre eigene Kunst natürlich durchaus wichtig. Deswegen füllte sich die Bibliothek des In-stitutes bei der Eröffnung der Ausstellung bis auf den letzten Platz.
Während Szöke und Zanfirescu die Vernissage eröffneten, gab es auch ein Rahmenprogramm. Die Therapeutin Nora Neghină sprach über die Vorteile der Handarbeit für den Geist und die Schauspielerin Carmen Palca führte einen kleinen Theaterakt, inspiriert von den Balkantraditionen rund um den Kaffee und die informellen Praktiken der Kaffeesatzdeutung, auf. Im Anschluss gab es lange Gespräche zwischen allen Beteiligten.
„Die Veranstaltung war entzückend!“, begeisterte sich Zanfirescu. „Man fühlte die Nostalgie der Teilnehmerinnen und das Wort, das am meisten erwähnt wurde, war Geduld. Die Seniorinnen meinten mit Stolz, dass man Geduld brauchte, um Mileu zu häkeln.“
Von traditioneller Kunst in digitale Sphären
All das war jedoch nur der Anfang des Projekts, so was wie eine kleine Werbung, wie Szöke es beschrieb. Denn im Zentrum stehen Workshops, die nun stattfinden werden (10. Juni, 17. Juni und 1. Juli). Bei diesen treffen interessierte ältere Damen, die Mileus erstellen, auf drei Studierende von der Bukarester Kunstuniversität (UnArte) und auf drei IT-Spezialisten.
Bei den Sitzungen sollen die Älteren den Jungen zeigen, wie man die Deckchen häkelt und währenddessen soll dies von den IT-Experten digitalisiert werden, so Zanfirescu. Sowohl die Deckchen, als auch die präzisen Handbewegungen der Künstlerinnen, als auch die Geschichten, die dabei ausgetauscht werden, sollen auf einer Internetseite verewigt werden. Diese bleibt vorerst jedoch privat, damit die Geschichten der Beteiligten nicht direkt veröffentlicht werden. Ob sie noch öffentlich werden, wird die Zukunft zeigen.
Ein Stammtisch soll entstehen
Das Wichtigste ist Szöke und Zanfirescu jedoch der zwischenmenschliche Kontakt. Beide möchten, dass sich nach dem Projekt ein Stammtisch entwickelt, von Jung und Alt, die Mileus häkeln, miteinander sprechen und die Goethe-Bibliothek als einen Zufluchts- und Gemeinschaftsort erleben. „Gemeinsam sprechen und häkeln ist schließlich eine gesunde Aktivität!“, ist sich Szöke sicher.
Dem stimmt auch Zanfirescu zu: „Man hat mir schon jetzt das Feedback gegeben, dass die Teilnehmer sehr glücklich sind, am Projekt teilzunehmen. Es sind viele Seniorinnen in ganz Rumänien, die jetzt keine Familie mehr haben und sehr einsam sind und sie haben mir gesagt, dass dieses Projekt ihnen einen Zweck im Leben gibt“.
Interessierte, die an den Workshops und am Stammtisch teilnehmen wollen oder in irgendeiner Form zum Projekt beitragen wollen, können sich auf Deutsch und Rumänisch bei Zanfirescu unter der E-Mail cristina.zanfirescu@protonmail.com melden.





