Wie Deutsche und Engländer den Fußball nach Rumänien brachten

Die beliebteste Sportart im Land kam am Anfang des 20. Jahrhunderts auf und war geprägt von vielen europäischen Einflüssen

Ein Foto des Freundschaftsspiels zwischen dem FC Venus Bukarest und CS Chinezul Temeswar, das im Jahr 1936 in Bukarest stattfand | Archivfoto: Fotograf unbekannt

„Sicher ist, dass im Jahr 1907 in der Nähe der Kiseleff-Straße auf einem improvisierten Platz das erste Fußballspiel in Bukarest stattfand“, berichtet das Geschichtsmagazin „historia.ro“. Das Besondere dabei war jedoch: Die Rumänen waren nur Zuschauer. Es spielten Engländer und Deutsche, die in der Textil- oder Ölindustrie in Bukarest, Ploiești oder Câmpina arbeiteten, so das Magazin. Ab diesem Zeitpunkt startete die Fußballkultur nach und nach auch in Rumänien. Geprägt von vielen anderen europäischen Ländern, als ein internationaler, gemeinschaftlicher Sport. 

Der Spielbericht, veröffentlicht in der Zeitschrift „Din lumea sporturilor“, gilt als Geburtsstunde des rumänischen Fußballs, erklärt „historia.ro“. Dieselben Deutschen und Engländer gründeten dann 1909 den „Verband Rumänischer Fußballvereine“, dessen Gründungsurkunde in Englisch, Deutsch und natürlich Rumänisch verfasst wurde. 

Damals existierten drei Vereine: Colentina A.C. und ASC Olimpia, beide aus Bukarest, sowie United aus Ploiești, die überwiegend mit ausländischen Spielern besetzt waren – so berichtet auch Radio România Actualități. Der Verband spielte auch in Konstantinopel, als Rumänien, gegen andere Deutsche und Engländer, die die Türkei vertraten, so das Geschichtsmagazin.

Ein Phänomen, das in Deutschland längst angekommen war

Dies lag vor allem daran, dass Fußball in England erfunden wurde und sich daraufhin auch rasch in Deutschland verbreitet hat. Viele bis heute bekannte deutsche Vereine wurden um das Jahr 1900 gegründet, unter anderem Hertha BSC (1892), Hannover 96 (im Jahr 1896), der SV Werder Bremen (1899), der 1.FC Nürnberg (im Jahr 1900), der FC Bayern München (1900) und viele weitere, die auch noch heute in den deutschen Profiligen spielen. 

Das Phänomen Fußball war also bei deutschen und englischen Sportbegeisterten längst angekommen. Dem wollten sie wahrscheinlich auch in der neuen Heimat nachgehen. „Dabei schauten die Rumänen zu, lernten und begannen sogar, den neuen Zeitvertreib nachzuahmen. Denn Fußball war neben dem Spiel auch Unterhaltung“, so Radio România Actualități weiter.

Im Dezember 1909 und Januar 1910 fand dann der erste nationale Fußballwettbewerb, der ASAR-Pokal, statt. Dieser kam der ersten nationalen Meisterschaft gleich. Jahr für Jahr stieg die Anzahl der Mannschaften, und immer mehr Rumänen spielten in ihnen – unter anderem im damals erfolgreichen FC Venus Bukarest, im Jahr 1914 gegründet. Der Fußball wurde größer, aber erst mal noch nicht direkt professioneller.

„Vor dem Ersten Weltkrieg erlebte der Bukarester Fußball eine Ära, die seine Organisatoren unmittelbar nach 1918 bis 1920 als ‘romantisch’ oder ‘bahnbrechend’ bezeichneten“, so „historia.ro“. Denn die Spieler waren zu dieser Zeit in den Vereinen gleichzeitig Präsidenten, Sekretäre, Kassierer und manchmal auch gleichzeitig Sonderkorrespondenten für Zeitungen, die Sportkolumnen veröffentlichten.

Große Veränderungen nach dem Weltkrieg

Vieles veränderte sich jedoch nach dem Ersten Weltkrieg – vor allem auch Rumänien, welches nun deutlich größer war als zuvor. 1920 fand die sogenannte „Sportvereinigung“ statt. Ab diesem Jahr dehnten die Sportbehörden des Alten Königreichs ihre Autorität auch auf Siebenbürgen, das Banat, die Bukowina und Bessarabien aus. Der Fußball wurde professioneller, ähnlicher dem, was er heute ist – insbesondere auch dank der neu hinzugekommenen Vereine. „Der beste Fußball des Kontinents wurde nämlich damals in Österreich, Ungarn und Böhmen gespielt“, so „historia.ro“. Die Meisterschaft des vereinigten Rumäniens wurde danach jahrelang von Mannschaften aus Siebenbürgen und dem Banat dominiert, und deren Spieler stellten später den Großteil der Nationalmannschaft. 

In den 20ern wurden zudem immer mehr Vereine gegründet, die aus größeren Strukturen bestanden. Zum Beispiel auch der Verein Rapid Bukarest (1923), der jüdische Verein Maccabi Bukarest (1919) und Fotbal Club Ripensia Temeswar (1928). Ab der Saison 1921/22 wurden außerdem erstmals die nationale Meisterschaft mit der Teilnahme von Mannschaften aus allen Provinzen des nun größeren Landes ausgetragen. Es gab jedoch noch keine Meisterschaft nach einem Ligasystem; die Spiele wurden zunächst regional und dann im K.-o.-System zwischen den jeweiligen Regionalsiegern ausgetragen. 

Das erste Länderspiel

Kurz nachdem der Vereinsfußball so richtig ins Rollen gekommen war, gründete sich auch die rumänische Nationalmannschaft. England trug sein erstes Länderspiel bereits 1872 aus, Deutschland offiziell im Jahr 1908 und Rumänien etwas später im Jahr 1922. Dazu gibt es eine spannende Geschichte, über die der rumänische Fußballverband in einer Broschüre selbst berichtet:

Am 20. Februar 1922 fand in Bukarest die Verlobung von Prinzessin Mărioara mit Alexander I. von Jugoslawien statt. Die Hochzeit war für den 8. Juni in Belgrad geplant. Am Abend des 20. Februar gab es ein Abendessen im alten Königspalast. Dragutin Kostic, Präsident des Belgrader Fußballverbandes, traf ein, ebenso wie Dr. Nicolae Sabu, Präsident des rumänischen Fußballverbandes und Mario Gebauer (der den ersten Fußball nach Rumänien gebracht haben soll und in der Fußballwelt gut vernetzt war).

Die drei beschlossen, dass die Fußballmannschaften von Bukarest und Belgrad am 9. April ein Freundschaftsspiel austragen sollten. Das Spiel fand am geplanten Termin statt und endete unentschieden, 2:2. Daraufhin wurde ein Freundschaftsspiel als „Rückspiel“ für den 8. Juni auf serbischem Boden angesetzt. 

Gebauer ging deswegen am 12. April zu einer Audienz bei Königin Maria, schlug das Spiel vor und sie stimmte zu. Sie beauftragte Gebauer mit der Zusammenstellung des Kaders. Es sollte aber eine Nationalmannschaft des vereinten Rumäniens werden, nicht irgendeine Mannschaft. Vom 12. April bis zum 8. Juni hatte Gebauer also weniger als zwei Monate Zeit, um das erste Spiel in der Geschichte der rumänischen Nationalmannschaft vorzubereiten, welches dann mit 2:1 gegen Jugoslawien gewonnen wurde.

Professionalisierung, Bestechung, Skandale

Der Fußball war also gerade in der Zwischenkriegszeit stetig dabei, größer und beliebter zu werden. Die Sportart wurde zu einem Spektakel für alle, die sich dafür interessierten.

Durch die Popularität schlichen sich jedoch negative Begleiterscheinungen ein: Insbe-sondere Bestechungen und Skandale, wie Radio România Actualități berichtet. „Verdachtsfälle von Erpressung, Ergebnismanipulation und unfairen Spielerkäufen waren Gegenstand häufiger Presseberichte“, so der Sender. Außerdem sollen auch Politiker den Fußball mehr und mehr instrumentalisiert haben. 

Diese Entwicklungen gipfelten in einem Spiel: Das Pokal-Halbfinale zwischen Rapid und Venus Bukarest im Jahr 1938. Eigentlich gewann Rapid dieses mit 2:1, aber der einflussreiche Politiker und Polizeipräfekt Gabriel Marinescu, der Venus unterstützte, focht dies an und in der Nacht wurden vier Rapidspieler festgenommen, angeblich wegen Passkontrollen. Rapid wurde dazu erpresst, ein Wiederholungsspiel auszutragen. Die Rapidspieler Barátky und Auer, die verhaftet wurden, trafen dabei jeweils zwei Mal. Rapid gewann mit 4:1.

Alles „Alte“ muss weg, so schnell es geht

Nach der Zwischenkriegszeit begann der Zweite Weltkrieg. Ab 1942 stoppte der Fußball auch in Rumänien komplett. Nach dem Krieg sah Rumänien wieder ganz anders aus. Ein kommunistisches Regime regierte nun und veränderte nochmal grundlegend die Fußballlandschaft: Bekannte Mannschaften mussten neuen, staatlich kontrollierten weichen, wie Steaua oder Dinamo jeweils aus Bukarest.

„Diese hatten auch die größten Chancen, nicht nur aufgrund ihrer enormen Budgets im Vergleich zu anderen, sondern auch, weil gute Spieler aus dem Land unter Zwang abgeworben wurden, um für Steaua oder Dinamo zu spielen“, so Radio România Actualități.

Die nächste große und umfassende Wende im rumänischen Fußball gab es dann nach 1990. Bei dieser wurden alle Vereine wieder privatisiert, in teilweise chaotischen Verfahren. 

Der Fußball hat sich, wie ganz Rumänien, stets verändert. Von den Ursprüngen ist jedoch wenig übrig. Moderne Vereinsstrukturen, die oft einzelnen Geschäftsmännern gehören, haben wenig gemeinsam mit dem ursprünglichen Verein aus der Anfangszeit des Fußballs. Denn eigentlich waren die ersten Fußballer in Rumänien vor allem elf Freunde mit einem Ball, die gerne spielten. Davon gibt es, auch abseits der größeren Fußballclubs, sicherlich auch heute noch einige im Land.