„Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“ – Johannes 12,32.
Die gegenwärtige Weltlage ist von einer seltsamen Spannung geprägt. Kriege zerreißen ganze Regionen, geo-politische Machtblöcke verhärten sich, technologische Kontrolle wächst schneller als moralische Reife und selbst die grundsätzliche Idee der Wahrheit scheint im Strom konkurrierender Narrative unterzugehen.
Der moderne Mensch verfügt über globale Kommunikationsmittel und erlebt dennoch eine tiefe seelische Vereinsamung. Gerade in einer solchen Epoche gewinnt das Wort Christi aus Johannes 12,32 eine ungeheure Aktualität. Denn unser Herr spricht hier von einer Kraft, die stärker ist als die Zentrifugalkräfte der Geschichte: „Wenn ich erhöht werde … will ich alle zu mir ziehen.“
Hiermit macht Jesus Christus uns Menschen zu Gottes Erben und Gott ist kein abstrakter Geist, sondern lebendige Liebe. Der Mensch wird nicht lediglich in ein metaphysisches System integriert, sondern in die Gemeinschaft Gottes hineingezogen, so wie der Prophet Jeremia es schon im siebten Jahrhundert v. Chr. einleuchtend beschrieb: „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“(Jer. 31,3)
Und das kann nach Johannes 12,32 nur am Kreuz geschehen. Was äußerlich wie Niederlage aussieht, wird im Zeichen des Kreuzes zum kosmischen Zentrum der Versöhnung. Christus herrscht nicht durch Gewalt, sondern durch Selbsthingabe. Darin liegt die radikale Differenz zwischen göttlicher und weltlicher Macht. Die Imperien der Geschichte ziehen Menschen durch Angst an sich; Christus hingegen zieht durch Liebe.
Dennoch bleibt dieses Ziehen Gottes kein mechanischer Vorgang. Liebe kann nicht erzwungen werden. Der Mensch besitzt die Freiheit, sich der göttlichen Anziehung zu öffnen oder sich ihr zu verschließen. Darin liegt die Tragik und zugleich die Würde der menschlichen Existenz. Gott sucht keine Unterwerfung, keinen blinden Gehorsam, sondern eine klare Antwort.
Vielleicht besteht die größte geistliche Gefahr unserer Zeit darin, dass der Mensch zwar weltumspannend vernetzt ist, aber die Fähigkeit verliert, sich innerlich ziehen zu lassen — von Wahrheit, Schönheit und Gott. Das Kreuz Christi ruft den Menschen daher zurück zu seiner eigentlichen Mitte. Nicht Macht erlöst die Welt, sondern Liebe, die bereit ist, sich hinzugeben.
Und so bleibt Christus, der Erhöhte, das wahre Zentrum unserer Geschichte. Während Ideologien vergehen und Reiche zerfallen, zieht das Kreuz noch immer Menschen aus Angst, Hass und Einsamkeit in die Gemeinschaft Gottes hinein.





