Randbemerkungen: Kleiner Mann, große Angst


Auffällig, wie selten sich der Kreml-Diktator in militärischer Uniform zeigt. Ein Rückfall des ehemals (schon in seiner Deutschlandzeit) „auffällig Unauffälligen“ (Wolf Biermann) ins Ur- und Ewig-Stadium des „Bürokraten mit Schulterklappen“ (Cosmin Popa)? Die Art, wie er seinen Krieg gegen die Ukraine führt und die kommandierenden Militärs seines Vertrauens auswählt und austauscht, suggeriert eine derartige Schlussfolgerung.

Erstens ist der intellektuell durchschnittlich Ausgestattete durch eine Verkettung von Umständen nach dem kurzen und gescheiterten Demokratietest Russlands unter Boris Jelzin urplötzlich (vielleicht sogar zu seiner eigenen Überraschung – sicher kann er immer noch nicht recht an sein Glück glauben) aus den Reihen der Träger grauer Anzüge zum Regierungs- bzw. Staatschef aufgestiegen. Hat sich an der Spitze des Riesenreichs festgebissen. Leidet nun am Stalin-Syndrom: Misstrauen gegen jedermann. Eine der Folgen: er investiert seine gesamte Intuition in die Auswahl von ihm unterlegenen Untergebenen, jederzeit zu Hochlob Bereiten, mit denen er sich ummauert. Damit steht er auf derselben Ebene mit Geistesbruder Trump. Und ... Ceaușescu.

Weiters: er fürchtet alle hohen Militärs, die den Russen positiv auffallen könnten: durch Intellekt, durch militärisches Genie, durch Popularität in der Truppe. Z.B. Prigoschin. Als der Söldnerführer an Bekanntheitsgrad Putin nahekam – wegen militärischer Erfolge, wegen Brutalität im Erreichen von Kriegszielen, wohl auch als Vorbild, wie man reich werden kann – und Prigoschin sich durch das Kriegskommandantenumfeld ermutigt wähnte, auf Moskau loszumarschieren – kein Kommandant stellte sich seinem Söldnerzug in den Weg! – ließ ihn Putin kurzerhand liquidieren. Die Stalinsche Lösung.

Seither scheint Putin demokratisch vorgehende Kontrahenten (Nawalny, Chodorkowski u.a.) viel weniger zu fürchten als Militärs, die sich irgendwie hervortun. Folglich fördert er gezielt militärisch-menschliche Mittelmäßigkeit, wie Schoigu. Menschenverluste in der „militärischen Spezialoperation“ Ukraine sind ihm eh Wurscht.

Allerdings muss man auch bedenken, dass der neue, 35-jährige ukrainische Verteidigungsminister Mychailo Fedorow (vormals „Digitalminister“) durch seine stark auf Technologie – Drohnen und Roboter – und KI setzende neue Kriegstaktik die Russen in schwer überwindbare Schwierigkeiten bringt, mit Menschenverlusten um die 1000 pro Tag (…). Mit schlechten russischen Kommandanten und der mit Spitzentechnologie vorgehenden Ukraine (die damit ihre zahlenmäßige Unterlegenheit kompensieren kann) scheint sich erstmals seit der Kursk-Offensive das Schicksal des Ukrainekriegs zu wenden. 

Putin wird es immer schwieriger gemacht – und nach seinem jüngsten Peking-Besuch erst recht! – einen gesichtswahrenden Frieden anzupeilen, der ihn nicht (den zuerst politischen) Kopf kosten könnte. Fakt scheint immer noch: seine Angst, dass Korpskommandanten auf die Idee kommen, seine Herrschaft infrage zu stellen, überwiegt bei weitem die Sorge, dass die Ukraine zunehmend sich in die Lage hineinarbeitet, seine „glorreiche Rote Armee“ mittels kluger Taktik und Technologie zu dezimieren. Beziehungsweise (und Selenskyj hat das sogar als Ziel erklärt), dass die Ukrainer schneller Putins Armee aufreiben, als sie durch Rekrutierungen (ohne Generalmobilmachung) aufgestockt werden kann. Russische Kriegsblogger schreiben durch die Blume von so was wie „Feigheit“ der Kommandanten. Meinen wohl auch fehlende Kompetenz.

Putins Augapfel Gerassimow, sein Chefstratege Sergej Rudskoj und Alexander Tschaiko, von Putin wieder zum Chef der Luft- und Raumstreitkräfte ernannt, mutieren zu Zielen der Kritik. Putins Schirm schützt noch. Wirtschaftsschwäche, politisches Risiko, Angst vor Thronverlust lähmen Putin. Die Mär von „Russlands militärischer Unbesiegbarkeit“ wackelt.