Vor Kurzem fand im Bukarester Kino „Apollo 111“ das Filmfestival „Cucu Bau“ statt – das strikt nur ab 18 Jahren besucht werden durfte. Denn bei diesem wurden Hard- und Softcore-Filme gezeigt, bei denen Sexualität oft im Mittelpunkt der diversen Filmauswahl stand. Unterstützt wurde die Veranstaltung unter anderem vom Goethe-Institut und dem österreichischem Kulturforum. Doch warum unterstützen diese das Festival? Und warum ist es ihnen wichtig, Sexualität auf der Leinwand zu zeigen? Dem bin ich bei einem Besuch auf den Grund gegangen.
An einem sonnigen Frühlingsabend ging ich zum Kulturzen-trum „Apollo 111“ in der Nähe vom Ci{migiu Park, in dem auch das Kino liegt. Vor dem Gebäude sammelten sich die ersten Gäste, redeten, rauchten und warteten, bis es losging. Es waren vor allem junge, kulturinteressierte Menschen da, die dann nach und nach in den Keller des Gebäudes, zum Kino, gingen. Auf dem Weg zum Einlass kam mir Andrei Popov entgegen. Er ist der stellvertretende Direktor und Pressesprecher des österreichischen Kulturforums, welches das Festival als Partner unterstützt.
Die „Saturn“-Auswahl aus Österreich
Popov erklärte, dass das österreichische Kulturforum selbst eine Filmauswahl zum Festival beisteuert: die „Saturn“-Auswahl aus den Jahren 1907 bis 1910 aus der Sammlung des Filmarchivs Austria. Diese umfasst zahlreiche Produktionen aus der ersten Phase des Kinos, in der sich das Erotische auf der großen Leinwand manifestierte.
„Intimität und Geschichte sind enger miteinander verknüpft, als man gemeinhin annehmen würde. Sexualität und ihre vielfältigen Ausdrucksformen sind gewisser-maßen zugleich Zeugnis und Spiegel jener aufeinanderfolgenden Epochen, die die Menschheit durchlebt hat“, erklärte Popov zudem. „Sie sprechen Bände über die Freiheiten, die sich die Menschen selbst zugestanden haben, und über jene Beschränkungen, die sie anderen auferlegten.“
Doch was ist in diesen Filmen zu sehen? Man sieht Menschen beim Baden, eine nackte Frau am Strand, nackte Frauen, die im Wald mit Stöcken kämpfen und Männer, die die Frauen später vertreiben.
Weit mehr als nur Unterhaltung
Dies ist laut Popov weit mehr als bloße Unterhaltung, ungeachtet ihres spielerischen, ja sogar komischen Charakters und ihrer zutiefst berührenden Naivität. „Diese Kurzfilme wurden ursprünglich als pädagogisches Instrument konzipiert – gedacht für junge Menschen, die kurz vor dem Beginn ihres Sexuallebens standen“, so Popov. „Vor allem aber zeichnen sie ein unkonventionelles Porträt des frühen 20. Jahrhunderts, indem sie dessen Scheinheiligkeit, Patriarchat, die Objektifizierung der Frau, seine Tabus sowie die Verachtung für den Körper aufs Korn nehmen.“ All dies sind laut ihm auch: „allesamt Elemente, derer sich die heutige Gesellschaft bis heute noch nicht vollständig entledigt hat…“
Die besagte „Saturn“-Filmauswahl ist im Übrigen auf der Internetseite www.filmarchiv.at/de/filmarchiv-on/video/f_030Pl57ZIe8kma5v83TvXO anzusehen.
Eine Glasschale voller Kondome
Angeregt vom Gespräch ging ich weiter zum Kino. Zuerst wird natürlich das Ticket überprüft. Freundlich wird man begrüßt und auf dem Tresen steht zudem gleich eine große Glasschlüssel mit Kondomen, bei der man sich bedienen kann. Anschließend kam ich in einen kleinen Barbereich, in dem zahlreiche Plakate des Festivals hingen. Diese sind zumeist in roter Farbe, erinnern bewusst an Rotlicht-Ästhetik und zeigen erotische Momente aus den unterschiedlichen Filmen.
Das von Filmkritiker Andrei Rus kuratierte Programm vereint Titel aus der gesamten über 130-jährigen Geschichte des Kinos und möchte verschiedene Stile, Epochen und Sensibilitäten durchqueren, so die Organisatoren. Es soll ein umfassendes Bild der Darstellung von Sexualität im Kino gezeigt werden.
Können die Filme dem Anspruch gerecht werden?
Nun gut. Viele noble Ziele, viele große Worte, aber können die Filme dem auch gerecht werden, oder sind es nur halbpornografische Werke, die den Betrachter erregen sollen?
Ich ging also in den Kinosaal und schaute mir den Film „Intimacy“ an. Dieser ist im Jahr 2001 erschienen und hat auch den Goldenen Bären in Berlin gewonnen. Im Film geht es um eine Liebesbeziehung. Die beiden Hauptcharaktere treffen sich regelmäßig, lieben sich, aber sprechen nie miteinander. So lange, bis der Hauptcharakter mehr über seine Liebschaft herausfinden möchte und sich eine komplizierte und interessante Geschichte mit einigen Plot-Twists ergibt.
Eigentlich klingt das nach einem üblichen Liebesfilm. Der einzige Unterschied: Der Sex, den die Hauptcharaktere haben, wird auf der großen Leinwand gezeigt. Sowohl der Penis als auch Oralverkehr. Die Kamera, anders als im Porno, filmt dabei aber nicht den Geschlechtsakt, sondern das große Ganze: Wie die beiden teilweise komisch verrenkt auf dem Boden liegen, sich ungeschickt ausziehen und leidenschaftlich küssen. Es sieht ganz ungeschickt und etwas ungemütlich aus, aber es scheint, als wären sich die Charaktere sehr nah.
Der Sex als Teil der Erzählung
In üblichen Hollywoodfilmen aus dem prüden Amerika wäre eine solche Szene nur angedeutet worden. Die beiden küssen sich zum Beispiel und dann wird zur nächsten Szene geschnitten, wo der Sex schon längst vorbei ist. In „Intimacy“ ist der Sex Teil der Erzählung: Es zeigt, wie ungeschickt, unsicher die beiden eigentlich sind, wie sehr sie sich jedoch zueinander hingezogen fühlen, gleichzeitig aber auch, wie schlecht sie doch irgendwie zusammenpassen.
Mir fiel dabei vor allem auf, wie ungewöhnlich es ist, so was im Kino zu sehen, wie alltäglich es mir jedoch trotzdem erscheint. So gut wie alle erwachsenen Menschen haben sexuelle Erfahrungen gemacht und tun es regelmäßig. Es ist etwas ganz Natürliches; die explizite Darstellung ist jedoch auf vielen Ebenen verpönt, auch unter Erwachsenen. Natürlich ist eine solche explizite Darstellung nichts für Minderjährige, diese durften das Filmfestival ja gar nicht besuchen, aber auch bei vielen anderen Filmen für Erwachsene wird der Sex an vielen Stellen ausgespart und nur angedeutet.
Eine hypersexualisierte Welt
Dabei leben wir in einer Welt, die voller Sexualisierung ist: Es gibt zahlreiche Rapper, die mit riesigen Dildos durch die Musikvideos tänzeln, seit Ewigkeiten spielt die Werbung direkt damit, hübsche und erotische Menschen dafür zu instrumentalisieren, um Produkte zu verkaufen und auf sozialen Medien ist niemand vor Softcore-Videos sicher, ob man sie sehen will, oder nicht. Darüber hinaus sind Pornos im Internet leichter zu finden als jemals zuvor.
Das Problem dabei ist vor allem, dass dies alles nicht echt ist. Keines der aufgezählten Beispiele hat Interesse daran, echten Sex zu zeigen. Die Werbung will verkaufen, die Rapper wollen schockieren, die Sozialen Medien wollen Klicks und Pornos, wollen den Zuschauer möglichst gut und schnell erregen. All dies schafft ein verzerrtes Bild von Sex allgemein und darüber hinaus werden auch gerade junge Erwachsene mit überzogenen Schönheits- und Sexidealen konfrontiert, die für keinen Menschen auf der Welt zu erreichen sind und auch gar nicht erstrebenswert sind.
„Intimacy“ hingegen möchte ein gutes erzählerisches Werk sein und über Sex und Liebe erzählen. Der gezeigte Sex ist der Sex der Charaktere. Er hat keine Absicht. Er passiert in der Geschichte und jeder Zuschauer kann sich sein eigenes Bild davon machen. Vielleicht müsste die Darstellung von Sex viel öfters so sein: ohne Absicht.
Wichtig für die queere Gemeinschaft
Markus Huber, der Leiter des Goethe-Instituts, findet auch noch ein ganz anderes Thema wichtig: Aufklärung. Damit meint er nicht Aufklärung für junge Menschen, sondern Aufklärung der Gesellschaft über queere Menschen. Das Institut als Partner hat sich nämlich dafür eingesetzt, dass der Film „Taxi zum Klo“ aus den 80ern gezeigt wird.
„Die queere und schwule Gemeinschaft in Berlin der Achtzigerjahre ist bis heute besonders einflussreich für die Entwicklung von Rechten und von Räumen für diese Subkulturen, die das Leben der Stadt bis heute ausmachen“, so Huber. „Der Film gibt einen besonderen und wichtigen Einblick in diese Zeit mit Humor und mit einer Direktheit und zugleich mit einer Poesie, die bestechend ist.“ Um andere sexuelle Orientierungen oder Identitäten zu verstehen, kann es hilfreich sein, sich mit diesen offen und auch explizit zu befassen.






