Rettet „BookTok“ das Buch?

Zwischen Hashtag und Hardcover: Wie BookTok Jugendliche wieder zum Lesen bringt

Die Social-Media-App „TikTok“ scheint trotz diverser Kritik auch positive Einflüsse auf Jugendliche zu haben. | Foto: Solen Feyissa, www.unsplash.com

Verlage, Buchhandlungen und Bibliotheken richten mittlerweile ganze Auslagen auf den BookTok-Trend aus. | Foto: Wiki Commons

Das Posten von der eigenen Auswahl von Trend-Büchern gehört ebenfalls zur BookTok-Kultur. | Foto: Wiki Commons

Das Lesen galt für die jüngere Generation vermeintlich lange als uncool. Dann kam TikTok – und mit ihm eine globale Gemeinschaft von Millionen junger Menschen, die Bücher nicht nur lesen, sondern leidenschaftlich lieben. Was steckt hinter dem Phänomen BookTok, und warum scheint es so gut zu funktionieren?

Was vor einigen Jahren noch kaum vorstellbar schien – dass ausgerechnet die Generation, die angeblich nicht mehr liest, eine massenhafte Leselust entfachen würde – ist zur gelebten Realität geworden. BookTok, also die Büchercommunity auf der Kurzvideoplattform TikTok, zählt inzwischen Hunderte Milliarden Aufrufe unter dem gleichnamigen Hashtag. Bücher, die dort viral gehen, verschwinden innerhalb von Stunden aus den Regalen der Buchhandlungen. Verlage richten eigene Marketingabteilungen ein, die ausschließlich für TikTok zuständig sind. Und Jugendliche, die seit Jahren keinen Roman mehr in der Hand hatten, schleppen plötzlich Stapel aus der Bibliothek nach Hause.

Ein Trend, der Wellen schlägt

Die Anfänge von BookTok liegen in der Zeit des Corona-Lockdowns, als Millionen Menschen weltweit zu Hause saßen und auf der Suche nach Zerstreuung waren. TikTok erlebte in dieser Zeit einen beispiellosen Nutzerboom – und mit ihm entstanden zahlreiche Nischen-Communities. Die Büchergemeinde war eine davon. Junge Menschen begannen, kurze Videos zu drehen, in denen sie über ihre Lieblingsbücher sprachen, Buchumschläge in Szene setzten oder weinend von Romanfiguren erzählten, die sie nicht mehr loslassen wollten.

Das Besondere: Diese Videos wirkten nicht wie gestellte Werbung, sondern wie echte, ungefilterte Emotionen. Und genau das kam an. Während klassische Literaturkritik oft akademisch und distanziert wirkt, zeigen BookTok-Videos Menschen, die bei Büchern weinen, lachen, schreien – kurz: die von Literatur berührt werden, ganz ohne Scheu, diese Gefühle zu zeigen.

Heute ist BookTok längst kein Nischenphänomen mehr. Unter dem Hashtag „#booktok“ finden sich auf TikTok Inhalte mit einem Gesamtvolumen, das in die Hunderte Milliarden Aufrufe geht. Auch auf anderen Plattformen wie Instagram und YouTube hat sich die Bewegung ausgebreitet, dort unter den Namen „Bookstagram“ und „Booktube“. Doch TikToks algorithmische Stärke – seine Fähigkeit, Inhalte auch an Nutzer auszuspielen, die einem Kanal gar nicht folgen – macht die Plattform besonders wirkungsvoll für die Verbreitung von Leseempfehlungen.

Was macht BookTok so mitreißend?

Der Schlüssel zum Erfolg von BookTok liegt in seiner Authentizität und Zugänglichkeit. Wer ein Video über ein Buch dreht, muss kein Literaturwissenschaftler sein. Es reicht, ein Buch zu lieben – oder zu hassen. Beides kommt gut an. Die Formate sind vielfältig: Es gibt „Book Reviews“, bei denen Nutzer kurze Bewertungen abgeben, „Reading Vlogs“, in denen jemand seinen Leseabend filmt, oder dramatische „Reaction Videos“, bei denen Leser in Echtzeit auf schockierende Romanwendungen reagieren.

Besonders beliebt sind sogenannte „Book Recommendations“ (Buchempfehlungen) mit einer bestimmten Mood – also Bücher für Menschen, die nach einer Liebesgeschichte suchen, die keine kitschige Happy-End-Garantie gibt, oder Bücher für „dunkle Nächte“, wenn man etwas Düsteres und Spannendes braucht. Diese emotionale Kategorisierung spricht Jugendliche auf eine Weise an, die klassische Genreeinteilungen oft nicht schaffen.

Hinzu kommt die Gemeinschaft. BookTok ist kein passives Konsummedium – Nutzer kommentieren, teilen, erstellen eigene Videos als Antwort auf andere. Es entstehen Gespräche, Debatten und Freundschaften rund um Bücher. Für viele Jugendliche ist BookTok der erste Ort, an dem sie das Gefühl haben, dass ihr Leseinteresse nicht uncool, sondern ausgesprochen trendy ist.

Die Bücher, die BookTok groß gemacht hat

Nicht jedes Buch profitiert gleichermaßen von BookTok. Besonders erfolgreich sind Titel, die intensive emotionale Reaktionen auslösen – sei es tiefe Trauer, romantische Begeisterung oder atemlose Spannung. Die sogenannten „Dark-Romance“-Romane, in denen Liebesgeschichten mit düsteren, oft moralisch ambivalenten Elementen verknüpft werden, haben durch BookTok eine riesige Fangemeinde gefunden.

Zu den bekanntesten BookTok-Erfolgen zählen Werke wie „The Song of Achilles“ von Madeline Miller, eine poetische Neuerzählung des Trojanischen Krieges aus der Perspektive von Achills Geliebtem Patroklos, oder die „A Court of Thorns and Roses“-Reihe der amerikanischen Autorin Sarah J. Maas, deren Fantasy-Romane nach ihrem Viral-Moment auf TikTok wochenlang Bestsellerlisten anführten. Auch Colleen Hoovers Bücher – besonders „It Ends with Us“ – wurden durch BookTok zu globalen Phänomenen. Hoover, die jahrelang als unabhängige Autorin arbeitete, wurde durch die Plattform zum meistverkauften Namen des Jahres 2022.

Das Phänomen zeigt, wie stark BookTok die Macht hat, vergessene oder übersehene Bücher ins Rampenlicht zu rücken. Viele der Titel, die auf TikTok viral gehen, sind keine Neuerscheinungen, sondern Bücher, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten auf dem Markt sind. Durch ein einziges virales Video können sie plötzlich ausverkauft sein.

Rumänien ist dabei

Auch in Rumänien hat BookTok eine begeisterte Gemeinde gefunden. Rumänische Jugendliche sind aktive Teilnehmende der globalen Bewegung, und auf TikTok finden sich zahlreiche rumänischsprachige Kanäle, die Buchempfehlungen in der Landessprache anbieten. Rumänische Buchhändler und Verlage berichten von einem spürbaren Anstieg der Verkaufszahlen bei Titeln, die auf TikTok besprochen wurden – insbesondere von übersetzter internationaler Literatur, aber auch von heimischen Autoren.

Das Interesse an Literatur wächst dabei nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ: Jugendliche, die durch BookTok mit leichter Unterhaltungsliteratur begonnen haben, entwickeln oft eine tiefergehende Leseleidenschaft und wagen sich mit der Zeit auch an anspruchsvollere Werke. Bibliotheken in Bukarest, Klausenburg/Cluj und anderen Städten berichten von einem Anstieg der Nutzerzahlen unter Jugendlichen – ein Trend, den Bibliothekare ausdrücklich auf den BookTok-Effekt zurückführen. Verlage und Buchhändler richten ihre Filialen sowie auch die Onlinepräsenzen auf den neuen Trend aus. Man findet hier analog wie auch digital oft ganze Abteilungen, die sich auch BookTok konzentrieren.

Die Schattenseiten des Trends

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Kritiker von BookTok weisen auf einige problematische Aspekte des Phänomens hin. Einer davon ist die sogenannte „To-be-read“-Stapel-Kultur (TBR-Stapel), bei der, Jugendliche unter dem Einfluss des Trends mehr Bücher kaufen, als sie realistischerweise lesen können. Dies führt einerseits zu unnötigen Ausgaben, andererseits zu einem gewissen Druck, mit dem Tempo der Community mitzuhalten.

Auch die Qualitätsfrage wird diskutiert. Nicht alle auf BookTok populären Bücher sind literarisch hochwertig – manchen fehlt es an stilistischer Raffinesse oder komplexer Charakterentwicklung. Die Plattform belohnt oft emotionale Schlagkraft über literarischen Anspruch, was Kritiker dazu veranlasst, von einer Trivialisierung der Lesekultur zu sprechen.

Darüber hinaus gibt es Bedenken hinsichtlich der Inhaltsbeschränkungen: Einige der auf BookTok beliebten „Dark-Romance“-Romane enthalten explizite oder problematische Inhalte, die nicht unbedingt für junge Leser geeignet sind. Die algorithmische Natur der Plattform sorgt dafür, dass solche Bücher auch an sehr junge Nutzer empfohlen werden können.

Schließlich ist da noch der kommerzielle Aspekt: Verlage und Autoren versuchen zunehmend, BookTok-Trends zu manipulieren oder zu erzeugen, was die organische Authentizität der Plattform gefährdet. Wenn Leseempfehlungen zu bezahlten Werbebotschaften werden, verlieren sie das, was sie ursprünglich so wirkungsvoll gemacht hat.

Ein Blick in die Zukunft

Ob BookTok ein vorübergehender Trend oder eine dauerhafte Verschiebung in der Lesekultur ist, wird sich zeigen. Die Zahlen sprechen vorerst für sich: Die globale Buchbranche, die teils mit sinkenden Verkaufszahlen zu kämpfen hatte, erlebt seit dem Aufkommen von BookTok eine bemerkenswerte Renaissance. Verlage weltweit investieren in Social-Media-freundliche Buchgestaltungen, schönere Cover, farblich abgestimmte Editionen – all das, was auf TikTok gut aussieht.