Verlorene Ornamente des Stadterbes wieder ans Licht

„Phtinoporon“ blickt wieder vom historischen Gebäude herab

Die vier allegorischen Statuen, die in den ersten Jahren des letzten Jahrhunderts die Fassade des Karl-Kunz-Palastes in der Fabrikstadt schmückten, sind längst verschwunden. „Helfen Sie uns, sie wieder nach Hause zu bringen!“ (Für Spenden scannen Sie diesen QR-Code!) Fotos: Heritage of Timi{oara/ „Prin Banat”-Verein

Der Temeswarer Bildhauer Attila Nagy arbeitet an einer Statue.

An der frisch renovierten Fassade des Karl-Kunz-Palastes steht seit Kurzem wieder eine der vier Jahreszeitenstatuen: „Phtinoporon“ stellt den Herbst dar.


Niemand weiß genau, wann sie entgültig verschwunden sind... doch eine nach der anderen hinterließen sie eine leere Stelle an der Fassade des Karl-Kunz-Palastes in Temeswar/Timișoara. Durch eine Initative des Vereins „Prin Banat“ („Durch das Banat“) über die Projekte „Ambulanța pentru Monumente Banat“ („Krankenwagen für Denkmäler im Banat“) und „Heritage of Timișoara“ („Stadterbe von Temeswar“) sollen nun die vier allegorische Statuen, die die Jahreszeiten symbolisieren, wieder auf das Gebäude in der Fabrikstadt angebracht werden. Seit November 2024 blickt die erste Statue – die des Herbstes - wieder von der Fassade herab.

Der aktuelle Palast mit der Nummer 3 auf dem Boulevard des 3. August 1919 wurde vom Architekten Gábor Fodor entworfen und 1903 fertiggestellt. Das Haus war im Besitz des Temeswarer Ziegelsteinfabrikanten Karl Kunz. Cornel Grofșorean, zweimal Bürgermeister von Temeswar und Präfekt von Temesch-Torontal, wohnte einst in diesem Palast. Im Laufe der Jahre hat das Gebäude viele Eigentümer gewechselt und Verzierungen verloren, die auf alten Fotografien noch zu sehen sind: ein imposanter Löwe thronte auf dem Gebäude, ein Metallpfeil als Dachornament sowie eine Statuengruppe, die die vier Jahreszeiten darstellen und zwischen den Fenstern im zweiten Stock angebracht waren. Wann genau und wie diese Elemente von der Fassade verschwunden sind, weiß niemand so genau. Allein einige Fotografien aus der Vor- und Zwischenkriegszeit weisen noch darauf hin, wie das Gebäude einst ausgesehen hat.

Nach der Fassadensanierung des Hauses vor wenigen Jahren konnte das Gebäude etwas von seinem einstigen Glanz zurückgewinnen, doch die Fassade blieb ohne ihre Jahreszeitengöttinnen etwas leer und unvollständig. So fiel auf Initiative des Vereins „Prin Banat“ über die Projekte „Ambula]a pentru Monumente Banat“ und „Heritage of Timișoara“ die Entscheidung, in Zusammenarbeit mit der Einwohnergemeinschaft des Gebäudes die verlorenen Elemente, die in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts die Fassade des Karl-Kunz-Palastes schmückten, neu zu gestalten und sie wieder anzubringen.
„Phtinoporon“ – die erste Statue der Gruppe, die die vier Jahreszeiten darstellen – wurde im vergangenen Jahr vom Temeswarer Bildhauer Attila Nagy neu modelliert. Auch die drei weiteren  sollen demnächst nachgebildet und an der sanierten Fassade angebracht werden.

„Die allegorischen Statuen der vier Jahreszeiten verliehen der Fassade des Karl-Kunz-Palastes im Fabrikviertel einen Hauch von Eleganz und Symbolik. Mit ihrem Verschwinden verlor die Stadt nicht nur ein dekoratives Ensemble, sondern auch einen Teil ihrer Geschichte. Als Symbol für die Verbindung mit der Natur und den Zyklen der Jahreszeiten ist ihre Botschaft heute aktueller denn je. Ihre Rückkehr ist nicht nur eine Wiederherstellung der architektonischen Schönheit, sondern auch ein Spiegelbild der Bedeutung, die wir der Natur heute beimessen. Daher kann die Mobilisierung für die Rückgabe dieser Statuen als eine Geste der Bewahrung unserer Identität und unserer Verbindung mit der Umwelt gesehen werden“, so der Vertreter des „Prin Banat“-Vereins im Herbst des vergangenen Jahres.

Die Idee der Wiederherstellung dieser Statuengruppe ist eigentlich infolge eines weiteren wichtigen Ereignisses zur Aufbewahrung und Konservierung des Stadterbes entstanden. Auf dem Logo des Projekts „Heritage of Timișoara“ (HoT) ist ein Element von einer Fassade eines Gebäudes aus der Temeswarer Elisabethstadt zu sehen: Über einem Fenster an der Fassade des Romulus-Nicolin-Hauses steht der Baum des Lebens, ein Symbol der Unsterblichkeit, umgeben von zwei Pfauen, dem Symbol der Unendlichkeit und der Kunstfertigkeit. Die Fassade des Gebäudes, das zu einem historischen Ensemble gehört, war in einem sanierungsbedürftigen Zustand. Jahrzehntelang wurde die Fassade nicht restauriert und der Kopf eines Pfaus war verschwunden. Das Element mit dem fehlenden Pfauenkopf wurde vor mehreren Jahren zum Logo des „HoT“-Projektes – das perfekte Symbol für den verfallenen Zustand vieler Temeswarer Häuser und Denkmäler. Im Kulturhauptstadtjahr 2023 hat der Verein in Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Attila Nagy den Kopf wieder modelliert und angebracht. Nun ist auch das Logo des Projekts wieder vollständig.

„Was wäre, wenn wir auch andere, verloren gegangene Teile des Temeswarer Kulturerbes wieder ans Licht der Öffentlichkeit bringen könnten?“, war eine Frage, die sich Mihai Moldovan, Mitglied des Vereins „Prin Banat“ und Koordinator der Banater Denkmalschutzambulanz und der Bildhauer Nagy Attila gestellt haben und im Anschluss sich schon an die Arbeit setzten, um neue verlorene Elemente zum Vorschein zu bringen. Diesmal aber nicht nur einen Pfauenkopf - sondern eine gesamte Statue von über 2,7 Metern Höhe.

Die Reproduktion des verlorenen Originals war sehr aufwändig und erstreckte sich über mehrere Monate und Etappen. Die Ansicht der Statue wurde anhand einer umfangreichen Recherche von alten Fotografien erstellt. „So wie sie auf den Fotos zu sehen ist, enthält die Statue bestimmte Elemente wie Trauben, einen Weinbecher und Weinblätter im Haar - alles Symbole des Herbstes. Für die Zukunft planen wir, die gesamte Statuengruppe der vier Jahreszeiten neu zu gestalten“, erklärt Mihai Moldovan. Doch das ist gar nicht leicht, denn für die nächste Statue, die den Frühling symbolisiert, gibt es nur Seitenbilder. „Es ist schwierig, sie eins zu eins wiederherzustellen, denn die alten vorhandenen Bilder zeigen die Statue nur von einer Seite. Wie die andere Seite aussah, müssen wir uns selbst vorstellen“, sagt der leidenschaftliche Restaurator.

„Der Herbst“ ist 2,75 Meter hoch und wiegt rund 100 Kilogramm. Über 4000 Euro kostete die Reproduktion. 75 Prozent der Kosten für die Realisierung wurden durch die Großzügigkeit einer Temeswarer Firma gedeckt. Der Rest des Geldes kam von der Wohnungseigentümergemeinschaft. Damit auch die übrigen Statuen ihren Platz an der Fassade des Hauses finden können, werden die Einwohner von Temeswar und die Liebhaber des kulturellen Erbes um Spenden gebeten. Wer zur Wiederbelebung des bebauten Stadterbes finanziell beitragen will, kann es unter dem QR-Code auf dem Bild weiter unten tun.
Auch wenn derzeit die Reproduktion der zweiten Statue etwas schwierig verläuft, soll diese am 10. Juni – am Art-Nouveau-Welttag – an der Fassade des Karl-Kunz-Hauses gegenüber des „Regina Maria“-Parks (früher Temeswarer „Volkspark“ – der älteste Park der Stadt) angebracht werden. Der Verein bereitet für diesen Tag eine umfangreiche Eventreihe vor, die den Art-Nouveau-Bauten in der Bega-Stadt gewidmet ist.