Vom Theaterfestival zur Storchzählung


Kultur und Natur liegen im Kreis Hermannstadt eng beieinander. Immer, wenn ich zu Besuch in meine Geburtsstadt Hermannstadt komme, bin ich fasziniert von der Vielfalt an Erfahrungen, die mich hier erwartet. So auch dieses Mal. Zehn Tage Theaterfestival warten auf mich mit über 800 Veranstaltungen! Von morgens bis spät in die Nacht locken Theaterstücke auf Deutsch oder Rumänisch mit entsprechenden Untertiteln, Ballettaufführungen und Konzerte, Vorträge, Straßentheater und Akrobatik, Clownerie, Jonglage und Feuershows, Ausstellungen, Installationen, Kirchenführungen und einiges mehr. Welch eine Auswahl! Wie viele verschiedene Eindrücke und Begegnungen! Ich bin selten so gesättigt gewesen an Kultur, an Gedanken zum Weiterdenken, an positiver Energie, die noch lange nachwirkt.

Und mittendrin kommt die Einladung von Friedrich Philippi, einen Tag lang an der Storchzählung durch den Kreis Hermannstadt mitzuwirken. Schon oft hatte er mir und meiner Familie davon erzählt. Seine Begeisterung hatte so ansteckend gewirkt, dass meine damals neunjährige Tochter einen Vortrag in ihrer Stuttgarter Schule über die Störche in Siebenbürgen hielt. Und jetzt kann ich das Ganze live erleben! 

Ausgestattet mit Fernglas, Kamera und genügend Trinkwasser steige ich in den Neunsitzer-Mercedes zu Friedrich und seinen Storchzählfreunden Anselm, Matthias und Sven aus Brandenburg. Unsere Route geht über Reussdörfchen/Rusciori, Kleinscheuern/Șura Mică, Salzburg/Ocna Sibiului, Topârcea, Ludoș, Gießhübel/Gusu, Törnen, zurück über Bro{teni, Armeni, Al²mor, Stolzenburg/Slimnic, Hahnbach/Hamba und Großscheuern/Șura Mare. In jedem der Orte halten wir an. Fünf Ferngläser richten sich gen Himmel und suchen das Storchennest in einiger Entfernung ab: Ist es bewohnt? Wie viele Schnäbelchen strecken sich in die Höhe? Sind auch Storchmutter oder -vater im Nest? Meistens sind wir uns einig. Nur ab und zu ist das große Fernrohr nötig, um sicherzugehen, dass wir uns nicht verzählt haben. 

Friedrich Philippi notiert alles genau; später wird er daraus einen Bericht verfassen und die Daten mit denen der Vorjahre vergleichen. Seit 38 Jahren widmet er sich dieser Tätigkeit mit unglaublicher Ausdauer und Leidenschaft. Er kennt die siebenbürgischen Ortschaften wie seine Westentasche, weiß jede Abzweigung und auf welchen Masten die Nester stehen. Er und die Ornithologen aus Brandenburg kommen mir vor wie ein wandelndes Lexikon; ich lerne viel über Störche, deren Flugrouten und Lebensweise. Und so ganz nebenbei sehe ich die siebenbürgische Landschaft an mir vorbeiziehen. Wir durchqueren das Hochland zwischen Salzburg und Törnen, überholen Pferdewagen und bleiben kurz beim Ziehbrunnen in Bro{teni stehen.  

In Gießhübel halten wir beim Haus des Kurators Georg Gottschling an und werden von ihm und seiner Frau herzlich begrüßt. „Du kannst gerne Sächsisch mit ihnen sprechen“, raunt Friedrich mir zu. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen! Die Offenheit und Gastfreundschaft beeindrucken mich. 

„Ist es der Kultur oder der Natur wegen, dass du gerne nach Siebenbürgen fährst?“, werde ich nach meiner Rückkehr in Stuttgart gefragt. „Es ist vor allem der Menschen wegen“, antworte ich.