Man sagt ja immer, Politik brauche klare Linien. Rote Linien, versteht sich, dick gezogen, mit moralischem Edding, wasserfest, unverwischbar. Linien, die man nicht überschreitet, niemals, unter keinen Umständen, außer natürlich, wenn die Umstände sich plötzlich „historisch“ nennen und die eigene Prinzipienfestigkeit sich als dehnbarer erweist als ein Hosengummi. So steht nun Rumänien da, zwischen den Sozialdemokraten (PSD) und dem Bündnis für die Union der Rumänen (AUR), zwei Parteien, die sich gestern noch gegenseitig als nationale Gefahr bezeichneten und heute gemeinsam lächeln wie zwei Cousins, die sich auf einer Hochzeit zufällig am Buffet treffen und feststellen, dass der andere auch den Kartoffelsalat mag. Und über allem schwebt Präsident Dan, der große Mediator, der Mann, der sich selbst als menschliche Brücke versteht, obwohl die Fundamente, auf die er sein Mandat aufbauen wollte, längst bröckeln. Er spricht von Verantwortung, Stabilität, nationaler Reife, Aussöhnung – Worte, die so glatt sind, dass man schon gefallen ist, ehe man das Ausrutschen bemerkt. Dan erklärt, er ziehe keine Seite vor, er sei nur der Mediator, der Schiedsrichter, der neutrale Hirte, der die politischen Schafe zusammenhält, auch wenn einige davon längst Wölfe sind und die anderen sich freiwillig das Fell über die Ohren ziehen. Mehr erlaubt ihm die Verfassung nicht. Die Regierung wiederum tut so, als hätte sie Optionen. Option A: Prinzipien. Option B: Machterhalt. Option C: Alles andere, wenn es nur nicht mit Option B kollidiert. Und weil Option B immer gewinnt, nennt man das Ganze dann „staatspolitische Verantwortung“, was ungefähr so glaubwürdig klingt wie ein Diätversprechen kurz vor Weihnachten. Die PSD schwören, sie würden niemals mit der AUR koalieren, niemals, nie, unter keinen Umständen – und während sie das sagen, sitzen sie bereits am Verhandlungstisch, die Stifte gezückt, die roten Linien diskret unter den Teppich geschoben. Es geht ja „nur“ um den Misstrauensantrag, nicht um eine zukünftige Regierungskoalition. Die AUR wiederum beteuert, sie werde niemals ihre „heiligen Grundsätze“ verwässern, während sie gleichzeitig die Tür zum Regierungspalast mit beiden Händen aufstößt, weil Macht bekanntlich ein hervorragendes Lösungsmittel ist, das selbst die härtesten Überzeugungen weich kocht. Präsident Dan lächelt dazu sein berühmtes Vermittlerlächeln, dieses Lächeln, das sagt: „Immer mit der Ruhe. Die Wellen werden sich schon noch legen“. Ein Satz, der längst als Synonym für „Ich habe es gewusst und trotzdem zugesehen“ gilt. Und so überschreitet man die roten Linien nicht etwa heimlich, sondern mit einer Art choreografierter Eleganz, fast schon tänzerisch, als wäre das Ganze ein nationaler Walzer: ein Schritt nach links, ein Schritt nach rechts, ein elegantes Überschreiten der eigenen moralischen Markierungen, und am Ende verbeugt man sich vor dem Publikum, das längst aufgehört hat zu klatschen. In Rumänien wird gerade bestätigt, dass rote Linien nicht dazu da sind, eingehalten zu werden, sondern um zu zeigen, wie kreativ man sie umgehen kann. Und während alle beteuern, sie hätten ihre Werte nicht verraten, sondern nur „angepasst“, bleibt die eigentliche Frage im Raum stehen wie ein schlecht gelüfteter Geruch: Wenn jede rote Linie überschritten werden darf, solange man es gut genug erklärt – wozu braucht man dann überhaupt noch Linien?
Und nun trägt der angekündigte Misstrauensantrag den dramatischen Titel „Der erste Schritt“ – als wolle die Opposition damit suggerieren, sie schreite mutig voran in ein neues Zeitalter der politischen Hygiene. In Wahrheit wirkt der Titel eher wie ein ironischer Kommentar auf das eigene Verhalten, denn wer den „ersten Schritt“ so laut verkündet, hat längst andere Schritte getan. Alle jenseits der unüberschreitbaren roten Linie.





