Reisen gibt es zwei

„Ihre Reisen waren ihr Anker während Gesprächen gewesen.“

Das Thema des diesjährigen Elsa-Lucia-Kappler-Wettbewerbs bezog sich auf ein Zitat des Dichters Matthias Claudius aus dem Jahr 1775.

Lara Rotar (links im Bild) gewann mit ihrem Text „Reisen gibt es zwei“ den ersten Preis des Elsa-Lucia-Kappler-Wettbewerbs. | Foto: Raluca Nelepcu

Es war ein kalter Abend. Ich wartete auf eine Bewegung, ein Rascheln der Blätter, das Geflüster des Windes oder das Bellen eines Hundes. Doch die Natur war still. Es war, als wäre sie tot. Der Himmel war schwarz. Der Mondschein konnte kaum durch die Dunkelheit hervordringen. Die Totenstille um mich herum versetzte mich in eine traurige Stimmung. Alles schien sinnlos.

Es war eine meiner Angewohnheiten, an Fenstern zu sitzen und mir die Natur anzuschauen. Jedes Mal schien sie etwas düsterer und kälter. Oft hatte ich das Gefühl, dass mein Leben denselben Lauf verfolgte: einen Lauf der Degradation. Mein Leben bestand aus dunklen Farben. Nie passierte etwas Interessantes, das meine Neugier auf das Leben gesteigert hätte. Ich hatte einige Freunde. Sie hatten viel Geld, trugen elegante Kleidung und verreisten jeden Monat. Ich beneidete diese sehr. Sie hatten die Möglichkeit gehabt, die Welt zu bereisen. Ich hatte nicht einmal die Grenzen des Landes, in dem ich wohne, überschritten. Es war, als wäre ich gefangen. Gefangen in meinem Leben und Land. Jedes Mal, wenn ich von meinen Freunden Postkarten zugeschickt bekam, kochte in mir eine Wut auf. Eine Wut, die sich schnell in Trauer verwandelte. Es machte mich wütend, dass ich nicht die Welt erkunden konnte. Jedes Mal, wenn ich bemerkte, wie traurig und gefesselt ich mich fühlte, überkam mich eine Flut von Tränen.

Ab und zu luden mich meine Freunde ein, damit wir miteinander plaudern. Sie erzählten immer von ihren Reisen. Einer von ihnen schwärmte von der Pizza in Italien, der andere von den Stränden in Griechenland. Nur ich saß dort, ohne einen Laut von mir zu geben. Ich hatte nichts zu erzählen. Ich hätte nie in den Mittelpunkt des Gesprächs treten können, ohne jemals verreist zu sein.

Eines Tages nahm die Situation eine Wende. Meine Freunde, die fast nie zu Hause waren, erkrankten alle an einer Lebensmittelvergiftung. Zuvor waren sie nach Thailand gereist und das Essen von dort hatte ihre Gesundheit und ihr körperliches Wohlsein auf den Kopf gestellt. Einige mussten lange Zeit im Krankenhaus verbringen. Dies hieß: keine Reisen mehr. Ich muss zugeben, dass mich dies sehr erfreute. Endlich war ich nicht diejenige, die nie von Reisen erzählen konnte. Trotz der Freude empfand ich es als meine Pflicht, meine Freunde im Krankenhaus zu besuchen. Ich brachte Bücher und Kartenspiele. Manchmal saßen wir stundenlang miteinander, ohne etwas zu sagen. Mein Leben schien mir nicht erzählenswert und meine Freunde hatten all ihre Geschichten über ihre Reisen aufgebraucht. 

Meine Freunde waren keine Leseratten wie ich. Sie meinten, Lesen sei langweilig und sinnlos. Deshalb konnten wir auch nie über Lektüre reden. Nun, dass meine Freunde auch verstummt waren, schien unsere Freundschaft ins Wanken zu bringen. Um die Stimmung aufzuhellen, fragte ich manchmal: „Wollt ihr mir nicht etwas über eure Kindheit erzählen?“ Die Antwort darauf war entweder ein Seufzen oder ein Achselzucken. Danach versuchte ich es meistens mit: „Habt ihr etwas Interessantes erlebt, seitdem ihr im Krankenhaus seid?“ Doch wie zuvor, sie gaben keine Antworten, da sie keine hatten. Ihre Reisen waren ihr Anker während Gesprächen gewesen. Doch dieser war versunken und konnte ihnen keinen Halt bieten.

Einmal habe ich es erneut versucht, ein Gespräch zu erwecken. Es war ein kalter Abend. Ich schaute hinaus und entdeckte plötzlich eine Sternschnuppe. Noch nie zuvor hatte ich eine gesehen. Ich sagte glücklich: „Schaut mal! Eine Sternschnuppe! Wünscht euch etwas!“ Meine Freunde schauten mich an, als wären sie genervt. „Du glaubst doch nicht an solche Sachen, oder?“, fragten sie mich. Ich senkte meinen Kopf und erklärte ruhig: „Wisst ihr was? Ich habe es satt, in dieser Stille zu sitzen. Ihr sagt nichts, seitdem ihr nicht mehr reisen könnt. Könnt ihr nicht auch über etwas anderes diskutieren? Stellt euch vor, ihr hättet nie reisen können. Hättet ihr dann euer ganzes Leben in dieser Stille verbracht?“, fragte ich. Ich war genervt, aber gleichzeitig dachte ich mir, dass mein Verhalten kindisch ist.

„Du sagst so etwas, weil du nie gereist bist. Du hast keine Geschichten zu erzählen“, antwortete einer meiner Freunde.

„Das ist nicht wahr. Ich habe Geschichten zu erzählen. Sie sind traurig oder nicht so spannend wie eure. Deswegen erzähle ich sie nicht. Ihr denkt immer nur an eine bestimmte Reise. An diejenige, die man mit dem Flugzeug oder dem Auto hinterlegt. Aber es gibt auch eine andere Reise, eine viel wichtigere: die des Lebens, die man mit der Seele hinterlegt“, erzählte ich.

Langsam wurde ich immer wütender. Meine Freunde schienen so leer im Inneren zu sein. Sie schauten mich verblüfft an. 

„Meine Reise ist auch erzählenswert“, weinte ich anschließend. „Ich habe es satt, nur am Fenster zu sitzen und in die Ferne zu schauen. Dies ist kein Leben, keine Reise. Reisen müssen erzählt werden. Deswegen werde ich von meiner erzählen“, fügte ich hinzu.

Ich nahm meine Sachen in die Hand, verabschiedete mich und fuhr nach Hause. Ich setzte mich an meinen Tisch und nahm einen Stift in die Hand. Dieser Moment war der Anfang eines neuen Abschnitts. Es dämmerte mir endgültig, dass es zwei Arten von Reisen gibt. Beide sorgen für Gesprächsstoff, aber die eine ist fürs Leben. Diese begann ich auf dem Blatt Papier vor mir in Worte zu fassen, damit auch sie eine Stimme in dieser Welt haben würde.  


Dieser Text, verfasst von Lara Rotar, Schülerin der 10. Klasse am Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Temeswar, wurde letzte Woche mit dem ersten Preis des Elsa-Lucia-Kappler-Wettbewerbs bedacht. Der Elsa-Lucia-Kappler-Wettbewerb, 2009 ins Leben gerufen, wird an Schülerinnen und Schüler der deutschen Schule aus Temeswar verliehen, die besondere Leistungen im Fach Deutsch vorweisen. In diesem Jahr mussten die Teilnehmer ausgehend von einem Zitat von Matthias Claudius Aufsätze verfassen. Lara Rotar hat übrigens auch den ersten Preis der Landesphase der Olympiade für Deutsch als Muttersprache in ihrer Klassenstufe erhalten.