„Die Liebe hört niemals auf“ schrieb der Apostel Paulus einst an seine Gemeindeglieder in Korinth. Und Aurelius Augustinus schrieb (In Epistolam Joannis ad Patmos): „Es gibt überhaupt nichts Gutes, das nicht in der Liebe seine Wurzel hätte“.
Eine der mächtigsten und stabilsten Formen der Liebe ist jene, die eine Mutter mit ihrem Kind schon vom ersten Augenblick an verbindet. Denn wie sonst wäre jemand in der Lage, Schmerzen, Entbehrungen und Sorgen auf sich zu nehmen, wenn nicht die Liebe dazu anstiften würde. Wie sonst könnte ein kleines, schutzloses Wesen besser geschützt werden als durch jene Himmelsmacht, die keine Grenzen kennt, weil sie von Gott selbst kommt. Dass die Liebe nicht aufhört, zeigt auch eine wunderbare Geschichte des Norwegers Knut Hamsun, seines Zeichens Nobelpreisträger für Literatur im Jahre 1920:
„Fragt jemand, was die Liebe ist, so ist sie nichts als ein Wind, der in den Rosen rauscht und dann wieder dahinstirbt. Oft aber ist sie auch wie ein unzerbrechliches Siegel, das das ganze Leben dauert, bis zum Tode. Gott hat sie in vielerlei Arten geschaffen und hat sie bestehen oder vergehen lassen:
Zwei Mütter gehen auf einem Weg dahin und sprechen miteinander. Die eine ist in heitere blaue Gewänder gekleidet, denn ihr Geliebter ist von der Reise heimgekommen. Die andere ist in Trauer. Sie hatte drei Töchter, zwei dunkle – die dritte war blond, und die blonde starb. Es ist zehn Jahre her, zehn ganze Jahre, und doch trägt die Mutter noch Trauer um sie. „Es ist so herrlich heute!“ jubelt die blaugekleidete Mutter und schlägt die Hände zusammen. Die Wärme berauscht mich, die Liebe berauscht mich, ich bin voller Glück. Ich könnte mich hier auf dem Weg nackt ausziehen, meine Arme der Sonne entgegenstrecken und ihr Küsse senden. Aber die Schwarzgekleidete ist still, lächelt nicht und antwortet nicht.
Trauerst du immer noch um dein kleines Mädchen? fragt die „Blaue“ in der Unschuld ihres Herzens. Ist es nicht zehn Jahre her, seit sie starb? Die in schwarz Gekleidete antwortet: Doch. Jetzt würde sie 15 Jahre alt sein.
Da sagt die „Blaue“, um sie zu trösten: Aber du hast andere Töchter am Leben, du hast noch zwei. Die „Schwarze“ schluchzt: Ja. Aber keine von ihnen ist blond. Sie, die starb, war blond. Und die beiden Mütter trennen sich, und jede geht ihres Weges, jede mit ihrer Liebe...
Die Mutterliebe hört niemals auf. Sie verwandelt sich vielleicht in Trauer, aber sie hört niemals auf. Sicherlich wird sie sich auch wieder in Freude verwandeln, wenn sich Mutter und Tochter in ihrem himmlischen Vaterhaus wiedersehen.
Die Liebe hält die Hand der Mutter, die eigentlich schlagen will, sie dämpft die Stimme und lässt sie wieder lieblich klingen, auch wenn sie zornig ist.
Aus Liebe tut die Mutter noch so manchen Handgriff, auch wenn sie eigentlich schon sehr müde ist. Und irgendwann auf dem Weg in das Erwachsensein gewinnt jedes Kind die Erkenntnis: „Meine Mutter ist die beste!“
Und deswegen danken wir anlässlich des Muttertages allen Müttern und Großmüttern, dass sie uns jeden Tag aufs Neue das Wertvollste schenken, was sie besitzen: ihre Liebe. Und dem allmächtigen Gott, dass dieses eines der wenigen Geschenke auf Erden ist, das immer in reicherem Maße zu dem Schenkenden zurückkehrt.





