Zugebissen: Atemnot


Die Regierungsbildung schreitet voran. Schreitet voran wie ein traditioneller rumänischer Reigen: ein Schritt nach vorne, zwei zurück. Nach der ersten Konsultationsrunde zwischen Präsident Dan und den Parteien wissen wir nun das Folgende: Die Souveränisten wollen die Regierung, aber nicht mit den Sozialdemokraten. Die Liberalen wollen die Regierung, aber nicht mit den Sozialdemokraten. Die Progressisten wollen die Regierung, aber nicht mit den Sozialdemokraten. Die Union der Ungarn wollen die Regierung, aber nicht mit den Sozialdemokraten. Scheinbar wollen sogar die Sozialdemokraten die Regierung, aber nicht mit den Sozialdemokraten.

Und während in Bukarest die Parteien versuchen, sich gegenseitig die politische Luft abzuschnüren, stand Rumänien auf der Bühne des Eurovision Song Contest (ESC) und sang „Choke Me“. Die Schlussfolgerung lag in der Luft: Das ist kein Lied. Das ist ein Regierungsprogramm. 

Rumäniens Beitrag, gesungen von Alexandra C²pit²nescu, war ein dreiminütiger Fiebertraum aus Elektropoprock, Halsband und emotionaler Atemnot. Während Alexandra auf der Bühne stand und sich im Refrain symbolisch die Luft nehmen ließ, versuchte in Bukarest im Hinterzimmer Präsident Nicușor Dan, eine Koalition zu schmieden. Auch er stand da wie jemand, der gleich umkippt – nur ohne Nebelmaschine, Lichteffekte und fesselnder Show. Die Parallelen waren so offensichtlich, dass man sie fast übersehen konnte: Alexandra sang über toxische Beziehungen. Die Parteien führen sie. Alexandra kämpfte um Luft. Die Regierung auch. Alexandra landete am Ende auf Platz drei. Die Regierung wartet auf die Landung, denn sie schwebt weiter irgendwo zwischen „gleich“ und „niemals“. 

Doch der ESC wäre nicht der ESC, wenn er nicht gleichzeitig ein geopolitisches Brettspiel wäre. Und Rumänien wäre nicht Rumänien, wenn es nicht überall ein Planspiel wittert und dieses persönlich nimmt. Bulgarien gab Rumänien null Punkte. Die Ukraine gab Rumänien null Punkte. Die ultimative Kränkung: Wir unterstützen euren Widerstand und bekommen keine Punkte. Danke. 

Das moldawische Publikum gab Rumänien 12 Punkte. Die moldawische Jury gab Rumänien drei Punkte. Drei. Das ist weniger als ein höfliches Lächeln. Das ist ein „Wir mögen euch, aber nicht so sehr, dass es jemand merkt.“ Folgenschwere Entscheidung: Der Direktor des öffentlich-rechtlichen Senders übernahm die Verantwortung für die Jury-Entscheidung und meldete seinen Rücktritt an. Da sage noch jemand, dass der ESC keine konkreten Folgen in der Gesellschaft habe. 

Währenddessen in Bukarest lief es wie beim ESC: Alle lächeln. Alle applaudieren. Alle hassen sich. Nicu{or Dan erklärte vor laufenden Kameras, man befinde sich auf einem guten Weg. Was in der politischen Sprache Rumäniens bedeutet: „Ich habe keine Ahnung, was ich tue, aber ich hoffe, dass es niemand merkt.“
Und Alexandra? Lächelte, verbeugte sich und erklärte, „Choke Me“ sei „eine Metapher für das Gefühl, in einer Beziehung nicht atmen zu können“. Ganz Rumänien nickte. Denn wenn dieses Land etwas kennt, dann das Gefühl, nicht atmen zu können – politisch, sozial, kulturell. Vielleicht war das der wahre Grund für den ehrenvollen dritten Platz: Das Publikum hat verstanden, dass Rumänien nicht singt. Rumänien schreit. Mit Stil. Mit Drama. Mit einem Halsband, das enger sitzt als jede Koalition. Am Ende bleibt ein Land zurück, das gleichzeitig stolz und erschöpft ist. Ein Land, das beim ESC brilliert und in der Politik stolpert. Ein Land, das sich fragt, warum es ständig nach Luft ringt – und dann ein Lied in die Welt schickt, das genau davon handelt.

Rumänien hat Europa die Luft genommen. Die Regierung nimmt sie sich selbst. Und irgendwo dazwischen steht Alexandra Căpitănescu und singt weiter: „Choke me, till I feel alive.“ Rumänien fühlt sich lebendig. Aber nur, weil es ständig kurz vor der Ohnmacht steht.