Wort zum Sonntag: Bei Christus gibt es keine Außenseiter

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ – Epheser 2,19

Ein verregneter Nachmittag in Mediasch. Ich war für einen Kongress mit dem Zug angereist. Angekommen am Bahnhof, drängte sich aus den Waggons eine Menge Menschen. Mittendrin stand ein älterer Herr, der sichtlich die Orientierung verloren hatte. Ich bot ihm an, den Koffer zu tragen, und wir kamen ins Gespräch. 

Vor Jahrzehnten war er nach Deutschland ausgewandert, nun erstmals wieder auf Heimatsuche in Siebenbürgen. „Wissen Sie“, sagte er, während wir durch den Regen gingen, „in Deutschland war ich immer der ‚Rumäne‘, ‚der Aussiedler ‘. Jetzt bin ich hier… und fühle mich wie ein Fremder aus dem Westen. Ein ‚Buletin‘ (Ausweis) habe ich nicht mehr, mein Pass macht mich zum Touristen. Wo gehört man hin, wenn man …?“ Er sprach den Satz nicht zu Ende. 

Diese Frage berührt in gewisser Weise auch den Nerv unserer Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR), die seit Generationen zwischen Bleiben, Gehen und Zurückkehren lebt. Dieses ständige „Dazwischen“ erzeugt eine „seelische Heimatlosigkeit“. Der Psychoanalytiker Erich Fromm sagte: „Der Mensch kann der Einsamkeit nur entgehen, wenn er eine Form der Verbundenheit mit der Welt findet.“ Fehlt sie, wird das Leben zum Provisorium. Der Philosoph Søren Kierkegaard sah dieselbe Not noch tiefer: Die größte Verzweiflung ist die, man selbst sein zu wollen, ohne in Gott gegründet zu sein!

Mitten in diese Zerrissenheit spricht der Wochenspruch das erlösende Urteil: nicht mehr Gäste, nicht mehr Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen, Gottes Hausgenossen sein. Paulus erklärt uns für dauerhaft „eingebürgert“. Gott verlangt keinen Herkunftsnachweis! 

Ich darf das sagen: Ich bin kein Sachse, kein Deutscher. Und doch ist diese evangelisch-lutherische Kirche meine Heimat geworden, nicht wegen Sprache oder Tradition, sondern allein aus Gnade. Und Sie, liebe Schwestern und Brüder in Christus, sind meine Familie.

Wir blicken auf unsere Kirchenburgen, einst für Hunderte, ja für Tausende gebaut, und sitzen heute oft in kleinen, überschaubaren Kreisen zusammen. Manchmal fühlen sich „die Netze“ leer an. Und doch geschieht das Unerwartete: Wir sehen, wie die Heimatortsgemeinschaften aus der Ferne ihre alte Kirche erhalten und nicht vergessen. 

Wir sehen, wie im Sommer die Sommersachsen kommen und manche wieder Wurzeln fassen. Wir sehen, wie Deutsche herziehen und sich für eine Gemeinde bei uns entscheiden. Wir sehen, wie Rumänen bei uns ihre geistliche Heimat finden. Wir sehen, wie Menschen anderer Konfessionen mit uns beten und mit uns Kirche sind – auf schöne, ökumenische Weise. Christus füllt unsere Netze: mit Gemeinschaft, Glauben, Brotbrechen, Gebet und Nachfolge.

Doch dieses „Bürgerrecht“ ist teuer erkauft. Sein Fundament liegt nicht in Staatsverträgen, sondern im schweren Holz von Golgatha. Am Kreuz hat Jesus Christus den Preis unserer „Einbürgerung“ bezahlt. Dort schrie er unsere tiefste Gottverlassenheit und Heimatlosigkeit heraus. In seinem Blut hat er alle Grenzen, Zäune und Ausgrenzungen überwunden. Golgatha! Dort wurde der König des Universums arm und schutzlos, damit wir Bettler und Fremdlinge die Schlüssel zu seinem Palast erhalten. Durch seine Wunden sind wir für immer zu Hause!

Wer das begreift, wer diese Wahrheit umarmt, für den verliert das „Dazwischen“ seine Macht. Wir sind keine Statisten, keine Nebendarsteller einer vergangenen Zeit… Wir tragen ein himmlisches „Buletin“ (Ausweis). Darum müssen wir nichts ängstlich verteidigen, sondern dürfen Gottes Gastfreundschaft widerspiegeln… dem Rückkehrer, dem Zugezogenen, dem Fremden. Bei Christus gibt es keine Außenseiter. Der Tisch des Herrn ist reich gedeckt und für jeden ist ein Platz reserviert. Möge Jesus Christus, das Licht der Welt, in unseren Herzen leuchten, unseren Glauben stärken und uns auf dem Weg des Friedens leiten!